Experteninterviews im Projekt

Posted on Mittwoch 16 Februar 2005

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Nach der ersten Projektphase, in der es vor allem um die Anbieter-Seite ging, bin ich zur Zeit dabei, Interviews mit Autor/innen von twoday-Weblogs zu führen. Dieser Teil des Projekts ist noch nicht abgeschlossen (ich hoffe, bis Ende Februar diese Phase beendet zu haben), doch ich will im Sinne eines “progress reports” einige Hinweise posten, was mir aus den ersten Gesprächen relevant scheint.

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Zunächst stellt sich die organisatorische Schwierigkeit, Gespräche mit Personen zu führen, die teilweise nicht in Wien, noch nicht einmal in Österreich leben. Ich führe etwa jeweils die Hälfte der geplanten zehn Interviews face-to-face bzw. online durch; letztere Methode, auch “E-Interview” genannt (siehe auch Bampton/Cowton 2002), unterscheidet sich in methodischer Hinsicht vom klassischen Experteninterview. Im Kontext meines Projekts sind vor allem folgende Punkte relevant:

  • Da kein voriger Kontakt zu den potenziellen Interviepartner/innen besteht, sind in der Regel zwei oder drei Emails nötig, um den Kontakt herzustellen und insbesondere die Modalitäten des E-Interviews zu klären: Anstatt einer Komplettübersicht aller Fragen skizziere ich in den ersten Mails kurz, welche Themen mich interessieren. Im Verlauf des E-Interviews umschreibe ich dann die Fragekomplexe mit mehreren möglichst offen formulierten Fragen. Exemplarisch hier eine “Einstiegsmail”:
    Mich interessieren vor allem Deine “Blogging-Praktiken”, also das, was Du tust, wenn Du bloggst.. Du kannst meine Fragen so knapp oder ausführlich beantworten, wie Du magst (obwohl mir natürlich ausführliche Antworten am Liebsten sind.. ;-))
    Zum Einstieg wäre es schön, wenn Du einfach mal schilderst, wie und wann Du zum Bloggen gekommen bist, und ob Du neben Deinem twoday-Blog auch andere Blogs geführt hast oder noch führst.
    Ausserdem würde mich interessieren, wie Du Dein Bloggen verstehst – es gibt ja verschiedene “Stile” (Blogs als eine Art Online-Tagebuch, als berufliches oder Studien-Journal, als politisches Forum, etc.) – wie siehst Du Dich und Dein Blog selber?

    Dieses Vorgehen hat sich bislang bewährt und zu einem ergiebigen Austausch geführt.

  • Beide Formen des leitfadengestützten Interviews bieten gegenüber einer standardisierten Befragung den großen Vorteil, dass ich bei den mich interessierenden Themen deutlich stärker in die Tiefe gehen kann, also sehr viel detaillierte und “reichere” Informationen erhalte. Die Tatsache, dass die Befragten über ihre Antworten nachdenken können, sehe ich als Vorteil an: Der Reflexionsgrad ist höher, während der Verlust von Spontanität (den Bampton/Cowton als möglichen Nachteil anführen) meine Erkenntnisinteressen nicht negativ beeinflußt. Da ich keine linguistischen Analysen durchführe, benötige ich in meinen Transkripten auch keine nonverbalen Signale wie Körpersprache oder parasprachliche Merkmale (”ähhh..”, Betonungen, etc.).

  • Ein großer forschungspraktischer Vorteil des E-Interviews ist nicht zuletzt, dass die Antworten der Gesprächspartner bereits elektronisch vorliegen, d.h. die zeitaufwändige Phase der Transkription entfällt. Je nach Ausführlichkeit der Antworten entsprechen die bislang geführten E-Interviews in etwa 30-45-minütigen face-to-face-Gesprächen.

Inhaltlich bestätigen die bisher geführten Gespräche wie auch die Gruppendiskussion einige meiner Annahmen. Vor allem zeigen sie die große Bandbreite, die Blogging-Praktiken inzwischen aufweisen; ich habe bisher mit Blogger/innen gesprochen, die ihr Weblog als Ort persönlicher Reflexion, als storytelling, als Journal wissenschaftlicher Themen oder auch als Forum mit gesellschaftlicher und/oder politischer Relevanz sehen.
Diese Aufzählung bzw. meine endgültige Auswahl erhebt natürlich nicht den Anspruch, alle möglichen Verwendungsweisen abzudecken oder im statistischen Sinne repräsentativ zu sein. Allerdings denke ich, dass sie durchaus repräsentativ für die inhaltliche Differenzierung steht, die das Genre “Weblogs” inzwischen aufweist. Interessant wird daher bei der umfangreichen Auswertung vor allem sein, inwiefern die unterschiedlichen individuellen Verständnisse vom Bloggen auch zu unterschiedlichen Praktiken führen. Bei allen Gesprächen kamen bisher individuelle Blogging-Routinen zur Sprache - seien es bevorzugte Themen und/oder Blogging-Zeiten, seien es bestimmte Arten, mit Kommentaren umzugehen oder auch selber in anderen Weblogs zu kommentieren. Ich werde gesondert untersuchen, ob hier Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den verschiedenen Verwendungsweisen bestehen.

Ein weiteres interessantes Merkmal, das auch schon in den Gesprächen mit den knallgrau-Vetretern aufkam, ist die “Sichtbarkeit” von Blogs oder einzelnen Einträgen. Ich halte dies für ein zentrales Thema einer sozialwissenschaftlichen Analyse von Weblogs, da es Verknüpfungen zwischen verschiedenen Perspektiven bzw. Analysebenen erlaubt, z.B. durch Fragen wie:
- Welche technischen Merkmale und features von Weblogs im allgemeinen oder einzelnen Systemen / Providern im speziellen beeinflussen die Sichtbarkeit von Blogs, Beiträgen, Personen?
- Wie gehen einzelne Autoren mit der Frage der Sichtbarkeit um - für wen wollen sie sichtbar sein? Aber auch: Wie entscheiden sie, welche Themen für sie selber sichtbar sind - also die Frage, wie man seine zunehmend knappe Aufmerksamkeit verteilt.
- Wie wirkt sich der technische und individuelle Umgang mit der Sichtbarkeit auf einer kollektiven Ebene (hier: der twoday-community) aus? Fördern bestimmte Mechanismen das Entstehen von Subcommunities, die untereinander stark verbunden sein können, aber nur wenige Verbindungen zu anderen Teilen von twoday haben?



  1.  
    März 6, 2005 | 3:47 pm
     

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