Weblogs und Journalismus, mal wieder

Über Nico Lumma bin ich auf ein Interview der Leipziger Volkszeitung mit Prof. Marcel Machill (Uni Leipzig) aufmerksam geworden, bei dem es – wieder mal – um das Verhältnis von Weblogs und Journalismus geht. Als kleine Replik hier meine Einschätzung:

Weblogs sind per se kein Journalismus. Es gibt einige Weblogs, die von Journalisten geführt werden, und es gibt viele Weblogs, die von Journalisten gelesen werden, aber das macht sie nicht zu Journalismus – wohl aber zum kommunikativen Umfeld des Journalismus. Machill benennt im Interview einen wesentlichen Unterschied: "Die Schreibenden sind nicht in Redaktionsstrukturen eingebunden und müssen ihr Produkt beispielsweise nicht dem Redaktionsleiter oder Chefredakteur vorlegen." – Ich würde das ergänzen bzw. so formulieren wollen: Blogger haben andere Publikations-Praktiken, d.h. andere Kriterien, nach denen sie Informationen selektieren und für die Publikation aufbereiten. Ich kann das jetzt hier grad nicht alles systematisch diskutieren, aber das augenfälligste Beispiel ist der unterschiedliche Stellenwert von Subjektivität: Journalistische Praktiken zielen darauf ab, objektive Informationen zu veröffentlichen, während Praktiken des Bloggens am Leitbild der Authentizität orientiert sind (egal ob privates Tagebuch, Wahlblog des Politikers oder das Blog des Handelsblatt-Redakteurs). Das muss nicht heißen, dass dieses Leitbild immer erfüllt wird; in der Journalismusforschung gibt es eine breite Debatte um "subjektiv konstruierte Objektivität" und so manche Weblogs sind nicht authentisch, sondern ähneln Pressemitteilungen und PR-Verlautbarungen. Aber im Kern stehen sich Objektivität vs. Authentizität als jeweils handlungsleitende Erwartungen von Journalismus und Weblogs gegenüber.

Ich vermute, dass Prof. Machill und ich an der Stelle nicht weit auseinanderliegen. Dissens sehe ich dann aber bei einem anderen Punkt des Interviews:

– 

[LVZ] Laut Kommunikationswissenschaftler Jan-Hindrik Schmidt werden Blogs von Multiplikatoren geführt und richten sich an diese. Daraus resultiere eine überproportionale Wahrnehmung der Weblogs in Politik und Medien.

[MM] Das ist Unfug. Alle, die in die Medien wollen, richten sich an Multiplikatoren. Mit derselben Logik müsste man sagen, dass jegliche PR-Meldungen auch eine überproportionale Wahrnehmung hätten. Es ist richtig, dass Journalisten Weblogs durchstreifen, um dort auf neue Themen zu stoßen. Da-durch haben die Blogs jedoch nicht automatisch eine erhöhte Aufmerksamkeit in der breiten Öffentlichkeit.

 

Zunächst mal, in Richtung der Leipziger Volkszeitung: Mein zweiter Name ist Hinrik, nicht Hindrik – soviel zum Thema Qualitätskontrolle in Redaktionen .. ;-)

Wichtiger ist mir aber der inhaltliche Punkt: Weblogs und Journalismus sind sich insofern ähnlich, als beide Aufmerksamkeit kanalisieren und damit zur Öffentlichkeit bestimmter Themen oder Informationen beitragen. Im SPON-Text, auf den sich dieser Absatz bezieht, werde ich paraphrasiert: "Schließlich würden Blogs nicht nur von Multiplikatoren geführt, die Meinung und Nachricht verbreiten, sondern erreichten eben auch wieder vornehmlich Multiplikatoren." Was ich damit meinte:

Der Journalismus kanalisiert über Gatekeeping: Ein Journalist (bzw. die Redaktion) wählt anhand bestimmter Kriterien Informationen aus, fungiert quasi als Filter, und verbreitet sie dann (unter Zuhilfenahme komplexer technischer und sozialer Strukturen wie TV-Sender oder Pressehäuser) an ein disperses Publikum. Insofern fungiert er als Multiplikator.

Bei Weblogs filtert zwar auch der einzelne Autor (was blogge ich, was nicht?), Öffentlichkeit wird aber vor allem über die Verlinkung und Vernetzung innerhalb der Blogosphäre hergestellt, wenn sich Informationen von Blog zu Blog verbreiten. Die meisten Informationen versickern, weil sie auch für die Mehrzahl der Blogger keine Relevanz besitzen, aber immer mal wieder gelangt ein Thema "an die Oberfläche". Indem die einzelnen Blogger Informationen aufgreifen und wieder publizieren, fungieren sie auch als Multiplikatoren und das Netzwerk von Blogs als .

Weil sich Weblogs und klassische Massenmedien längst wechselseitig beobachten – viele Blogger lesen und zitieren bevorzugt die reichweitenstarken (Online-)Medien, immer mehr Journalisten beziehen Weblogs in ihre Recherchen mit ein -, besteht die Chance, dass bestimmte Informationen aus der Blogosphäre in andere (Massen)Medien übernommen werden. Das meinte ich mit "überproportionalem Einfluß": Ein einzelnes Blog mag nur 15 Leser haben, aber unter gewissen Umständen kann sich von dort eine Information in der Blogosphäre und von dort über die Medien an eine gesellschaftliche Öffentlichkeit verbreiten.

In den USA gibt es einige Paradebeispiele, die weitreichende politische Konsequenzen hatten (der Fall Trent Lott, die Rathergate-Affäre); in Deutschland ist dieser Einfluß (bislang?) eher auf Nischenthemen beschränkt (da zähle ich auch Jamba dazu) – aber ich sehe eigentlich gerade dort das Potential von Weblogs für den Journalismus: Quelle für Expertenmeinungen und aktuelle Trends zu sein, die – nach journalistischen Standards und Regeln weiter verarbeitet – einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Nicht alles, was in Weblogs geschrieben wird, ist gesellschaftlich relevant, aber immer mehr gesellschaftlich Relevantes wird (auch) in Weblogs thematisiert.

[Update] Ich habe Prof. Machill (den ich oben irrtümlich zu "Marcell" statt "Marcel" gemacht hatte, schon geändert..) per Mail von meiner Replik informiert und eine freundliche Antwort bekommen. Wir haben vereinbart, uns einmal in Ruhe über diese Themen zu unterhalten. Da er bzw. das Leipziger Journalistik-Team (darunter bspw. auch Martin Welker) ausführlich zum Thema "Online-Journalismus" arbeiten, wird das sicher ein sehr interessanter Austausch, auf den ich mich freue.

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