Praktiken des Bloggens

[Update Ende September 2005: Über die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Blogs gibt es zur Zeit eine intensive Diskussion, siehe dazu meine Gedanken und Verweise hier.]

Zwei Monate nach meiner Rückkehr aus Wien/Krems habe ich nun den Abschlußbericht zu meinem Forschungsaufenthalt fertig gestellt. Ich habe schon während der Arbeiten in Österreich bemerkt, dass es ein längerer Text werden wird – in der jetzigen Fassung sind es knapp 80 Seiten.

Die Studie "Praktiken des Bloggens. Strukturierungsprinzipien der Online-Kommunikation am Beispiel von Weblogs" besteht aus drei Teilen: Einem einleitenden Abschnitt zu Grundlagen der Weblog-Forschung, in dem ich Daten und Forschungsarbeiten zusammentrage; ein zweiter, großer Teil mit einem kommunikationssoziologischen Modell zur Analyse von Praktiken des Bloggens, sowie ein dritter Teil mit den Ergebnissen einer Fallstudie der Weblog-Community "twoday.net".

Als ganzes verfolgt dieser Text nicht nur das Ziel, die Dokumentation der Forschungsarbeiten leisten und meine Ergebnisse der wissenschaft­lichen Community sowie allen Interessierten zur Verfügung zu stellen, sondern er soll möglichst auch als Ausgangsbasis für weitere Forschungsprojekte zum Thema Weblogs dienen, von denen ich einige im letzten Kapitel des Berichts auch skizziere. Das Dokument steht als pdf-Datei zum Download zur Verfügung – ich freue mich über konstruktive Kritik, Weiterentwicklungen und Rückmeldungen von allen, die sich mit meinen Gedanken auseinandersetzen.

[Warnung] Die folgenden Absätze sind sehr komprimierte Zusammenfassungen der beiden Hauptkapitel – der Rest des Berichts sollte sich auch für Nicht-Soziologen deutlich flüssiger lesen lassen.. ;-) [siehe auch hier]

Zusammenfassung des zweiten Kapitels

In den letzten Jahren sind zahlreiche Einsatzfelder für Weblogs entstanden, die eine differenzierte Analyse verlangen. Die zentrale These dieser kommunikationssoziologischen Studie ist, dass ein praxistheoretischer Ansatz dem Phänomen am besten gerecht werden kann, weil er Grundlagen für den Vergleich von unterschiedlichen Gebrauchsweisen und daraus resultierender Folgen liefert, die individuelles Handeln und strukturelle Resultate gleichberechtigt einbeziehen (siehe auch Abbildung 4). Weblog-Praktiken sind als eine Form der computervermittelten Kommunikation dreifach gerahmtes soziales Handeln: Technische Merkmale, die mehr oder weniger viele Optionen eröffnen, geteilte Vorstellungen und Regeln zum adäquaten Gebrauch von Weblogs, die sich in Form von Adäquanz- und prozeduralen Regeln innerhalb von Verwendungsgemeinschaften äußern, und die hypertextuellen und sozialen Netzwerke, die im Gebrauch entstehen, geben der individuellen Nut­zungsepisode einen Rahmen vor, der durch die kommunikativen Handlungen selber wieder bestärkt oder verändert wird.

Die geteilten Regeln, die sich im Laufe des Gebrauchs von Weblogs ergeben, haben eine präskriptiv-normative und eine kognitive Komponente. In Form von Adäquanzregeln bestimmen sie die Me­dienwahl, indem sie vorgeben, für welche Zwecke das Weblog anderen kommunikativen Formen vorzuziehen ist. In Form von prozeduralen Regeln bestimmen sie den Gebrauch des Weblogs, wobei Publikationsregeln, Rezeptionsregeln und Vernetzungsregeln zu unterscheiden sind. Vor allem bei der Auswahl von Themen fallen Erwartungen und Erwartungserwartungen aus zwei Rollen zusammen: Einerseits bestimmt das Selbstverständnis als Autor, welche Inhalte in welcher Art publiziert werden, andererseits bestimmen Routinen als Leser von Weblogs, auf welche Inhalte man überhaupt aufmerk­sam wird. Kleinster gemeinsamer Nenner ist die persönliche Authentizität, die Produzenten wie Re­zipienten von Texten erwarten und die als Leitbild für gelungene Weblog-Kommunikation gilt.

Den Autoren stehen verschiedene soziale und technische Möglichkeiten des Identitätsmanagements zur Verfügung, indem Inhalt und Gestaltung des Weblogs im Belieben des Einzelnen stehen, wenn auch – je nach Kontext des Weblogs – übergeordnete Regeln und Vorgaben zum Tragen kommen können. In der Leserrolle herrschen Strategien und Erwartungen des Informationsmanagements vor, die eben­falls durch soziale Faktoren (z.B. lebensweltliche Nähe, gesuchte Themen) und technische Mecha­nismen (z.B. Aggregation auf Portalen, RSS) gerahmt sind. Für die Strukturierung von Aufmerksam­keit sind die aus zahlreichen soziotechnischen Relationen geknüpften Netzwerke der Blogosphäre zentral. Hypertextuelle Verbindungen bilden die Grundlage für verschiedene Teil-Öffent­lichkeiten, deren Ausmaß von nahezu massenmedialer Dimension über thematische spe­zialisierte verteilte Kon­versationen bis hin zu Mikro-Öffentlichkeiten von wenigen Personen reicht. Aufgrund der skalen-invarianten Netzwerkstruktur verbreiten sich einzelne Informationen sehr schnell, und aufgrund der wechselseitigen Beobachtung von Massenmedien und Blogosphäre können manche Informationen auch an eine gesellschaftsweite Öffentlichkeit gelangen. Soziale Verbindungen machen Weblogs zu einer Quelle von Sozialkapital, das innerhalb von Nutzer­gemeinschaften für Informationsfluss oder Unterstützung mobilisiert werden kann.

Die Software, die beim Bloggen zum Einsatz kommt, bildet die technische Basis und gleichzeitig ei­nen weiteren stabilisierenden Rahmen der Nutzungsepisode, da sie gewisse Handlungsoptionen eröffnet und andere ausschließt. Sie unterstützt die Selektion und Präsentation von Inhalten sowie die Vernetzung mit anderen Quellen, bleibt dabei aber offen für soziale und technische Innovationen. Ihre (Weiter-)Ent­wicklung basiert auf zahlreichen Interaktionen zwischen Personen mit unterschiedlichem Experten­wissen, denn die Entwickler beziehen ihr Feedback aus (oft weblogbasierten) Netzwerken, die sie mit erfahrenen und Hilfe suchenden Nutzern teilen. Je nach Kompetenz und gewählter Software können Nutzer die Funktionen eines Weblogs modifizieren und an die eigenen Bedürfnisse anpassen, wobei Inno­vationen aus unvorgesehenen Nutzungspraktiken, die sich stabilisieren, möglicherweise Än­derungen in neuen Versionen nach sich ziehen. In den Worten von Rebecca Blood: „When any sizable number of bloggers start doing something, someone, it seems, will construct a tool to automate it – further popularizing the activity“ (Blood 2004, S. 55).

Durch das rasante Wachstum des Genres in den letzten Jahren ist das Feld weblogbasierter Kommu­nikation hoch dynamisch. Diese begriffliche Skizze sowie die folgende Fallstudie sollen zeigen, dass Weblog-Praktiken Teil eines Institutionalisierungsprozesses sind, in dem sich zwei scheinbar gegen­sätzliche Tendenzen dialektisch aufheben: 1) Die kreative Schaffung neuer Handlungsalternativen durch technische und soziale Innovationen (Öffnung; Rekombination; Kontingenz) und 2) die Ver­festigung existierender oder neuer Handlungsalternativen in Routinen, sozialen Beziehungsstrukturen und Software-Code (Schließung; Persistenz; Determination). Weblog-Praktiken sind dadurch auch Beleg der Dialektik von Struktur und Handeln, die unsere gesamte soziale Welt kennzeichnet.

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 Für eine größere Version der Abbildung hier klicken.

Zusammenfassung des dritten Kapitels

Die Ergebnisse der Fallstudie zu twoday.net, die sich mit den theoretischen Konzepten aus Abschnitt 2 beschreiben lassen, zeigen Form und Konsequenzen von Praktiken des Bloggens sowie die Dyna­mik des Institutionalisierungsprozesses einer Weblog-Community.

Ihre Nutzer bilden im Lauf der Aneignung des Mediums individuelle Routinen und Selbstverständ­nisse heraus, wobei sie auf Erfahrungen mit anderen Online-Medien und Vorbilder zurückgreifen können. Unterschiedliche Publikations-, Rezeptions- und Vernetzungsregeln bestimmen das Handeln als Autor oder Leser von Weblogs, wobei insbesondere die Aspekte des Identitätsmanagements (auf Autorenseite) und des Informationsmanagements (auf Leserseite) in Form von routinisierten Erwar­tungen und Erwartungserwartungen stabilisiert sind. Zwei Verwendungsweisen stechen aus den un­tersuchten Fällen hervor: Das Weblog als persönliches Journal sowie als Mittel für fachliche Informa­tion und Austausch. In beiden Fällen schätzen die Befragten an der Kommunikationsumgebung, dass sie weitgehende Kontrolle über die Art der präsentierten Inhalte erlaubt und den Kontakt mit ande­ren Personen erleichtert.

Weblogbasierte Netzwerke sind nicht auf die Plattform twoday.net beschränkt, sondern reichen dar­über hinaus. Die twoday.net-Blogger schaffen hypertextuelle Netzwerke, die Weblogs und andere Online-Quellen einbeziehen, um über aktuelle fachliche oder persönliche Entwicklungen zu berich­ten. Darauf bauen soziale Netzwerke auf, die über die blogbasierte Kommunikation hinausgehen und den Beteiligten Sozialkapital zur Verfügung stellen. Dies kann für so unterschiedliche Zwecke wie emotionale Unterstützung in privaten Krisensituationen, professionelles Wissensmanagement oder den Austausch von persönlichen Neuigkeiten mobilisiert werden. Es bildet auch die Grundlage für Autorität und Einfluss innerhalb der Community und kann in Fällen von Regelverletzungen zur Kon­fliktregulierung eingesetzt werden.

In der Anfangsphase hat das rasche Wachstum von twoday.net die Bildung eines harten Kerns von Nutzern begünstigt, die über längere Zeit das Bild der Community nach außen geprägt haben und dadurch auch neue Nutzer zum Bloggen brachten. Inzwischen scheint ein Punkt erreicht, an dem das weitere Wachstum vor allem zu einer Differenzierung von Subcommunities führt, die nur partielle Sichtbarkeit haben. Die verantwortliche Agentur Knallgrau beobachtet diese Prozesse und plant, auf Veränderungen in der Zusammensetzung der Nutzer mit technischen Modifikationen zu reagieren, um soziale Prozesse zu beeinflussen. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Bedienbarkeit für mög­lichst große Nutzerkreise mit unterschiedlichen Kompetenzen sowie der Unterstützung von Aufbau und Pflege sozialer Netzwerke. Innovationen in soziotechnischen Lösungen sollen das Präsentations- und Informationsmanagement innerhalb von Mikro-Portalen weiter erleichtern und so eine sozio­technische Infrastruktur für onlinegestütztes Networking bieten.

 

 

 

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