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Steffen Büffel hat beim Euroblog-Symposium einiges Aufsehen erregt, weil er einen Button ‘hard bloggin’ scientist‘ deutlich sichtbar am Revers trug und bereitwillig weitere Exemplare verschenkt hat (z.B. an Smi, eins auch an mich). Mehrere Teilnehmer sprachen ihn darauf an und es entspannen sich immer recht interessante Diskussionen: Was bedeutet das, wer sind die hard bloggin’ scientists (hbs), wo kann ich auch so einen Button kriegen?
Im Kern geht es den hbs darum, als Wissenschaftler das Format "Weblog" sinnvoll in die eigenen Aktivitäten einzubinden, also selber ‘wissenschaftlich’ zu bloggen. Es gibt dazu ein eigenes Manifest und (natürlich) auch ein Weblog.
Ganz passend erscheint mir in diesem Zusammenhang auch der Artikel "Who are you? Weblogs and Academic Identity" von Rory Ewins, der im Journal "E-Learning" (Vol.2, Nr. 4, 2005) veröffentlicht wurde; Ewins setzt sich mit Weblogs als Mittel der Selbstpräsentation auseinander und greift dazu auf postmoderne Identitätstheorien zurück, die die Identitätskonstruktion als fortlaufenden narrativen Prozess verstehen. Anders gesagt: Die eigene Identität ist nicht etwas, das einfach so da ist, das man vorfindet; vielmehr entsteht Identität erst dadurch, dass Menschen ihrem Leben eine Lebensgeschichte geben (also bspw. vergangene Erlebnisse sich selbst und anderen als Belege dafür nennen, dass man eben so oder so sei). Ob diese These nun völlig korrekt ist oder nicht, sei mal dahin gestellt; Weblogs unterstützen auf alle Fälle diese Vorstellung, weil sie als chronologische Sammlung von Beiträgen zu einzelnen Zeitpunkten dem Leser (das kann auch der Autor selbst in Retrospektive sein) eine Vorstellung davon vermitteln, wie sich das Leben dieser Person so abspielt.
Dieser Aspekt von Weblogs als Werkzeug des Identitätsmanagements ist nun nicht auf akademische Blogs beschränkt, aber hier bekommt er möglicherweise eine besondere Bedeutung. Die wissenschaftliche Welt legt großen Wert auf die Sichtbarkeit innerhalb disziplinärer Felder und Netzwerke, auf Reputation und standing, das der Einzelne aus Publikationen und der Teilnahme an Fachtagungen etc. bezieht. Weblogs haben hier eindeutig Stärken, weil sie so ein fantastisches Networking-Instrument sind, das die Verbreitung von Informationen und Ideen, aber auch Knüpfen und Pflege von sozialen Beziehungen unterstützt. Gleichzeitig gehen sie aber auch über das rein Wissenschaftlich-Professionelle hinaus, weil sie dem Leser ein Bild ihres Autors zeichnen, das andere Aspekte beinhalten kann. Wer mein Weblog regelmässig liest, weiss zum Beispiel auch über mein politisches Engagement Bescheid und dürfte mit bekommen haben, dass meine Laune zu einem gewissen Grad vom momentanen Tabellenstand des HSV abhängt. Ich zeichne also durch die Einträge in meinem Blog ein Bild von meiner Person, das mehr Facetten umfasst, als ich in meiner Wissenschaftler-Rolle auf Tagungen etc. präsentiere.
Was das nun für meine Karriere persönlich, oder für bloggende Wissenschaftler im Allgemeinen bedeutet, läßt sich nicht so leicht abschätzen [1]: In den USA hört man von Fällen, in denen bloggende Bewerber für Professuren etc. eher kritisch beäugt wurden ("Wohlmöglich bloggt der dann über den nächsten fakultätsinternen Streit, Gott bewahre!"). Ob eine solche Einschätzung hierzulande auch auftreten könnte, weiß ich nicht - bei einem akademischen Vorstellungsgespräch im letzten Herbst wurde ich positiv auf die Comedy-Lounge angesprochen, die Information muss eigentlich über diese Seite beim entsprechenden Professor gelandet sein. Meinen Chancen auf die Stelle hatte es jedenfalls nicht geschadet..
[1] Mein Fall ist insofern etwas besonderes, weil ich ja über das Format selber forsche, also als ‘embedded researcher’ an der Blogosphäre selber teilhabe. Für mich ist es eigentlich zwingend nötig, selber ein Weblog zu führen, um an Konversationen teil zu haben und fest zu stellen, wie sie die Nutzung dieses Formats entwickelt. [siehe auch hier und hier] Aber es spricht ja nichts dagegen, dass zum Beispiel ein Volkswirt, eine Soziologin oder eine Molekularbiologin über ihre jeweilige Disziplin bloggt.

Die Welt ist klein, die wissenschaftliche Blogosphaere noch kleiner. Danke für den Artikel!
Ein sehr interessanter Artikel - also for a non-blogging person (NBP) as myself.
“Embedded researcher” war bei John le Carré noch als “mole” bekannt…
Super Artikel! Die BUttons sind bestellt, wer einen haben will möge sich an mich wenden!
[…] Jan Schmidt, geschätzer Blogger- und Blogforscherkollege aus Bamberg, hat einen feinen Beitrag in seinem Bamblog über die hardblogginscientists und seine Gedanken dazu geschrieben. Der von ihm zitierte Aufsatz ist sicherklich sehr lesenswert. Worauf Jan auch hinweist ist, dass er auf der GOR2006 immer wieder auf den hbs-button angesprochen wird, den ich ihm beim EuroBlog2006 Symposium geschenkt habe. Mir ging es dort in der Tat ähnlich und ich teile seine Erfahrung, dass sich sehr interessante Diskussionen ergeben, wenn man die Philosophie hinter dem Button etwas näher erläutert. So manche belächerln zwar das öberflächlich wahrgenommene ego-geshoote, aber wenn klar ist, dass da eine Mission und ein klares Statement hinter steht, dann finden es die meisten Leute einfach nur gut. […]
hi jan,
blogs sind teil meiner forschung, die sich generell mit den phänomenen einer “computational culture” auseinandersetzt. Ansonsten kann ich die effekte nur bestätigen, mein cebiteinsatz mit revers-button führte auch zu sehr guten gesprächen, das thema wird hinterfragt, die amerikan.kollegen aus dem akadem. umfeld haben weniger berührungsängste als die deutschen … noch … grüße stephan
ein guter beitrag, als original hbs sehe ich mich tatsächlich dieser situation ausgesetzt: bewerbungen im akadem.umfeld, auch professuren, wie wird man wohl damit umgehen? ich hoffe positiv, da ich “partially embedded” bin