Ein Abend im “Franz-Josef-Stüberl”

Posted on Montag 10 Januar 2005

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Meinen ersten Samstag Abend in Wien habe ich im “Franz-Josef-Stüberl” verbracht. Ich glaube, ich habe eine neue Stammkneipe gefunden…

Als ich gegen 22 Uhr in die Eckkneipe in der Althanstr. (um die Ecke vom Franz-Josef-Bahnhof) schaute, waren außer mir nur drei Gäste (zwei Brüder + die Ehefrau des Einen) in alkoholgeschwängerter Melancholie anwesend, ausserdem die Wirtin. Die drei Gäste, die hinter mir saßen, führten Dialoge wie:

Ehefrau: “Du brauchst Dei Freiheit, I geh hoam”
Ehemann: “I brauch noch a Bier”

oder:

Bruder: “Wie hoaßt der Komiker, der mit der Brill’n?”
Ehemann: “Baron von Münchhausen”

Währenddessen fütterten sie die Jukebox, und ich kam u.a. in den Genuß von Hans Albers, den Eurythmics, “Barcelona” von Freddie Mercury sowie der deutschen Version von “Who wants to live forever”.
Die soziale Dynamik im Raum änderte sich vollständig, als gegen zwölf vier junge Amis (zwei Männer, zwei Frauen) in die Kneipe kamen, die kein Deutsch sprachen und sich nur mühsam mit der Wirtin verständigen könnten (zum Glück ist “Bier” eine halbwegs globale Vokabel). Nach etwas Aufwärmzeit bugsierten Ehemann und Bruder eine der Amerikanerinnen zur Jukebox und ließ sie einige österreichische Schlager aussuchen. Ein Hoch auf die Völkerverständigung!

Nach dieser Runde warf ich einen Euro für folgende Playlist ein:

1. Frank Sinatra: That’s life
2. Billie Holiday: I get a kick out of you
3. Tom Jones: Take me through the night
4. Billy Holiday: The child
5. Blondie: Heart of Glass

Dummerweise war die Jukebox fehlprogrammiert: Anstatt Blondie kam als letztes Roy Black “Ganz in Weiß”… Na egal, paßte irgendwie zur Stimmung im Lokal..

Während die Gespräche zwischen Ehemann, Bruder und Amis weitergingen (Bruder hatte schon seinen Arm um eine der Amerikanerinnen gelegt), hatte sich die Ehefrau zu einer weiteren Besucherin gesetzt; die beiden kannten sich anscheinend nicht, aber Frau war wohl etwas genervt bzw. fühlte sich vernachlässigt. Gegen halb eins rief sie dann ihren Mann zu sich und eine Diskussion begann, in die auch die zweite Besucherin eingriff. Der Ehemann wollte sich daraufhin von den Amis verabschieden und sagte irgendetwas wie “My wife over there is sometimes deppert”, woraufhin die zweite Besucherin laut “No, dös hob sogar I verstand’n, Dei Frau is net deppert, dös is arg” durchs Lokal rief.
Der Ehemann war anschließend ziemlich damit beschäftigt, die Wogen zu glätten (”Wenn I schon amal Englisch reden kann, läßt Du mit ned, oder wos?”), während die zweite Besucherin vehement Position ergriff (”I lern erst seit zwei Woch’n Englisch, aber My wife is deppert versteh sogar I”). Die Amis verstanden kein Wort, spürten aber anscheinend die Schwingungen. Kurz danach rief die Wirtin die letzte Runde aus, und die Amis gingen recht bald.
Als ich wenig später ebenfalls aufbrach, saßen Ehefrau und -mann, Bruder und zweite Besucherin zusammen an einem Tisch, teilten sich noch ein Bier und lachten über die ganze Situation.

Ehemann: “I mit meim depperten Hauptschulenglisch..:”
Besucherin: “Na, für die Amerikaner reicht’s…”

Ein wunderbarer erster “evening out” in Wien, und das beste ist: Das Franz-Josef-Stüberl hat unter der Woche Mittagstisch um vier Euro. Hier werde ich öfter sein!

PS. Schöner Zufall und Insiderwitz: Während all dieser Ereignisse las ich nebenbei zwei Paper über “Folksonomies” und saß unter einem Schild, auf dem “Coca-Cola: del.icio.us and refreshing” stand.



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