Bloggen Frauen anders?

Posted on Donnerstag 1 Juni 2006

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An der Ruhr-Universität Bochum bearbeiten Cilja Harders (Juniorprofessorin für Geschlechterforschung mit dem Schwerpunkt Politikwissenschaft) und ihre Mitarbeiterin Franka Hesse das Projekt "Gender Blogging", das sich mit der Bedeutung von Weblogs für Beteiligungschancen von Frauen auseinandersetzt. In verschiedener Hinsicht eine interessante Fragestellung, denn die Blogging-Praktiken von Frauen werden tendenziell oft marginalisiert, weil sie unter den Weblogs mit großer Sichtbarkeit (manchmal ja auch "A-List Blogs" genannt) unterrepräsentiert sind - zumindest gemessen am Anteil, den sie unter allen Bloggern haben. Susann Herring et al. haben in ihrem lesenswerten Aufsatz "Women and children last: The discursive construction of the Blogosphere" ein überzeugendes Argument entfaltet:

Why, given that there are many female and teen bloggers, do public discourses about weblogs focus predominantly on adult males? The observation that men are more likely than women and teens to create filter blogs provides a key: It is filter blogs that are privileged, consistent with the notion that the activities of educated, adult males are viewed by society as more interesting and important than those of other demographic groups. However, the blogs featured in contemporary public discourses about blogging are the exception, rather than the rule: all the available evidence suggests that blogs are more commonly a vehicle of personal expression than a means of filtering content on the Web, for all demographic groups including adult males. [Hervorhebung von mir]

In der "Wie ich blogge?!"-Befragung konnten wir feststellen, dass das Geschlechterverhältnis unter den aktiven Bloggern im deutschsprachigen Raum etwa 55 Prozent Männer zu 45 Prozent Frauen beträgt, und unter den Teenagern Frauen sogar mit 66 zu 34 Prozent dominieren. Weil unsere Daten auf einem selbstrekrutierten Sample beruhen, müssen wir damit rechnen, dass wir den tatsächlichen Frauenanteil sogar unterschätzen, weil Männer tendenziell eine höhere Teilnahmebereitschaft an Online-Umfragen haben. Erste Ergebnisse des Bochumer Blogging-Projekts, die unter dem Titel "Geschlechterverhältnisse in der Blogosphäre: Die Bedeutung der Kategorie Geschlecht für die Verwirklichung von Teilhabechancen durch neue Medien" im Heft 2/2006 von "Femina Politica" veröffentlicht werden, bestätigen diesen Eindruck (herzlichen Dank an dieser Stelle an Franka, die mir einen preprint zukommen ließ).

Cilja Harders und Franke Hesse haben für ihr Projekt eine Zufallsauswahl von 464 Weblogs gezogen und diese inhaltsanalytisch untersucht. Einige interessante Befunde:

  • Nur bei 10% des Samples war keine Identifizierung des Geschlechts möglich; 65% der Blogger waren über Fotos, Namen oder Selbstdarstellung als männlich bzw. weiblich zu identifizieren, bei weiteren 25% ging diese Informationen aus Beiträgen hervor. Unter diesen insgesamt 90% war das Geschlechterverhältnis 2:1, das heißt 66% Frauen und 34% Männer. Der Frauenanteil ist also tatsächlich deutlich höher als in unserer Umfrage.
  • Für insgesamt 78% des Samples war neben dem Geschlecht auch das Alter (zumindest über bzw. unter 18 Jahren, bspw. durch Hinweis auf Führerschein oder Berufstätigkeit) identifizierbar. Unter den erwachsenen Autoren ist der Frauenanteil immer noch bei 53 Prozent, und bei den Teenagern sind es sogar 84 Prozent!
  • Um inhaltliche Unterschiede zu bestimmen, haben Harders/Hesse die Beiträge der Blogs aus dem August und September 2005 auf politische Themen hin untersucht. Dabei zeigte sich, dass unter den Erwachsenen 68% der Männer und 54% der Frauen (auch) politische Inhalte bloggen, unter den Teenagern sind die Anteile 30% und 23%. Sie schließen daraus, dass sich auch in der Blogosphäre die "Unterschiede zwischen den Geschlechtern und Altersgruppen hinsichtlich der konventionellen politischen Beteiligung" widerspiegeln.

Es wird interessant zu sehen sein, inwiefern sich diese Unterschiede halten, wenn ein erweiterter Partizipationsbegriff zugrunde gelegt wird und bspw. Äußerungen über bürgerschaftliches Engagement mit einbezogen werden (was anscheinend in einem nächsten Schritt vorgesehen ist). Das Potenzial von Weblogs, soziale Kontakte knüpfen bzw. pflegen zu helfen und so Sozialkapital aufzubauen, sehen Harders/Hesse optimistisch (und ich teile den Optimismus grundsätzlich); ich bin gespannt auf weitere Auswertungen, die dann auch explizieren könnten, wie tatsächlich die Verbindungen zwischen Bloggen, erhöhtem Sozialkapital und gesteigerten Partizipationschancen aussehen. Wir planen selbst auch noch eine geschlechtsspezifische Auswertung der "Wie ich blogge?!"-Daten, das könnte ganz interessante Querverbindungen geben.



  1.  
    Juni 2, 2006 | 10:49 am
     

    Sehr spannende Studie! Es freut mich zu sehene, dass so langsam auch weitere Facetten und Aspekte des Bloggens erforscht werden. Das, was in der hervorgehobenen Passage in dem zitierten Textteil gesagt wird, wird eigentlich immer vergessen, wenn über Blogs und die Blogosphäre gesprochen wird. Belegt aber auch nochmals, dass Aufmerksamkeit der entscheidende Faktor ist.

  2.  
    Juni 3, 2006 | 1:37 pm
     

    […] Als besonders lesenswert zu empfehlen sind auch wieder Verweise zu aktuellen Blog-Themen von Jan: Zum einen auf eine Untersuchung an der Uni Bochum, die sich damit befasst ob Frauen anders bloggen, zum anderen auf das eigene Paper, dass sich mit sog. W-Bloggern auseinandersetzt. Für Fußballfans hat er noch den Verweis auf www.Fussballkonflikte.de auf Lager, dieses Gemeinschaftsprojekt einiger Politikseiten beschäftigt sich damit die politische Konfliktsituation zwischen WM-Kontrahenten zu veranschaulichen. Blogs Wochenrückblick […]

  3.  
    September 25, 2006 | 12:14 pm
     

    […] Unter den Männern ist der Anteil der Personen etwas höher als bei Frauen, die ein eigenes Weblog führen (was anderen Befunden etwas entgegensteht, aber möglicherweise innerhalb der statistischen Schwankungsbreite liegt). Augenfällig ist die hohe Verbreitung von Blogs unter Teenagern: 21,4 Prozent aller 14-19jährigen, die Weblogs kennen (oder 14,5% aller Onliner in dieser Altersgruppe), führen auch ein eigenes Weblog, während bei den anderen Altersgruppen der Anteil der Autoren im einstelligen Prozentbereich liegt. Die Blogosphäre ist also jung! […]

  4.  
    Januar 5, 2007 | 6:04 pm
     

    Studie: Frauen dominieren die Blogosphäre…

    "Frauen bloggen häufiger als Männer" lautet das überraschende Ergebnis eines Projektes der Ruhr-Universität Bochum. Dort haben sich zwei Wissenschaftlerinnen die Geschlechterverhältnisse in der deutschen Blogszene angeschaut. Ihre Zwischenerg…

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