Netzwerke in der Blogosphäre

Posted on Mittwoch 26 April 2006

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Ich sitze gerade an der Analyse einiger Netzwerkdaten und mache mir deswegen Gedanken, was man eigentlich mißt, wenn man die Beziehungen der Blogosphäre netzwerkanalytisch untersucht. Das wird jetzt ein etwas längerer grundsätzlicher Text.. :)

Das methodisch bequemste (und gängigste) Verfahren ist, die Hyperlinks zwischen Weblogs zu erfassen (durch Crawler o.ä.) und auf dieser Basis netzwerktheoretische Kennzahlen zu berechnen, beispielsweise die durchschnittliche Anzahl von ausgehenden Verweisen oder die Netzwerkdichte. Zwei Beispiele für dieses Vorgehen sind die Analysen der spanischsprachigen (Tricas/Ruiz/Merelo 2004) sowie der polnischen Blogosphäre (Bachnik et al. 2006).

Einem solchen Vorgehen liegt implizit die Idee zugrunde, dass die Blogosphäre als Netzwerk von „virtuellen Orten“ zu sehen ist: Jedes Weblog bildet eine Art „Insel“, deren Grenzen durch die (Sub-)Domain vorgegeben sind. Alle Links, die bspw. von „beckenbauer.twoday.net“ und seinen Unterseiten (die einzelnen Beiträge) ausgehen bzw. darauf eintreffen, werden gezählt. Der Vorteil dieser Methode ist, dass Hyperlinks innerhalb einer (Sub-)Domain vergleichsweise gut automatisch zusammengefaßt werden können, also die Generierung von Daten für eine große Anzahl von Weblogs leicht fällt.

Doch werden damit wirklich alle Aspekte des Bloggens erfaßt? Aus einer praxistheoretischen Perspektive sicherlich nicht, denn hinter dem Weblog steht (mindestens) ein Autor, der seine sozialen Beziehungen auch durch Verweise an anderen virtuellen Orten der Blogosphäre deutlich machen kann – nämlich durch Kommentare. Kommentiert „Franz“, Autor des „Beckenblogs“ einen Beitrag von „Hans“ im Weblog „krankl.twoday.net“, aktualisiert er eine soziale Beziehung [1], ohne dass auf seinem eigenen Weblog ein entsprechender Hinweis (in Form eines Hyperlinks) zu finden wäre. Daher kommt man zu einem verkürzten Bild der Blogosphäre als sozialem Netzwerk, wenn man seine Analyse nur auf die "virtuellen Orte" und nicht auf die tatsächlichen Praktiken bezieht.

Ein Extremfall kann dies verdeutlichen: „Franz“ verlinkt auf seinem „Beckenblog“ weder in den einzelnen Beiträgen noch in der Blogroll andere Angebote, kommentiert aber in zahlreichen Weblogs (mit Fußball-Thematik). Betrachtete man nur den „Beckenblog“ als virtuellen Ort, käme man zu dem Schluß, dass sein Autor keine sozialen Beziehungen zu anderen Bloggern pflegte. Bezieht man jedoch seine Kommentare an anderer Stelle mit in die Analyse ein, kommt man seinen Blogging-Praktiken, insbesondere dem Beziehungsmanagement, deutlich näher. Diese umfassen ja nicht nur die Pflege des eigenen Weblogs, sondern auch die Kommunikation mit anderen Bloggern in anderen Weblogs.

Dies methodisch zu berücksichtigen ist deswegen so bedeutsam, weil es letztlich ja nicht darum geht, nur Hyperlinks zu zählen, sondern eben Aussagen über die sozialen Beziehungen zu treffen, die durch die blogbasierte Kommunikation zustande kommen bzw. aufrecht erhalten werden. Allerdings stellen sich hohe Ansprüche an die Methode der Datenerhebung, weil gewährleistet sein muss, dass Kommentare einer Person an beliebiger Stelle auch eindeutig ihrem „Heimat“-Weblog zugeordnet werden können. Zwar hinterlassen viele Blogger die URL ihres Weblogs, wenn sie einen Kommentar abgeben, doch in der Regel wird eine vollständige Zuordnung nur innerhalb geschlossener Netzwerke von providerbasierten Plattformen möglich sein.

Liegen solche "vollständigeren" Daten vor [2], kann man ausgehende Verweise, die durch Links in Beiträgen, in der Blogroll sowie durch den Kommentar in einem anderen Weblog zustande kommen, als Ausdruck von "sozialen Wahlen" eines Autoren interpretieren: Der Blogger wählt eine andere Person (und ihren Texten) aus der unendlichen Vielzahl möglicher Personen (und Texte) aus, indem er auf sie verweist und sie kommentiert. Eingehende Verweise können dagegen als ein Indikator für die Aufmerksamkeit gelten, die dieser Autor und seine Beiträge von anderen erhalten [3].

Mit dieser Unterscheidung kann man in einem nächsten Schritt durch eine einfache Kontrastierung verschiedene Autorentypen bilden, hier mal exemplarisch für fünf Typen dargestellt (die Bezeichnungen sind beta… :-))

 

  1. "Prominente Netzwerker" haben relativ viele ausgehende wie eingehende Verweise
  2. "Vielbeachtete Lurker" erhalten zwar viel Aufmerksamkeit von anderen, verlinken selber aber relativ wenig
  3. "Verborgene Kontaktsucher" verweisen auf viele andere Seiten, erhalten selbst aber nur wenig Aufmerksamkeit
  4. "Netzwerker im Kleinen" haben wenige ausgehende wie eingehende Verweise
  5. "Isolierte" haben weder eingehende noch ausgehende Verweise (können aber durchaus als Leser andere Weblogs besuchen)

netzwerk_typen.gif

Typen von Bloggern nach Stellung im Netzwerk

"Relativ" heißt, dass die Anzahl der Verweise immer im Kontext des gesamten betrachteten Netzwerks gesehen werden muß; im Einzelfall muss man dann entscheiden, an welchen Stellen die Grenzen gezogen werden - wobei genaue Werte angesichts der prinzipiellen Unschärfe solcher Typenbildungen im Grunde gar nicht mal entscheidend sind. Entscheidend ist vielmehr, dass man auf diese Weise in meinen Augen weblogbasierte Netzwerke aus einer praxistheoretischen Sicht besser erfaßt, weil man näher am tatsächlichen Gebrauch des Formats ist. Ach ja: Ich vermute, dass ich nicht der Erste bin, der auf diese Ideen oder eine solche Kreuztabellierung kam. Kennt jemand Postings oder Paper mit ähnlichen Ansätzen?

[1] An dieser Stelle kann ich nicht erörtern, wie das Problem zu lösen ist, dass Hyperlinks für soziale Beziehungen ganz unterschiedlicher Qualität stehen können. Dazu muss ich mir noch ein paar Gedanken machen und z.B. diesen Beitrag von danah boyd lesen; der Text von Lilia Efimova, Stephanie Hendrick und Anjo Anjewierden dürfte auch hilfreich sein.

[2] In dem Projekt, an dem ich gerade arbeite (und über das ich demnächst etwas mehr schreiben werde) liegen solche Daten vor. Genau genommen war es sogar so, dass mich erst die Struktur des vorhandenen Datensatzes zu diesen Überlegungen angeregt hat…

[3] Die Tatsache, dass einem einmal gesetzten Link weitere Personen folgen können, steigert sogar noch die aufmerksamkeitslenkende Funktion dieser Beziehung.



  1.  
    April 27, 2006 | 7:14 pm
     

    Ich finde die Metapher Informationsinseln und Heimathäfen auch ganz gut ;)

  2.  
    Mai 1, 2006 | 8:43 pm
     

    Is there an English version?

  3.  
    Jan Schmidt
    Mai 2, 2006 | 9:41 am
     

    Lilia, not yet… :(

  4.  
    Mai 2, 2006 | 11:19 am
     

    Hi Jan, wir sitzen ja hier in Harburg auch gerade an einer Netzwerk-Analyse der Weblogs im Wahlkampf 2005 (s. Link). Daher sind mir die Gedanken und methodischen Probleme sehr vertraut, und ich möchte ein paar Anmerkungen anfügen:
    (1)
    Das Problem der Identitätsfeststellung taucht im Internet ja immer auf, wie hast Du es bei Deinem Datensatz denn gelöst? Welche Art von Netzwerk man untersucht sollte immer von der Fragestellung abhängen. Kann sein, dass ich mich für alle Äußerungen eines Akteurs in der Blogosphäre interessiere. Aber auch dann komme ich zu einem verkürzten Bild der Blogsophäre, zum Beispiel weil ich ignoriere, dass der Akteur ja selektiv Links gesetzt hat. Ein Akteur kann außerdem auch mehrere Blogs führen, und eine rein akteursbezogene Analyse würde die dann zusammenschmeißen? Ich denke in der Blogosphäre kommen immer zwei Dimensionen der Kommunikation zusammen, und zwar die Akteure und die Mitteilungen, und man kann sie weder in die eine noch in die andere Richtung allein abbilden, ohne Information zu verlieren (was je nach Fragestellung aber auch legitim ist).
    (2)
    Die Interpretation von Referenzen als “soziale Wahl” leuchtet mir nicht ein. Welche Annahmen stehen dahinter? Eine Wahl impliziert meines Erachtens eine bewußte Entscheidung, und Blogger agieren vielleicht nach ganz anderen Kriterien (z.B. just for fun). Auch die Bezeichnungen interpretieren viel in das Verhalten der Blogger hinein. Mit der Aufmerksamkeits-Annahme gibt es dagegen wohl keine Probleme.
    (3)
    Eine Ergänzung zu den Kriterien Indegrees/Outdegrees könnte noch die Reichweite eines Ego-Netzwerks sein, also der Anteil der anderen Akteure, die über Verweise erreicht werden. Oder auch die Wechselseitigkeit von Beziehungen (Reziprozität).
    (4)
    Was die Unterschiedlichkeit von Links angeht, solltest Du wohl zumindest die kommunikativen Akte unterschiedlich bewerten, also (a) nur lesen, (b) nur schreiben (ohne Link) (c) anonym kommentieren (keine Referenz aufs eigene Blog) (d) Kommentar mit Referenz, (e) Beitrag im eigenen Blog mit Link (ohne Kommentar/Trackback), (f) Kommentar im eigenen Blog (mit Trackback), evt. (g) permanenter Link in Blogroll

    Soweit ein paar zugegeben unausgewogene Gedanken zu Deinen anregeneden Überlegungen. Gutes Vorankommen, und viele Grüße aus Hamburg!

    P.S. Mit einer Typologie von Akteuren auf der Basis von Indegrees, Outdegrees, und reziproken Ties habe ich zusammen mit meiner Kollegin Maren in dieser Publikation gearbeitet:
    Albrecht, S.; Lübcke, M.: Communicational Patterns as Basis of Organizational Structures. In: Lindemann, G. et al. (Hg.): Regulated Agent-Based Social Systems (RASTA 2002). Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag (LNAI 2934), S. 16-30

  5.  
    Jan Schmidt
    Mai 2, 2006 | 2:48 pm
     

    Steffen, danke für die ausführlichen interessanten Kommentare; kurz als Replik:

    Der Einwand mit den mehreren Weblogs ist sicherlich berechtigt; eine praxisorientierte Perspektive kann diese entweder getrennt betrachten (also als Ausdruck unterschiedlicher Praktiken ein und desselben Autors, der bspw. ein berufliches und ein privates Blog mit jeweils unterschiedlichen Themen, Stil, etc. führt) oder aber gerade die Tatsache, dass mehrere Weblogs geführt werden, als Bestandteil der Blogging-Praktiken heranziehen.

    Outdegrees als “soziale Wahl” zu interpretieren sollte nicht implizieren, dass es sich dabei immer um bewusste, möglicherweise gar rational gefällte Entscheidungen handelt. Anders gesagt: Ich will damit nicht an “rational choice” oder “social choice”-Theorien anknüpfen, und vermutlich wäre ein anderer Begriff passender, ähnlich wie die Typen-Bezeichnungen erstmal nur zur Veranschaulichung dienen sollen. Statt “sozialer Wahl” könnte man allgemeiner vielleicht von “Selektionen” sprechen…

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