Weblogs: Abgrenzung und Hype

Nach längerer Zeit sind bei diesem Beitrag zwei neue Kommentare aufgetaucht. Meine ursprüngliche Antwort in den Kommentaren wurde immer länger, deswegen habe ich beschlossen, sie zu einem regulären Beitrag zu machen. Das ist jetzt möglicherweise alles recht knapp argumentiert an der Stelle; hier steht das dann viiiiel ausführlicher! :)

Robert Hartl schrieb:

"Wieso wird denn das Weblog immer als eigenständiges Phänomen gesehen und “gehypt”? Weblog ist für mich nur eine Software, welche Veröffentlichungen möglichst einfach gestalten. Ein Weblog muss aber nicht immer wie ein Weblog aussehen oder gar eines im herkömmlichen Sinne sein.
Vielleicht sollte die Wissenschaft sich zu Beginn um Abgrenzung und Definition bemühen. Ich bin darauf gespannt."

Das mit dem "eigenständigen Phänomen" ist so eine Sache..  Als Online-Format sind Weblogs durchaus abgrenzbar: Regelmässig aktualisierte Webseiten, deren Beiträge rückwärts chronologisch angeordnet sind, einzeln über URLs addressierbar sind und von anderen Nutzern kommentiert werden können. Ok, ich höre schon den Aufschrei: "Aber das Bildblog läßt keine Kommentare zu!" – stimmt, und auch das "regelmässig aktualisiert" läßt Spielraum für Interpretationen. Aber das ist bei vielen Definitionen sozialwissenschaftlicher Phänomene so: es gibt an den ‘Rändern’ Fälle, die sich nicht eindeutig zuordnen lassen, sozusagen eine Unschärfe des Gegenstandsbereichs.

 

Trotzdem ist der Gegenstand "Weblog" m.E. so gut abgrenzbar (deutlich besser als zum Beispiel ‘social software’), dass man damit auch wissenschaftlich arbeiten kann. Es geht mir ja letztlich auch nicht um die Begriffsklärung an sich, oder um das Beschreiben von Weblogs als technisches Format, sondern mich interessiert als Kommunikationssoziologe der Umgang der Menschen mit diesem Format, oder genauer: Die Praktiken des Gebrauchs von Weblogs. Da argumentiere ich schon seit längerem (zuletzt z.B. hier), dass sich mit dem Wachstum der Blogosphäre eine Vielzahl von unterschiedlichen Praktiken herausgebildet haben – gerade weil Weblogs als Online-Format so wenig restriktiv sind und dem Anwender nahezu beliebige inhaltliche und gestalterische Flexibilität an die Hand geben.

Insofern also Zustimmung: Weblog ist nicht gleich Weblog.

Aber: Wir können trotzdem feststellen, dass es Ähnlichkeiten zwischen bestimmten Weblogs gibt, also Gruppen von Menschen das Format auf ähnliche Art und Weise (und abgrenzbar von anderen Gruppen) nutzen. Diese Ähnlichkeiten der Praktiken lassen sich aus meiner Sicht in drei verschiedenen Bereichen zeigen/analysieren: In den Verwendungsregeln (d.h. den Routinen und Erwartungen, die das einzelne Bloggen rahmen), in den Relationen bzw. Netzwerken, die aus dem Bloggen entstehen, und schließlich in der Software, die jenseits der Grundfunktionalitäten unterschiedliche Möglichkeiten für das Informationsmanagement und für die Präsentation der eigenen Person bietet.

Patric schrieb:

"Ich sehe die Weblogs auch eher als integrativer Bestandteil des Webs. Ich denke auch das der Hype um Weblogs viel zu gross ist. Vermutlich wird dieser Hype aber jetzt durch die ganzen PodCasts abgeloest, die dan das selbe durchleben …."

Zum Hype-Argument: Ja und Nein. Ich glaube auch, dass von Weblogs keine Umwälzung massenmedialer Öffentlichkeiten oder Revolution der PR zu erwarten ist, dafür sind die Beharrungskräfte in diesen Bereichen zu groß. Aber das ist meines Erachtens auch nicht der springende Punkt: Weblogs haben ihre Stärke darin, dass sie interpersonale Kommunikation in sozialen Netzwerken ganz unterschiedlicher Größe ermöglichen. In Bezug auf massenmedial hergestellte Öffentlichkeiten besteht da kein Verdrängungswettbewerb, sondern die beiden Bereiche ergänzen sich. Das Spannende passiert an ganz anderer Stelle: Dort, wo Menschen Weblogs (und andere Kommunikationskanäle) miteinander kombinieren, um soziale Beziehungen zu knüpfen und zu pflegen – ganz unabhängig erst mal vom Inhalt oder thematischen Fokus. Strickblogs, Fans von Tokio Hotel bei myblog.de, die Stammgäste im Rebellmarkt und beim Spreeblick, locker geknüpfte Netzwerke von PR-Bloggern und -Beratern, Bamberger Blogger, ….

 

Hier ermöglichen Weblogs neue Möglichkeiten des Informations-, Identitäts- und Beziehungsmanagements; oft in Kombination mit anderen Kanälen (E-Mail, IM, Skype, persönliche Treffen auf Bloglesungen, Konferenzen oder an Stammtischen, …) – insofern kann und darf man Weblogs natürlich nicht isoliert betrachten (in unserem Forschungsprojekt vergleichen wir sie beispielsweise mit Kontaktplattformen). Ihr Entstehen und Gebrauch ist Teil eines schon länger zu beobachtenden Prozesses des sozialen Wandels hin zu einer Organisation der sozialen Beziehungen nach Netzwerkprinzipien. Das ist sicherlich keinen Hype wert (auch weil auf die Gesamheit der Internetnutzer gesehen Blogger eine Minderheit sind), aber meiner Meinung nach Grund genug, sich wissenschaftlich damit zu beschäftigen.

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7 Antworten auf Weblogs: Abgrenzung und Hype

  1. Markus sagt:

    Ich habe in meiner MA etliche Seiten darauf verwendet, zu definieren was nun ein Weblog ist und wie er sich abgrenzt. Ich schwankte dabei immer zwischen “das ist zuviel, so wirds zu eng” und “also das muss irgendwie dazu”. Nicht einfach.

  2. Pingback: Das E-Business Weblog

  3. Robert Hartl sagt:

    Danke für Ihre Antwort. Ich werde darüber nachdenken.

  4. Pingback: Das PM-Blog » Sind Weblogs Hype?

  5. Matthias sagt:

    Ich denke nicht, dass Weblogs ein Hype sind, eher eine Eintagsfliege. Wenn ich die URLs von Kommentatoren älterer Beiträge absurfe, sehe ich meistens Blogs, die seit Monaten keinen Eintrag mehr gesehen haben. Weblogs, die eine Lebenszeit von einem Jahr und mehr haben sind eher in der Minderzahl. Bloggen kostet Zeit, viel Zeit … Anfangs sind die Neu-Blogger immer mit viel Elan dabei, der aber relativ schnell abflaut. Ich denke, dass in 2006 die große Masse sich an Blogs versucht haben wird und dann Ende des Jahres das große Blogsterben nicht mehr durch Frischlinge aufgefangen werden wird. Wachstum zu Ende, es folgt die Stagnation. Allerdings bleibt natürlich das, was einen Weblog ausmacht, also die Interaktion und RSS. Aber das kennen wir ja schon von den klassischen News-Portalen.

  6. Jan Schmidt sagt:

    Matthias, das ist sicher ein bedenkenswerter Punkt – aus einer amerikanischen Untersuchung von LiveJournal (hier) stammt der Befund, dass die ‘Halbwertszeit’ von Weblogs etwa ein Jahr beträgt, d.h. nach einem Jahr ist nur noch die Hälfte der “Ursprungspopulation’ aktiv. In unserer Umfrage haben wir ja auch erheben können, aus welchen Gründen Blogger ihr Angebot wieder einstellen: Meist genannter Grund ist, die Lust verloren zu haben, gefolgt von Zeitmangel. Etwa die Hälfte der Ex-Blogger kann sich vorstellen, innerhalb der nächsten 12 Monate wieder ein Blog zu starten.
    Aber wie oben gesagt: Das interessante ist weniger das Weblog an sich – denn es ist ‘nur’ ein technisches Hilfsmittel für onlinegestütztes Networking im privaten oder beruflichen Bereich.

  7. Pingback: www.petersheim.de