Erkundungen des Bloggens

Was lange währt, wird endlich gut: Im April haben wir einen "Call for Paper" für das Online-Journal kommunikation@gesellschaft herausgeben, in dem wir um Beiträge für eine Schwerpunktausgabe zu Weblogs gebeten haben.

Unter dem Obertitel "Erkundungen des Bloggens. Sozialwissenschaftliche Ansätze und Perspektiven der Weblogforschung" sind nun fünf Beiträge und eine Forschungsnotiz online. Um die Diskussion zu den Texten, die sich aus ganz unterschiedlichen Perspektiven mit Weblogs befassen, zu fördern und Kommentare zu ermöglichen, haben wir ein eigenes Weblog eingerichtet. Wir (Herausgeber und Autor/innen) freuen uns über Rückmeldungen und rege Diskussion der Aufsätze. Die Inhalte im Einzelnen:

Im einleitenden Artikel zur Schwerpunktausgabe ("Erkundungen von Weblog-Nutzungen. Anmerkungen zum Stand der Forschung.") diskutieren Jan Schmidt (Bamberg), Klaus Schönberger (Hamburg/Wien) und Christian Stegbauer (Frankfurt a. M.) den bisherigen Stand der Weblog-Forschung aus einer sozialwissenschaftlich-kulturwissenschaftlichen Perspektive. Sie kritisieren die Einengung der Perspektive der bisherigen Forschung auf Aspekte der quasi-massenmedialen Kommunikation und plädieren für eine Erweiterung des Horizonts auf die Nutzungen von Weblogs im Sinne eines ‚Mediums der Massen’ gefordert. Davon ausgehend benennen sie Forschungsdesiderate und reflektieren die methodischen Implikationen dieses neuen Medienformats.

Christopher Coenen (”Weblogs als Mittel der Kommunikation zwischen Politik und Bürgern –Neue Chancen für E-Demokratie?”) zeigt am Beispiel von Politiker-Weblogs, wie sich Regeln (=Routinen und Erwartungen) im Umgang mit Weblogs erst herausbilden und dass das Format als ganzes noch nicht gefestigt ist; Regeln aus der “Blogwelt” kollidieren mit Erwartungen und Kommunikationsmustern aus der politischen Kommunikation, die sehr stark auf Kontrolle von öffentlichen Äußerungen setzt und wenig Spielraum für Interaktivität lässt; gut möglich, dass sich Politiker-Weblogs als eine Sonderform der Weblogs etablieren, die zwar eine etwas andere Form der Selbstpräsentation von Politikern, aber keine echte Diskussion/Partizipation ermöglichen.

Julia Franz ("Praktiken des Bloggens im Spannungsfeld von Demokratie und Kontrolle") nähert sich dem Phänomen der Weblog-Nutzungen im Anschluss an das Konzept der Gouvernementalität von Michel Foucault und den Machtbegriff der Governmentality Studies. Sie untersucht dabei Weblog-Nutzungen im Hinblick auf die Ambiguität jener Form von Subjektivität, deren Idealfigur das ‚Unternehmerischen Selbst’ darstellt. In ihrer Argumentation weisen die Praktiken des Bloggens gleichermaßen ein doppeltes Potenzial auf: Das Potenzial zur Unterwerfung unter ökonomisch-herrschaftliche Zwänge sowie das Potenzial zur Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung. Weblogs liefern einerseits die Möglichkeit Informationen demokratisch zu verbreiten, gleichzeitig bilden sich aber auch Kontroll- und Selbstregierungsmechanismen durch das Veröffentlichen persönlicher Beiträge. Dieses Spannungsfeld von Demokratie und Kontrolle wird am Beispiel des demokratischen Potenzials von Weblogs in Krisengebieten sowie von politischen Weblogs zur Meinungsbildung herangezogen. Die Selbstführungspraktiken des Bloggen werden wiederum anhand von Weblogs im Umfeld von Unternehmen verdeutlicht.

Ingrid Reichmayr ("Weblogs von Jugendlichen als Bühnen des Identitätsmanagements. Eine explorative Untersuchung") berichtet von einer empirischen Untersuchung von 40 Webblogs aus dem deutschsprachigen Bereich, die von Jugendlichen und jungen Erwachsenen betrieben werden. Ihr Beitrag beschreibt verschiedene Aspekte von Weblogs und resümiert, dass diese im Vergleich zu Massenmedien authentische Weltbeschreibungen lieferten. Gleichzeitig ergebe sich eine größere Vielfalt in der Berichterstattung. Dabei würden die Weblogs eine Vermittlungsleistung erbringen, die andere Medien in dieser Form nicht leisten könnten. Diese Funktion sei auch dann relevant, wenn mit dem Weblog nur der engere Bekanntenkreis erreicht würde.

In ihrem Beitrag berichten Rasco Perschke und Maren Lübke ("Zukunft Weblog?! – Lesen, Schreiben und die Materialität der Kommunikation.") aus einem Projekt, welches im Rahmen des DFG-Schwerpunkts „Sozionik“ an der Technischen Universität Hamburg-Harburg durchgeführt wird. Die Annäherung an das Thema erfolgt vor allem mittels einer theoretischen Betrachtung. Sie verwenden in einer systemtheoretischen Perspektive dabei die im Rahmen des Projektes entwickelten Begrifflichkeiten, die unter einem Konzept namens „Communication-Oriented Modeling“ eingeführt wurden. Ferner werden damit im Zusammenhang stehende empirische Zugangsweisen diskutiert. Diese konzeptionellen Grundlagen vertieft die Harburger Forschungsgruppe (Steffen Albrecht, Maren Lübcke, Rasco Perschke und Marco Schmitt) (”‘Hier entsteht eine neue Internetpräsenz’ – Weblogs im Bundestagswahlkampf 2005”) in einer separat publizierten Forschungsskizze, die über erste Ergebnisse (und dadurch aufgeworfene Anschlussfragen) eines Projekts zum Stellenwert von Weblogs im Bundestagswahlkampf 2005 berichtet.

 

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8 Antworten auf Erkundungen des Bloggens

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  2. FoNK-Flo sagt:

    Könnte sein, dass das jetzt etwas Off-Topic ist, aber:

    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH, Herr Dr. Schmidt!

    Alles Gute zum Geburtstag, viel ForscherGlück, einen guten WebBlogWorkShop und viele neue SchüttelreimIdeen sendet
    der Flo aus dem Turm.

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  6. Conny sagt:

    Und wenn wir schon mal dabei sind: Auch von meiner Seite ganz herzlichen Glückwunsch, Herr Schmidt!
    :-)

  7. Mat sagt:

    nicht ganz leicht verdaulich, aber interessante Lektüre
    Glückwunsch!

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