Sprachwissenschaftliche Weblogforschung

Klaus Schönberger vom Institut für Volkskunde der Uni Hamburg hat mich darauf hingewiesen, dass eine umfangreiche und international vergleichende Publikation zu sprachwissenschaftlichen Aspekten von Weblog-Kommunikation erschienen ist:

Schlobinski, Peter / Torsten Siever (Hrsg.) (2005): Sprachliche und textuelle Merkmale in Weblogs. Ein internationales Projekt. In: Networx, Nr. 46. Online-Publikation: http://www.mediensprache.net/networx/networx-46.pdf.

Abstract: Weblogs sind leicht zu erstellende und zu pflegende Webangebote, die zunehmend und gleichermaßen von privaten Personen (z.B. in Form von Online-Tagebüchern) und von Körperschaften (z.B. als Support-Plattform) genutzt werden. Vor allem vor dem Hintergrund von Mündlichkeitsaspekten und Destandardisierungsprozessen, die für die herkömmlichen Online-Kommunikationsformen mehr oder minder signifikant sind, scheint eine linguistische Analyse von Weblogs lohnend. Ein zentrales Anliegen dieser Networx ist das ‚Networking’ auf internationaler Ebene: Neben deutschen werden chinesische, englische, italienische, polnische, portugiesische, russische, schwedische und spanische Weblogs sprachlich und textuell analysiert und durch eine landesspezifische Beschreibung der Blogosphäre abgerundet.

Ich hab in den langen Text (über 300 Seiten) nur mal kurz reinschauen können, aber insbesondere der internationale Vergleich erscheint mir sehr interessant und wichtig. Die Beiträge sind alle nach dem gleichen Schema aufgebaut (Überblick, Methode, Befunde zum hypertextuellen Aufbau und sprachlichen Aspekten sowie ein Fazit und Perspektiven) und bieten sehr viel empirisches Material, das den Blick über den Tellerrand (insbes. die USA und für uns Deutschland) erlaubt und hilft, kulturelle Unterschiede in Blogging-Praktiken zu identifizieren. Für die untersuchten nationalen Blogosphären nennen die Autoren folgende Zahlen:

China (2004): ca. 3 Millionen 

Deutschland (April 2005; blogstats-Daten): über 50.000

USA (Januar 2005, PEW-Daten): über 8 Millionen

Italien (Oktober 2005; Daten von verschiedenen Bloghostern): über 400.000

Polen (ohne Datum): über 1.5 Millionen

Portugal (2005): 90.000

Russland: keine Zahlen, aber alleine 200.000 russische Blogs bei LiveJournal

Schweden (August 2005): 18.000

Spanien: keine Zahlen 

 

Dieser Beitrag wurde unter Akademisches, Meta-Blogging veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

18 Antworten auf Sprachwissenschaftliche Weblogforschung

  1. andreas sagt:

    danke! kannte ich noch nicht. :)

  2. Klaus sagt:

    Zur Blogosphäre in Frankreich und Spanien:

    Na, wenn wir schon mal dabei sind, leider für Euch des Franzöischen NichtMächtigen nicht so ergiebig, aber immerhin vielleicht kann jemand spanisch:

    DOSSIER Medien / Global: Der Boom der Blogosphäre:

    http://technikforschung.twoday.net/stories/1379080/

  3. Pingback: technikforschung.twoday.net

  4. Jan Schmidt sagt:

    Ah, sehr gut. Das Jahr 2006 fängt gut an für die internationale Weblogforschung.. ;-)

  5. andreas sagt:

    klaus, cher ami,
    wer sagt denn, wir seien des französischen nicht mächtig? ;)
    danke für den hinweis!

  6. Klaus sagt:

    Das war auch eher auf Jan gemünzt, lieber Andreas ;-)

  7. Jan Schmidt sagt:

    Ja, ich gebe zu, ich spreche kein Französisch. Außer “Merde, I’le pleu” (schreibt man das so? Mein schriftliches Französisch ist noch schlechter als mein gesprochenes). Aber ich finde es schön, dass wir in den Kommentaren hier so nett zueinander sind.. ;-)

  8. Sabine sagt:

    Würde “merde, il pleut” vorschlagen, obwohl es ja momentan gar nicht regnet.

  9. Pingback: media-ocean

  10. Jan Schmidt sagt:

    Sabine, aber es kann jederzeit wieder anfangen! Merci.

  11. Sabine sagt:

    Il n’y pas de quoi.

    Aber bei den Temperaturen derzeit regnet’s eher Schnee…

  12. Klaus sagt:

    Um hier mal wieder zur Versachlichung beizutragen ;-) zititere ich nochmals aus dem euro|topics-Newsletter 12/01/2006:

    +++ Medien/ Frankreich: Blog eines Gefangenen

    Frankreich – Le Nouvel Observateur. Die Internetausgabe des
    Wochenmagazins veröffentlicht alle 14 Tage das Blog eines
    Gefangenen, der in einem französischen Gefängnis einsitzt.
    Das Blog des 39-jährigen Laurent Jacqua “ist das erste Blog
    eines Häftlings in einem französischen Nachrichtenportal…
    Laurent Jacqua sitzt in Moulins-Yseures eine Strafe von 30
    Jahren für einen Raubüberfall und mehrere Fluchtversuche
    ab… Dieser Gefangene, wie alle anderen Gefangenen auch,
    verkörpert natürlich nicht das ganze Gefängnis, und seine
    Gefangenschaft ist zweifellos keine exakte Widerspiegelung der
    Haftbedingungen in Frankreich. Keine Einzelsituation könnte
    das gesamte Gefängnissystem unseres Landes zusammenfassen.”
    Der Europarat hatte die Haftbedingungen in Frankreich Ende
    November 2005 scharf kritisiert. +++
    http://permanent.nouvelobs.com/societe/20060111.OBS1682.html
    http://blogs.nouvelobs.com/Laurent_Jacqua/

  13. Jan Schmidt sagt:

    Kleiner Nachtrag zu unserer angeregten linguistischen Diskussion hier: Gerade habe ich in den Referrern gesehen, dass ein Besucher über den Suchbegriff “merde, il pleut” auf mein Blog gestossen ist.. Beim deutschen Google bin ich auf Platz eins der Treffer…

  14. Sabine sagt:

    Kein Kommentar?!?

  15. MUslar sagt:

    An welcher Stelle steht das falsche Französisch? ;-)

  16. Jan Schmidt sagt:

    Ha, da gibts ausser meinem Blog überhaupt keine Treffer!! Aber Google schlägt immerhin “Merde, Ile bleu” vor…

  17. Pingback: Bamblog » Weblogs in Korea