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Das Pew Internet & American Life Project, das zu den produktivsten Forschungszentren rund um Internet Research gehört, hat eine neue Studie veröffentlicht: Boase, Jeffrey / John B. Horrigan / Barry Wellman / Lee Rainie: The strength of Internet Ties. Online verfügbar: http://www.pewinternet.org/pdfs/PIP_Internet_ties.pdf
Ich habe bislang nur mal die Zusammenfassung überflogen und kann noch nicht sonderlich viel über die gesamte Studie sagen; sie liefert empirische Belege (für die USA), dass das Internet und insbesondere E-Mail eine wichtige Rolle im Strukturwandel von sozialen Beziehungen spielen und den Trend hin zu einem "networked individualism" verstärken. Dieser Begriff geht auf Co-Autor Barry Wellman zurück, einer der profiliertesten sozialwissenschaftlichen Netzwerkforscher unserer Zeit. Damit ist die Tatsache gemeint, dass heutzutage soziale Beziehungen sich seltener auf nur wenige, eng geknüpfte und an einem Ort konzentrierte Gruppen (klassisch: die Dorf- oder Nachbarschaftsgemeinschaft) beschränken, sondern sich immer mehr Menschen in netzwerkartig strukturierten Gemeinschaften tummeln, die auch geographische Distanzen überbrücken. [1] Das heißt nicht, dass diese sozialen Beziehungen notwendigerweise schwächer oder weniger bindend wären, denn Verwandte und Freunde sind weiterhin Teil der sozialen Netzwerke. Vielmehr erweitert (nicht ersetzt) das Internet diese Beziehungen, ist also (neben Telefon und face-to-face-Treffen) ein weiterer Kanal, mit engen Bekannten in Kontakt zu bleiben. Interessanterweise hat die Studie ergeben, dass sogar ein positiver Zusammenhang zwischen Kommunikation per E-Mail und über Telefon bzw. FTF besteht: "The more the contact, the more in-person and phone contact. As a result, Americans are probably more in contatc with members of their community and social networks than before the advent of the Internet." (S. IV).
Hinzu kommt, dass es das Internet erleichtert, zu weiter entfernten Bekannten Kontakt zu knüpfen oder aufrechtzuerhalten. Internet-Nutzer geben eine höhere Anzahl von "core ties" und "significant ties" (’more than acquaintances’) an als Nicht-Nutzer (Median: 37 vs. 30). Diese Netzwerke können in bestimmten Situationen aktiviert werden, um Informationen (über eine mögliche neue Wohnung oder einen neuen Job, aber auch zu Wahlentscheidungen) zu erhalten oder sozio-emotionale Unterstützung (im Krankheitsfall) zu bekommen. Mit anderen Worten: Sie stellen dem Einzelnen Sozialkapital bereit. Dabei spielen die verschieden starken Beziehungen unterschiedliche Rollen: Für die Informationssuche sind die etwas schwächeren significant ties von stärkerer Bedeutung, während für die Pflege im Krankheitsfall vor allem die core ties aktiviert werden.
Alles in allem scheint die Studie eine sehr wertvolle empirische Basis für die Rolle von internetbasierten Netzwerken zu sein, die wir für unser Projekt gut gebrauchen können. Sie geht zwar (zumindest in der Zusammenfassung) an keiner Stelle auf neuere social-software-Anwendungen ein, sondern beschränkt sich im großen und ganzen auf E-Mail, aber das ist nunmal DIE Social Software unserer Zeit, die von nahezu allen Internet-Nutzern verwendet wird, während Weblogs und Kontaktplattformen auf vergleichsweise wenige Nutzergruppen beschränkt sind.
[1] Dieser Strukturwandel ist keine Angelegenheit der letzten Jahre, sondern im Modernisierungsprozess unserer Gesellschaften angelegt; schon vor über 100 Jahren haben Soziologen wie Durkheim oder Simmel erkannt, dass die Differenzierung und Spezialisierung von Rollen und (Berufs)Positionen dazu führt, dass der Einzelne mit vielen unterschiedlichen "sozialen Kreisen" (Simmel) zu tun hat. Dadurch gewinnt er letztlich seine Individualität aus seiner speziellen Stellung in einem ganz bestimmten Geflecht von Rollenbeziehungen (Arbeit, Vereine, Familie, Freunde, Nachbarn, etc.).
falls ihr es noch nicht kennt: schaut euch mal da Buch “die google-gesellschaft” von Kai Lehman an. Da stehen ganz ähnliche Sachen drin