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Wer sich mal einige Zeit in der Blogosphäre umschaut, stößt früher oder später auf die Stöckchenspiele: Ein Fragebogen mit mehr oder weniger sinnigen Fragen wird im eigenen Blog beantwortet und dann an eine Reihe von anderen Bloggern weiter gereicht, die "das Stöckchen aufnehmen", beantworten und selber wieder weiter reichen. Repeat ad infinitum. Ich sehe zwei Möglichkeiten, mit diesem Phänomen umzugehen:
Variante 1: Die kommunikationssoziologische Analyse
Wie hier schon mal kurz angedeutet, sind diese Stöckchenspiele ein höchst interessantes Phänomen, weil sie Elemente des Identitäts- und des Beziehungsmanagements miteinander verbinden. In den Antworten gibt man Dinge von sich preis, macht also Aspekte des eigenen Privatlebens öffentlich, denn die Fragen sind meistens so formuliert, dass man zumindest einige Dinge über die jeweilige Person lernt, die man vorher vielleicht nicht so wusste. Dabei gibt es ganz unterschiedliche Strategien: Manche schreiben kurze knappe Antworten, andere ausführliche Beiträge, warum sie jetzt gerade so und nicht anders antworten. Wieder andere betonen, dass sie normalerweise solche Fragebögen nicht mögen, aber diesmal eine Ausnahme machen. Und schließlich gibt es noch diejenigen, die das hingeworfene Stöckchen ignorieren, dadurch aber auch eine Entscheidung bezüglich ihrer Privatsphäre treffen.
Das Beziehungsmanagement betreffen die Stöckchenspiele insofern, als soziale Netzwerke sowohl Voraussetzung wie Folge dieser Praxis sind: Nur wenn man Teil eines sozialen Netzwerks in der Blogosphäre ist, wird man eine Aufforderung bekommen und auch an andere weiter reichen können. Gleichzeitig wird das Netzwerk in Teilen erst durch diese kommunikative Praxis gebildet bzw. aufrecht erhalten. Wir finden hier also das grundlegende soziologische Phänomen der "Dualität von Struktur und Handeln" (um mal Giddens zu bemühen): Soziale Strukturen rahmen das individuelle Handeln in spezifischen Situationen und werden durch dieses Handeln (re)produziert.
Variante 2: Einfach mitmachen
Nahezu gleichzeitig haben Nils und die Paule mir das Stöckchen hingeworfen, das schon eine gehörige Zeit herumwandert. Nun denn:
4 Jobs, die ich in meinem Leben hatte:
Machen wir mal einen Job pro Lebensjahrzehnt:
- Bierflascheneinsammler auf dem Uengershausener Fussballplatz (mit 6 Jahren)
- Computerzubehörpäckchenpacker in Bonn (mit 17 Jahren)
- Delegationsbegleiter für die Friedrich-Ebert-Stiftung (mit 26 Jahren)
- Lehrbeauftragter (mit 33 Jahren)
4 Filme, die ich immer wieder sehen kann:
- Im Himmel ist die Hölle los (1984; u.a. weil Dirk Bach als Willy Wunder großes Kino ist)
- Das lange Elend (1989; u.a. weil "Schnief.. ich hatte noch nie einen eigenen Zahnstocher" so ein schöner Satz ist)
- Die Niederthai-Chroniken (1991-1996; selbstgedreht bzw. -verbrochen; u.a. weil "Die blutjungen Satanischen Friedhofschänderlesben von der Bumsjodelalm" drin vorkommen. Ha! Da wird sich Google freuen…)
- Das 4-4 vom HSV gegen Juventus Turin in der Champions League (2000; u.a. weil ich im Stadion war und vier Tage später immer noch nicht sprechen konnte)
4 Orte, an denen ich gelebt habe:
4 TV-Sendungen, die ich gerne sehe:
4 Orte, an denen ich Urlaub gemacht habe:
- Kalifornien
- Sardinien
- Ötztal
- Fränkische Schweiz
4 meiner Lieblingsgerichte:
- Hausmacher Brotzeiten auf fränkischen Bierkellern
- Steak
- "Mr Freeze" Wassereis
- Das Gegenteil von Kutteln mit Leber und Hirn
4 Webseiten, die ich täglich besuche:
- Hamburger Morgenpost (nur die HSV-Nachrichten)
- Spiegel Online
- feki.de
- und was immer in meinem feed reader grad so ankommt
4 Orte, an denen ich jetzt lieber wäre:
ganz ehrlich: Ich fühl mich sehr wohl im Moment hier in Bamberg, danke der Nachfrage.
Vier Blogger, die das über sich ergehen lassen soll(t)en:
- Tom & Britta (um zu sehen, ob sich nicht ein paar illustrierende Fotos finden lassen)
- Matthias Ripp (um zu sehen, ob so ein Fragebogen auch in ein Weltkulturerbe-Weblog passt)
- Martin Wilbers (um zu sehen, ob er ähnlich schnell Fragebögen beantwortet wie Workshops mitbloggt)
- Cosmashiva (um zu sehen, ob sich das Stöckchen auch in den jetzt.de-Kosmos hineintragen läßt)
Wow… so wird das Stöckchen auch jedes mal ganz anders bearbeitet. Faszinierend, oder?
Ich hab beim verlinkten früheren Eintrag schon mal den Wunsch geäußert, dass doch mal jemand in einer Diplomarbeit diese Stöckchenspiele als spezifische Networking-Praxis untersucht.. vielleicht mal die Diffusion von einem spezifischen Fragebogen empirisch nachzeichnet und die Varianten der Selbstdarstellung untersucht? Hier übrigens eine nette Zusammenfassung: http://dingsprozessor.de/?p=23
[…] [Update] Julio hat mich auf Don, den Urheber dieses Stöckchens aufmerksam gemacht, der ein kleines Experiment damit veranstaltet und die Verbreitung des Fragebogens dokumentiert. Es scheint aber so, als ob sich das Stöckchen irgendwann von den Instruktionen gelöst hat, wie man in die Liste der ‘mitmachenden’ Blogs kommt, d.h. die Kette bzw. der Baum ist inzwischen unterbrochen, vermutlich an mehreren Stellen. Don hat inzwischen auch das Dokumentieren aufgegeben, weil er mit der rasanten Verbreitung nicht mehr nachkam. Schade - es wäre sicher sehr interessant, die Verbreitung eines solchen ‘Memes’ nachzuverfolgen und dokumentieren zu können; ich find das ja eh eines der spannendsten Phänomene der Blogosphäre… [view academic citations] [hide academic citations] Bitte wie folgt zitieren: Schmidt, Jan (2006): Sommerzeit, Stöckchenzeit. In: Bamblog [Weblog], 29 Jul. 2006. Online-Publikation: http://www.bamberg-gewinnt.de/wordpress/archives/528. Abrufdatum: July 30, 2006 Alternativ die APA citation: Schmidt, Jan. (2006). Sommerzeit, Stöckchenzeit. Retrieved July 30, 2006, from Bamblog Web site: http://www.bamberg-gewinnt.de/wordpress/archives/528 […]