Innovation a lá Schumbeta

Posted on Sonntag 22 Januar 2006

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Die letzten Tage habe ich in Österreich verbracht, um einige anstehenden Projekte (BlogTalk Reloaded; weitere Auswertung der "Wie ich blogge?!"-Umfrage) zu besprechen und an der FH St.Pölten einen kurzen Gastvortrag über Weblogs zu halten. In Wien hatte ich noch dazu Gelegenheit, einen Vortrag von Wolfgang Zeglovits zu besuchen, den er im Rahmen des "Think Loud" von Knallgrau gehalten hat - dabei handelt es sich um ein regelmäßig stattfindendes internes Get-together, bei dem üblicherweise Mitarbeiter von Knallgrau Aspekte ihrer Arbeit vorstellen. Gelegentlich laden sie externe Gäste ein; ich hatte beispielsweise im letzten Jahr dort Ergebnisse meines Forschungsaufenthalts vorstellen dürfen und konnte bei meinem jetzigen Besuch einige Daten aus der Umfrage präsentieren.

Wolfgang arbeitet zur Zeit an seiner Dissertation über "Entstehungsbedingungen von bedienungsfreundlicher Software am Beispiel von blogger.com und antville.org"; wir hatten uns im letzten Jahr kennengelernt, weil sich unsere Forschungsinteressen in einigen Bereichen überschneiden bzw. ergänzen: Wir fassen beide den Entstehungsprozess von Software als soziales Handeln auf und versuchen, die sozialen Prozesse im Umfeld von technischen Innovationen in unsere Arbeiten zu Weblogs und social software einzubeziehen.

Sein Vortrag war bewusst nicht "akademisch" gehalten, sondern eher als eine Art Reisebericht über die drei Monate, die er letzten Herbst in der Bay Area verbracht hat - im Herzen der Entwicklung von Web 2.0 und social software also. Seine mit Fotos untermalten Schilderungen von informellen Treffen, Konferenzen und Gesprächen waren sehr faszinierend und boten jede Menge Anknüpfungspunkte für meine eigenen Gedanken zu dem Thema [1]. Generell lassen sich ja zwei unterschiedliche Prozesse unterscheiden, die Software-Technologie zu einem sozialen Objekt machen (und die einem allzu technikdeterministischen Verständnis entgegenwirken, nach dem Software "einfach da" sei und ihr Code bestimme, was die Nutzer damit anfangen):

  • Die Aneignung der Software, also die Einbettung in den eigenen (Arbeits- oder privaten) Alltag. Was die Nutzer einer Software mit dieser anfangen, hängt zweifelsohne von den programmierten Features und Funktionalitäten ab, doch es gibt genug Beispiele für unintendierte Nutzungen (Comment Spam, anyone?) und interpretative Flexibilität ("Weblogs als alternative Gegenöffentlichkeit? Pah, ich bin Chef von Boeing, ich blogge einfach mal ein paar PR-Gemeinplätze über unsere Firma…").
  • Die Technikgenese, also der Prozess der Entstehung und Weiterentwicklung von Software, der auf die Koordination und Kollaboration von verschiedenen Personen angewiesen ist.

Technikgenese und Technikaneignung hängen in verschiedener Hinsicht miteinander zusammen, was die aktuellen Diskussionen rund um Social Software und Web 2.0 recht gut illustrieren: Die Entwicklung und Verbesserung von social-software-Anwendungen geschieht in zahlreichen sozialen Netzwerken von Personen mit ganz unterschiedlichen Wissensbeständen und Kompetenzen: Entwickler tauschen sich via Mailing-Listen, Blogs, Wikis, aber auch auf Konferenzen und informellen Treffen über ihre Arbeit aus; sie stehen gleichzeitig in Dialog mit den Anwendern (die selber wiederum über fortgeschrittenes technisches Verständnis verfügen können, vielleicht aber auch "nur Nutzer" sind), sei es nun über spezielle Supportforen, Mail-Anfragen oder auch das Beobachten von Nutzungspraktiken, was ebenfalls Aufschluß über mögliche Verbesserungen geben kann. In der Diskussion um das Web 2.0 spricht man ja nicht umsonst vom "Perpetual Beta" und meint damit, dass bestimmte Software prinzipiell nie abgeschlossen ist, sondern sich aufgrund von Nutzungserfahrungen und durch die Kombination mit anderen Anwendungen beständig weiterentwickelt (was durchaus auch seine Nachteile hat). Exemplarisch zeigt sich dieses Vorgehen m.E. in der Arbeit von Dirk Olbertz und den Nutzern seines Blog-Counters (ist es überhaupt noch "sein" Programm, nach all dem Feedback, das aus der Blogosphäre kommt und in die Designentscheidungen eingeht?).

Wolfgangs Ausführungen und Anekdoten haben sehr gut veranschaulicht, worauf eine solche "Innovation in Netzwerken" (wir haben es später beim Bier das "Innovationsmodell nach Schumbeta" getauft) beruhen kann: Auf der Vielzahl von offiziellen und informellen Gelegenheiten für Treffen und Austausch, der im Fall des "Biotops Bay Area" durch die räumliche Nähe von Universitäten (u.a. Stanford und Berkeley), Firmen (Silicon Valley) und anderen Organisationen (O’Reillys Foo Camp, BarCamp) sowie nicht zuletzt von den langsam wieder spendierfreudigen Venture-Capitalists begünstigt wird. Dort treffen Personen mit ganz unterschiedlichen fachlichen Hintergründen zusammen - Wolfgang schilderte Begegnungen mit programmierenden Entrepreneuren, engagierten Wissenschaftlern und Personen, die weder das eine noch das andere sind, aber ein tiefes Verständnis von sozialen Prozessen mitbringen, die sie in die Entwicklung von social software einbringen. Hinzu kommt eine kulturelle Strömung, die Aspekte der kalifornischen Alternativkultur (mit Wurzeln in den 60er Jahren), einem optimistischem Glauben an den technischen Fortschritt und dem Wunsch zusammenbringt, mit den eigenen Ideen und Produkten Geld zu verdienen (in diesem Zusammenhang ist dieser Artikel zur "Californian Ideology" ziemlich aufschlußreich).

Von solchen Zuständen ist die deutschsprachige, vermutlich auch die europäische social-software-Szene noch um einiges entfernt, und das ist in mancher Hinsicht auch ganz gut so. Die Fixierung auf den Markt und auf die technische Machbarkeit, die Rahmenbedingungen des Arbeitens und Lebens in einer solchen (gedanklich wie räumlich) hochmobilen Umgebung - das sind Aspekte des Lebens im Silicon Valley, die ich nicht unbedingt auf unsere Verhältnisse übertragen möchte. Aber aus den Mechanismen der Innovation läßt sich m.E. einiges lernen und übertragen, und es gibt ja viele Anzeichen, dass inzwischen auch in unseren Breiten eine relevante kritische Masse von Innovatoren (erneut: in einem weiten Sinn) im Bereich von Social Software existiert: Knallgraus "think loud" vernetzt in kleinem Rahmen Entwickler und Wissenschaftler; in verschiedenen Städten etabliert sich der "Webmontag" als informelles Treffen; Konferenzen wie Les Blogs und hoffentlich auch unsere "BlogTalk Reloaded" bringen unterschiedliche Perspektiven zusammen (BTW, was ist jetzt eigentlich mit der "Re:Publica" in Berlin?); nicht zuletzt natürlich die Diskussionen im Netz selber (z.B. in der Blogbar, bei Mario Sixtus oder anderswo), die beeinflussen, wie wir mit den technischen Möglichkeiten umgehen, die uns zur Verfügung stehen. Und offene Fragen gibt es da genug, auch jenseits von "Was können wir mir mit AJAX, offenen APIs und dem long tail denn so alles anfangen?". Aber die schreib ich ein ander Mal auf.. :)

[1] Ein wenig Eigenwerbung: In meinem Buch habe ich versucht, diese Prozesse am Beispiel von Weblogs zu verdeutlichen.



  1.  
    Andy-U
    Januar 23, 2006 | 2:44 am
     

    Software … Entstehung … gut, sowas zu lesen.

    Die Welt braucht weiterhin Entwickler ;-)

  2.  
    Wolfgang
    Januar 23, 2006 | 2:55 am
     

    Tolle Zusammenfassung. Freue mich bald auf ein Wiedersehen.

  3.  
    März 15, 2006 | 11:40 pm
     

    […] [3] Aus etwas anderer Perspektive habe ich dies auch in diesem Eintrag beschrieben. […]

  4.  
    Tim
    Juni 23, 2006 | 8:54 am
     

    BarCamp kommt in Kürze nach Berlin (http://barcampberlin.pbwiki.com).

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