Kollaborativer Journalismus

Posted on Dienstag 16 August 2005

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Christian Stöcker hat im Spiegel Online einen kurzen Artikel über "participatory journalism" geschrieben, der vom "Seattle Post-Intelligencer" (einer Tageszeitung aus Seattle) berichtet, die ihre Kommentar-Seite für Themen und Thesen der Leser öffnet:

Every day the Editorial Board meets at 9 a.m. and debates issues to comment about. After that meeting, one of us will post the ideas that we have decided to write about.

Those ideas will then be open for reader comment — before we write a word. From time to time, we will quote in the paper from someone who posts a comment online Or we might print those comments as an instant response.

I can imagine that we might even have to rethink our position occasionally.

Man geht dort nicht ganz so weit wie die L.A. Times, die vor einigen Wochen versucht hatte, einen Leitartikel mit Hilfe eines Wikis gemeinsam mit den Lesern zu bearbeiten (und an destruktiven Nutzern scheiterte). Aber es ist doch eine ganz interessante Entwicklung, die sich in solchen Experimenten zeigt: Bürger beteiligen sich an medialer Informations- und Meinungsbildung, ergänzen also die bislang durch professionelle Praktiken und Selbstverständnisse geprägte journalistische Arbeit (siehe auch den Wikipedia-Eintrag zum Thema). Gerade im Bereich des Lokaljournalismus kann partizipatory journalism sehr gut funktionieren, wenn Bürger über Geschehnisse in ihre eigenen alltäglichen Umgebung berichten.

Ich musste bei der Lektüre des Artikels an ein Working Paper denken, das Joachim Höflich, mein Vorgänger an der FoNK und inzwischen KoWi-Professor in Erfurt, vor einigen Jahren mal verfaßt hat [ich hab die bibliographischen Angaben dummerweise gerade nicht greifbar]. Im Zusammenhang eines Forschungsprojekts zur Institutionalisierung von Online-Tageszeitungen hat er das Potenzial des Internets für partizipatorischen (Lokal-)Journalismus erörtert - er sah damals vor allem Foren zu lokalen Themen als Möglichkeit für Zeitungen, virtuelle Gemeinschaften von Lesern aufzubauen und zu pflegen. Unser Projekt hat allerdings u.a. ergeben, dass interessanterweise weder die Zeitungen noch die Leser selber ein großes Interesse an einer "Zusammenarbeit" hatten, weil beidseitig Erwartungen und Routinen aus der Print-Welt ins Internet übertragen wurden - und als besonders stabil erwies sich dabei die Erwartung, dass Tageszeitungen nun mal massenmediale Einweg-Kommunikation sind, egal ob auf Papier oder im Netz.

Es ist ganz spannend zu beobachten, wie jetzt durch Weblogs, Wikis und andere Online-Anwendungen eine neue Welle von Ideen und Projekten anrollt, Leser an der Produktion von journalistischem Content zu beteiligen - ob es sich diesmal durchsetzt? Gerade das Verhältnis von Weblogs und Journalismus ist ja recht spannungsvoll und von beidseitigen Abgrenzungsversuchen gekennzeichnet ("Mein Blog hat keinen journalistischen Anspruch" vs. "Blogs sind doch nur belanglose Online-Tagebücher"), doch gleichzeitig wächst der Bereich, in dem sich klassischer Journalismus und Weblogs überlappen: Massenmedien integrieren Blogs in ihr Online-Angebot; Weblogs beobachten und kommentieren die Medien; thematisch spezialisierte Weblogs erreichen ein Publikum, von dem so manche Online-Tageszeitung nur träumen kann. Spannende Zeiten für Journalisten…



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