Workshop in Essen

Ich sitze gerade im ICE zurück von Essen nach Bamberg; die letzten Stunden habe ich beim “1. strategischen Dialog” der WAZ verbracht, bei dem eine Runde von in-house-Verantwortlichen und externen Experten über die Pläne der Mediengruppe diskutiert haben, in den nächsten Monaten einen neuen, titelübergreifenden Internetauftritt zu konzipieren und zu starten. Nach einigen einführenden Worten von Geschäftsführer Bodo Hombach stellte die designierte Online-Chefredakteurin Katharina Borchert ihr Konzept vor, das drei Säulen vorsieht: (1) ‘klassische Printinhalte’, (2) von Redakteuren und freien Mitarbeitern geführte Weblogs sowie (3) eine Community für Nutzer/innen, die eigene Inhalte über verschiedene Kanäle veröffentlichen können. [1]

Katharina hat explizit um kritisches Feedback gebeten, und dementsprechend lebhaft-engagiert war die Diskussion dann auch: Es ging u.a. um den Markentransfer von Print ins Netz, um die Bezahlung von freien Mitarbeitern (die wird es geben, wobei noch nicht entschieden ist, in welcher Form/Höhe das passieren soll), um die Berufsbilder von Redakteuren und Community Managern, um Zielgruppen, Communities und Selbstorganisation, um den besonderen Stellenwert von lokal bzw. regional verankerten Inhalten für die Akzeptanz der neuen Plattform [2], und und und. Ein besonders interessanter Aspekt war m.E. die Frage, inwiefern die drei Säulen bzw. Bereiche wechselseitig durchlässig sein können, also ob und inwiefern bspw. erfolgreiche/beliebte Autoren unter den Nutzern besonders gefeaturet, möglicherweise zu freier Mitarbeit gebeten werden können, aber auch wie der Dialog zwischen ‘gestandenen’ Redakteuren und ihren Lesern gestaltet werden kann. Hier werden gute ‘soziotechnische Lösungen’ gefordert sein, die durch das Zusammenspiel von softwaregestützten Rankings und der Aggregation von Nutzerverhalten [3] einen Aufschluß darüber geben, welche Autoren und/oder Texte beliebt sind und z.B. dann auf Einstiegsseiten gelistet werden. Dieses System muss einerseits transparent sein, um für Autoren und Leser nachvollziehbar zu bleiben, sollte andererseits aber auch robust gegenüber Versuchen sein, es zu manipulieren (bspw. um einen einzelnen Autoren ‘hochzuhieven’) – und schließlich sollte es berücksichtigen, dass bestimmte Themen von vorneherein größere Chancen auf Aufmerksamkeit (=Klickzahlen; =Kommentare) haben, ohne dass damit schon eine Aussage über die Relevanz oder Qualität getroffen sein muss. Anders ausgedrückt: Ein Schalke04-Blogger (ob Redakteur, Freier Mitarbeiter oder ‘normaler Nutzer’) wird es vermutlich leichter haben, eine halbwegs große Leserschaft zu erzielen als jemand, der über die freie Theaterszene in Olpe oder über Jugendkultur in Oberhausen berichtet.

Neben diesen projektimmanenten Fragen und sozialen Dynamiken ist ein solches Vorhaben natürlich immer auch eine Herausforderung an die Organisation (in diesem Fall die WAZ als Medienhaus), mit Wandel umzugehen. Der Eindruck, den das Treffen vermittelte: Von oberster Stelle – d.h. in diesem Falle mindestens von Hombach und Chefredakteur Ulrich Reitz – hat Katharina Rückendeckung, was für einen Erfolg des Relaunches unbedingt nötig (aber noch keine hinreichende Bedingung) ist. Ihre Entscheidung, die Erfahrungen und Anregungen eines sehr heterogenen Netzwerks von Experten schon in dieser frühen Phase einzubeziehen (und damit ja implizit auch zu signalisieren, dass sie auf den Input angewiesen ist, was ihr übelmeinende Personen als Schwäche auslegen könnten), war meines Erachtens sehr gut – nicht, weil ich selber mit am Tisch saß, sondern weil es ja genau dem Gedanken folgt, dem auch das neue Angebot verpflichtet sein soll: Unterschiedliche Erfahrungen und Stimmen einzuholen und zu berücksichtigen. Insofern bin ich sehr gespannt darauf, was wir die nächsten Monate aus Essen noch so zu hören bekommen – aber erstmal gönne ich Lyssa eine entspannte letzte Woche in der ‘Weallspeakfootball”-WG… :)

[1] Das tatsächliche Konzept war natürlich etwas umfangreicher und detaillierter, aber noch nicht alles soll jetzt schon preisgegeben werden.. ;-)

[2] Ich musste übrigens wiederholt an das Arbeitspapier “Computer, Kommunikation und die Orientierung im Nahraum” denken, das Joachim R. Höflich Ende der 90er Jahre im Rahmen des ‘ICONET‘-Projekts an unserer Forschungsstelle verfaßt hat und das sich u.a. mit der Rolle des Lokalen für Zeitungen im Internet auseinandersetzt. Ich muss es nochmal raussuchen und schauen, ob ich von ihm die Erlaubnis für eine nachträgliche Online-Veröffentlichung bekomme; es ist schon interessant zu beobachten, wie bestimmte Überlegungen und Gedankengänge gut zehn Jahre nach den ersten Internetauftritten von Zeitungen immer noch/wieder auftauchen.

[3] Das kann über eine explizite Bewertung der Artikel geschehen, aber auch durch Beobachtung von Leserzahlen, Kommentaranzahl, etc.

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16 Antworten auf Workshop in Essen

  1. Pingback: Wortfeld » Upgrade im Westen

  2. Alexander sagt:

    Kleinstkorrektur: Ulrich Reitz.

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  4. Jan Schmidt sagt:

    Ah, danke Alexander, ist korrigiert.

  5. georg sagt:

    Ich bin zwar kein großer Stratege, aber das hört sich für mich ein wenig nach “eierlegende Wollmilchsau” an.

    Außerdem frage ich mich – ohne Frau Borchert zu kennen – ob eine gute Bloggerin automatisch eine ergebnisorientierte Managerin ist.

    Auf jeden Fall sehr spannend …

  6. Jens sagt:

    @georg:
    Muß sich denn eine Chefredakteurin auch um die Dinge kümmern, die eine Managerin macht?

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  8. georg sagt:

    @Jens: Ich habe es so verstanden, dass sie die Verantwortung für WAZ live übernehmen wird. Das wäre dann aus meiner Sicht eine Management-Aufgabe.

  9. Jens sagt:

    @georg:
    Hmm… das habe ich daraus jetzt nicht gefolgert, denn die klassische Aufgabe eines Chefredakteurs bzw. in diesem Fall einer Chefredakteurin unterscheidet sich ja von Management-Aufgaben. Im WAZ-Artikel steht, daß sie das Projekt leitet – aber halt auch das Wort Chefredakteurin.

    Ich denke wir sollten hier jetzt aber keine Kreml-Astrologie betreiben und versuchen aus den Zeilen etwas zu lesen. Ich gehe davon aus, daß das noch kommuniziert wird.

  10. Jan Schmidt sagt:

    In den nächsten Monaten wird Katharina vor allem die Konzeption und Umsetzung des Projekts leiten, das ist vermutlich eher Management-Aufgabe. Aber wie genau ihr Dienstplan aussieht, weiß ich auch nicht.. :)

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  13. Die Probe auf das Exempel wird sein, ob die Blogger/Autoren die weitere Entwicklung der virtuellen Community mit beeinflussen oder sogar darüber autonom entscheiden können. Können Sie im Falle eines nicht überwindbaren Konflikts mit der WAZ mit den erarbeiteten Strukturen zu einem anderen Verlag wechseln oder sich selbständig machen? Profitieren Sie auch am Unternehmenswert oder speist man sie ab mit temporaeren Erloesen? Werden Sie an der Wertsteigerung der Marke beteiligt? Sind Sie Knechte oder Herren? Sind sie Hammer oder Amboß?

    Der Verlag kann sein Geschaeftsmodell der Printausgaben, bei dem der Autor nur zu einem geringen Teil an den Erlösen partizipiert, so einfach nicht ins Internet retten. Mit rund 10% müssen sich Autoren nicht mehr zufrieden geben. Sie erwarten erheblich mehr und können es sich verdienen.

    Kann ein Verlagsmoloch mit seinen erheblichen Kosten fuer den buerokratischen Ueberbau, die seiner Geschichte geschuldet sind (und so profanen Dingen wie dem Kündigungsschutz, noch nicht abgeschriebenen Druckereien und anderen Sanierungskosten), im Kampf mit Wettbewerbern, die unbelastet an den Start gehen, bestehen? Kann er guten, populären Autoren bis zu 75% seiner Erloese zahlen, um sie dauerhaft zu binden? Ich habe meine Zweifel.

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