Exkursion meines Seminars

Posted on Donnerstag 10 März 2005

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Mit etwas Verspätung, die einer unangenehmen Grippe geschuldet ist, hier noch ein paar Eindrücke von der Exkursion meiner Bamberger Studierenden nach Wien am letzten Wochenende.
Von den zehn Studierenden meines Seminars “Vernetzte Kommunikation” nahmen fünf an der dreitägigen Fahrt nach Wien teil. Für Freitag (4.3.) hatten wir insgesamt drei Gesprächstermine vereinbart, um Themen aus der Lehrveranstaltung zu vertiefen und einige neue Aspekte zu diskutieren:

Marie Ringler, Abgeordnete im Wiener Landtag für die Grüne Partei, stand uns am Vormittag für ein ausführliches Hintergrundgespräch zur Verfügung. Der Kontakt kam über die Agentur “knallgrau” zustande, die sie als Kundin führt; Marie betreibt - nach einigen Experimenten mit einer Mailingliste und SMS als Kommunikationstools - seit Herbst 2003 ein Moblog auf Basis von twoday, in dem sie über kleine und große politische Ereignisse berichtet. Sie beschrieb sehr offen und anschaulich ihren Weg in die Politik (als junge Quereinsteigerin) und die Rolle, die das Internet und im Speziellen ihr Weblog für die politische Kommunikation spielt. Als Teil ihrer Kommunikationsstrategie nennt sie bei möglichst allen öffentlichen Auftritten und Interviews die URL, um Leser/innen auf die Seite zu ziehen. Kommentare erreichen sie mittlerweile sehr regelmäßig, wobei die Menge abhängig von den Themen ihrer jeweiligen Beiträge ist - aktuelle Themen erzeugen mehr Reaktionen, als eher private Postings (worunter sie jedoch keine Kinderfotos o.ä. versteht, sondern bspw. welches politische Buch sie zur Zeit gerade liest). Probleme mit grenzwertigen Kommentaren gab es bislang keine.
Marie ist sich bewußt, dass die Möglichkeit von Politiker/innen, im Internet und speziell in Weblogs Themen anders als in gestanzter Polit-PR zu behandeln, stark von der individuellen Position in der Öffentlichkeit abhängt. Sie hat eine Ebene erreicht, auf der sie politischen Einfluß genießt, ohne dass jedoch schon all ihre Äußerungen auf die Goldwaage gelegt würden. Allerdings hat sie auch klare Grundsätze, welche Inhalte sie bloggt und welche nicht (z.B. keine wirklich privaten Themen über Familie oder Freundeskreis). Und die Form eines Moblogs erzwingt oft eine sehr kurze, pointierte Darstellung: “Mein Weblog ist nicht dazu da, hochkomplexe Sachverhalte darzustellen.”
Marie mutmaßte gegen Ende des Gesprächs, dass sie dank des Internets sicherlich die Möglichkeit hatte, in relativ kurzer Zeit eine gewisse Bekanntheit und öffentliche Wirkung zu erzielen, die vor zehn Jahren in ihrer Position noch eher undenkbar gewesen wäre. Dennoch sieht sie das Internet nicht als “Selbstläufer” - auch und gerade online müsse man sich Aufmerksamkeit “erkämpfen”, durch Verweise in anderen Medien, aber auch durch ein bestimmtes politisches Image bzw. eine bestimmte Rolle. Hier hat sie aufgrund ihrer politischen Schwerpunkte (insbes. Kultur- und Technologiepolitik) Vorteile und spricht ein eher internet-affines Publikum an; ihre Kolleg/innen, die z.B. sozial- oder arbeitsmarktpolitisch ausgerichtet sind, hätten mit anderen Personenkreisen zu tun, die andere Kanäle für die persönliche oder mediale Ansprache bevorzugen.


Im “Grünen Klub” des Wiener Rathauses

Im Anschluß trafen wir uns für ein ausgedehntes Mittags-/Arbeitsessen mit Thomas N. Burg, dem Leiter des Zentrums für Neue Medien der Donau-Universität Krems, im “Bierheurigen Gangl”. Kurzfristig stieß auch Philipp Naderer zu uns, der das feine “Sinus Weblog” (Untertitel: Szientometrie definiert Van Raan”) betreibt und dort auch schon von seinen Tageseindrücken berichtet hat. Die Gesprächsthemen beim Essen gingen quer Beet: Von den Erfahrungen mit Gruppenblogs vs. individuelle Blogs im Seminareinsatz über Möglichkeiten und Grenzen von Teamarbeit bis hin zu den verschiedenen Bezeichnungen für Kaffee, die in Wien gebräuchlich sind. Thomas betätigte sich vor allem als Frager

Für den letzten Termin übersiedelten wir in den 7. Bezirk, wo uns Dieter Rappold, Geschäftsführer von “knallgrau” erwartete. Nach einem kurzen Überblick zu den Arbeitsfeldern der Agentur zeigte er uns einige “Weblog Solutions”: Neben der Weblog-Community “twoday.net”, die auch Gegenstand meines viermonatigen Forschungsaufenthalts ist und die in den vergangenen drei Jahren stetig gewachsen ist, setzt Knallgrau Weblogs zum Beispiel auch im Community-Bereich der “Kleinen Zeitung” ein. Aus Sicht des Betreibers sind “klassische” Community-Lösungen wie Foren und Chats viel betreuungs- und damit ressourcen-/personalintensiver, da ein deutlich höherer Aufwand für Moderation und Content Creation anfällt. Der Einsatz von Weblogs verlagert einen Großteil dieser Arbeit auf die Nutzerseite, die sich um die Ausgestaltung ihrer eigenen “Räume” kümmern und Regelverstöße selber sanktionieren. Auch im universitären Umfeld können Weblogs gut eingesetzt werden, wie die erfolgreiche Kooperation mit der TU Wien zeigt. Als Höhepunkt gönnte uns Dieter sogar noch einen Sneak Preview in ein Projekt, das zur Zeit noch überhaupt nicht spruchreif ist - mehr darf deswegen hier nicht verraten werden.


Dieter Rappold präsentiert Weblog Solutions

Fazit: Aus meiner Sicht ein sehr interessanter und abwechslungsreicher Tag, der uns weitere Einblicke in die Nutzung von Weblogs aus politischer, akademischer und betriebswirtschaftlicher Sicht brachte. Es zeigt sich, dass Weblogs kein bestimmtes Einsatzfeld per se haben, sondern in völlig unterschiedlichen Zusammenhängen sinnvoll sein können, solange es darum geht, der persönliche Stimme des/der Einzelnen Gehör zu verschaffen - egal, ob das nun Kochrezepte eines Hausmanns, Literaturexzerpte einer Diplomandin, politische Begegnungen einer Abgeordneten oder noch wieder andere Dinge sind.
Der Feedbackrunde am Ende des Tages nach zu schließen, sahen die Studierenden das ähnlich, wobei ihre Exkursionsberichte noch ausstehen.. :)



  1.  
    März 11, 2005 | 2:47 am
     

    Marie Ringler erhaelt von mir den neu geschaffenen Preis "Best- und nettestaussehende Politikerin des Jahres 2005, Kategorie Ausland".
    Warum sind Gruenenpolitikerinnen in Deutschland immer rotgefaerbt und haben noch Dinkel in den Zaehnen kleben?
    *seufz*

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