Das Hotel Michaelis in Leipzig geht mit der Zeit: Der Hotelfernseher hat keinen Videotext, dafür gibt es aber freies Netz (incl. LAN-Kabel!) auf den Zimmern. Sehr fein - so komme ich nicht nur zu meinen Fussball-Ergebnissen, sondern kann auch gleich meine Eindrücke von den Jugendmedientagen bloggen…
Auftakt war für mich gestern die Podiumsdiskussion “Medien 2.0 - Schöne neue Welt”, an der u.a. Christoph Amend (ZEIT Leben) und Reiner Meyer aka Don Alphonso teilnahmen. Eine schöne Zusammenfassung liefert politikorange.de; ergänzend zu den Gesprächen auf dem Podium war eine Chatwall eingerichtet, auf die das Publikum per SMS Fragen oder Bemerkungen senden konnte (ähnlich wie auch bei der re:publica), was den Diskussionen eine ganz eigene Dynamik gab. Running Gag waren dort die Chuck-Norris-Weisheiten; sehr schön fand ich den Spruch “Chuck Alphonso gruschelt nicht, Chuck Alphonso lässt gruscheln.”
Der heutige Freitag wurde durch eine Diskussionsrunde zu “Leben 2.0 - Social Networking und Datenschutz” eingeläutet, an der Daniel Bischoff (trendOne), Oliver Skopec (schuelerVZ), Christian Clawien (Mister Wong), Constanze Kurz (CCC) und Christian Stöcker (SpON). So bunt wie die Runde waren auch die Gesprächsthemen: Von den Vor- und Nachteilen anonymer vs. realer Profile auf Networkingplattformen war ebenso die Rede wie von Datenschutzproblemen bei studiVZ (Constanze Kurz bemerkte dazu nur sinngemäß: “Ihr braucht keinen Datenschutz-, ihr braucht erstmal einen Datensicherheitsbeauftragten”); über die Möglichkeiten des Data-Mining und der personalisierten Werbung (Christian Stöcker sinngemäß: “Die Rabattkarte für den Supermarkt ist mindestens genauso gefährlich wie das StudiVZ-Profil.”) wurde genauso diskutiert wie über Bundestrojaner und Vorratsdatenspeicherung. Eine sehr wichtige Debatte, gerade angesichts des Publikums: Lauter engagierte junge Leute - das Durchschnittsalter der insgesamt 500 Teilnehmer/innen beträgt laut Organisatoren 18.5 Jahre - die bei Schüler- und Studentenzeitungen, bei Internetprojekten oder alternativen Radiostationen arbeiten. Wo, wenn nicht hier, sollte über die Veränderungen von Öffentlichkeiten und Privatsphäre diskutiert werden?
Abends diskutierten zum Thema “Grenzenlos 2.0″ Farhad Payar (Deutsche Welle), Karolin Sengebusch (Eurient), Markus Beckedahl (netzpolitik.org) und Andreas Franz (MDR) - auch das eine sehr spannende Runde, in der es zunächst um die Potenziale des Internets ging, Gegenöffentlichkeiten zu schaffen und auch über Ländergrenzen hinweg politische Unterstützung zu mobilisieren. Später schwenkte auch diese Diskussion zumindest für eine Weile auf Themen wie Vorratsdatenspeicherung und Bundetrojaner um; Markus Beckedahl fasste dies prägnant zusammen: “Das Internet kann beides sein - Instrument für freie Meinungsäußerung UND Werkzeug der staatlichen Überwachung.” Auch hier hat mich die lebhafte Diskussion mit dem Publikum (per Mikro und per Chatwall) sehr begeistert; es klingt pathetisch und altersweise, aber es ist meines Erachtens tatsächlich ungeheuer wichtig, dass junge (wie ältere) Leute die “Werkzeughaftigkeit” des Internet erkennen und sehen, dass es für ganz unterschiedliche Zwecke eingesetzt werden kann, weswegen gerade im Umgang mit persönlichen Daten besondere Vorsicht geboten ist.
Zwischen den Panel-Diskussionen hatte ich zwei Stunden Zeit, um etwas über “Web 2.0 für Medienmacher (nicht nur für junge)” zu erzählen - ich war dazu vom UVK-Verlag eingeladen worden, der als Sponsor der Jugendmedientage ein eigenes Veranstaltungsangebot machen konnte. Die ursprüngliche Idee (eine Lesung aus meinem Weblogs-Buch) hatten wir ganz ganz schnell verworfen, weil das wirklich nicht in den Rahmen gepasst hätte - und ich mir selten doof vorkäme, wenn ich aus einem wissenschaftlichen Buch vorlesen würde.. :). Vorbereitet hatte ich letztlich eine Präsentation, in der ich Grundlagen des Web 2.0 vorstelle und dann anhand einer Reihe von Anwendungen und Praxisbeispiele zeige, welche Möglichkeiten für das netzbasierte Identitäts-, Beziehungs- und Informationsmanagement bestehen. Das Publikum, ca. 30 Personen und meiner Einschätzung nach im Durchschnitt auch etwa 18, 19 Jahre alt, konnte mit dem Begriff “Web 2.0″ nicht viel anfangen, doch eine kurze Abfrage zu Beginn erbrachte: Viele nutzen Wikipedia, wenn auch nur passiv, etwa eine Handvoll hat schon einmal einen Artikel dort editiert und genausoviele haben ein eigenes Blog [1]. Als ich dann aber nach der Nutzung von schülerVZ/studiVZ gefragt habe, gingen fast alle Arme nach oben…
Ich bin mir nicht sicher, ob meine Erläuterungen und Praxisbeispiele halbwegs an die Erfahrungen der Zuhörer anknüpften (und vermutlich habe ich zu viel geredet…); es war auf jeden Fall recht spannend, mal live in digg.com hineinzuschauen und zu demonstrieren, wie die “Weisheit der Masse” in Echtzeit Stories bewertet; oder bei blogpulse.com zu zeigen, wie unterschiedliche Themen im Verhältnis zueinander in den Blogs auftauchen. Unser Beispiel waren zunächst die Stichworte “Bundestrojaner” und “Vorratsdatenspeicherung” - als wir dann “Tokio Hotel” mit aufnahmen, kam folgendes dabei heraus:
Der MDAX stand auch schon mal besser
Ausserdem ging es noch um das Designen von myspace-Seiten, del.icio.us, Mister Wong und TiddlyWiki - wie gesagt, ich kann ganz schlecht einschätzen, ob ich jetzt zu viel Infos reingepackt habe oder nicht. Aber völlig unabhängig von meinem Vortrag glaube ich, dass die Teilnehmer der Jugendmedientage von den insgesamt drei Tagen ungemein viele Eindrücke mitnehmen werden. Die ganze Veranstaltung scheint mir irgendwo zwischen Klassenfahrt, Turboseminar und Pressekonferenz angesiedelt zu sein. Überall liefen Leute mit Aufnahmegeräten, Fotoapparaten und Videokameras herum, die Beiträge für politikorange [eine Art Liveticker] und unzählige andere Medien produzierten; in den Workshops gibt es (soweit ich das von außen beurteilen kann) einzigartige Einblicke in die journalistische Praxis, und abends finden Poetry Slams oder Filmpremieren statt. Ich habe ja früher auch Schülerzeitung gemacht; wenn es so etwas wie die Jugendmedientage damals (oh mein Gott, bin ich alt) schon gegeben hätte, wäre ich sofort hingefahren..
[1] Wobei mir hinterher auffiel, dass ich besser ganz konkret nach Blogs vs. mySpace, LiveJournal, etc. gefragt hätte - ich habe das dumpfe Gefühl, das gerade für Teenager Weblogs eine fremde Welt sind, aber Journale auf Plattformen wie myspace oder livejournal durchaus genutzt werden.