Buch: Kopfjäger im Internet

[Update 31.7.] Matthias Armborst hat auf meine Rezension in seinem Weblog mit einem längeren eigenen Beitrag reagiert.

Aufgrund einiger längerer Zugfahrten hatte ich in den letzten Tagen Gelegenheit, das Buch “Kopfjäger im Internet oder publizistische Avantgarde? Was Journalisten über Weblogs und ihre Macher wissen sollten” von Matthias Armborst zu lesen. Es handelt sich um eine erweiterte Version seiner Diplomarbeit am Institut für Journalistik der Uni Dortmund; das Netzwerk Recherche hat sie in ihrer Reihe “Recherche-Journalismus und kritische Medienpolitik” herausgegeben. Kurz nach Erscheinen des Buches gab es einige Diskussionen [z.B. bei Thomas Knüwer, Don Dahlmann oder Fabian Mohr], die sich im Kern aber um das Netzwerk Recherche bzw. deren Pressemitteilung drehten und sich nicht ausführlich mit der Studie auseinandersetzten.

Zunächst: Mir hat das Buch recht gut gefallen; an vielen Stellen konnte ich Bezugnahmen auf Literatur oder Diskussionen erkennen, die ich in meinem eigenen Buch auch erwähne (das Matthias nicht mehr einarbeiten konnte, weil es zu spät erschien); vermißt habe ich, dass er bei seinem kurzen Abriss der deutschsprachigen Weblogforschung nicht auf die Schwerpunktausgabe von kommunikation@gesellschaft (“Erkundungen des Bloggens“) eingegangen ist, die ja schon im Herbst 2005 online ging. Aber das schmälert seine Leistung nicht, eine ausführliche und fundierte Abhandlung über die Querverbindungen und Wechselwirkungen von Weblogs und Journalismus vorgelegt zu haben. Die folgenden Bemerkungen sind deswegen auch eher als selektive, aber konstruktive Kritik seiner Überlegungen zu verstehen.

Matthias zeichnet zunächst den Wandel der öffentlichen Kommunikation nach, wobei er u.a. auf Brecht und Enzensberger zurückgreift, verschiedene Stränge der Medienkritik rekonstruiert (z.B. die Auseinandersetzung mit den Produktionsbedingungen von Nachrichten) oder auch Hinweise darauf gibt, dass die Diskussion um Weblogs teilweise Hoffnungen auf gesteigerte Partizipation und alternative Öffentlichkeiten enthält, die das Internet seit seinen Anfängen begleiten. In einem weiteren Kapitel setzt er sich mit Weblogs als Kommunikationsformat auseinander, indem er z.B. auf unterschiedliche Motivationen oder Weblog-Typen eingeht. Seine Typologie von Weblogs (S. 50ff) unterscheidet Expertenblogs, Watchblogs, Warblogs, J-Blogs, Untergrund-Blogs, Blogs in PR & Werbung sowie [dieser Typ fällt m.E. etwas aus der Reihe] Blogs als Einnahmequelle. Spätestens hier wird allerdings deutlich, dass er sich letztlich nur auf bestimmte Praktiken des Bloggens konzentriert: Diejenigen, denen es um das Herstellen ‘größerer’ Öffentlichkeiten geht. Persönliche Online-Journale, die stärker auf Kommunikation und Interaktion in kleineren interpersonalen Netzwerken abzielen, fehlen in dieser Aufzählung, obwohl sie wohl die Mehrheit der Weblogs ausmachen.

In den Kapiteln 4 und 5 vergleicht Matthias dann Weblogs und Journalismus, wobei er (1) wichtige Ergebnisse der Journalismusforschung (z.B. zu Funktionen und Rollen des Journalismus) knapp zusammenfasst, (2) Berührungspunkte zwischen Weblogs und traditionellen Medien herausarbeitet (Weblogs können als Kritik des etablierten Journalismus fungieren, als zusätzliche journalistische Quelle und schließlich in professionell hergestellte Medienangebote integriert werden) sowie (3) medienethische Überlegungen vorstellt. Diesen dritten Teil fand ich besonders anregend, weil Matthias herausarbeitet, dass in der Blogosphäre vor allem die Individual- und die Publikumsethik wichtig sind, während dagegen professions- und institutionenethische Aspekte kaum eine Rolle spielen. Er zeigt, dass (gemessen an der ‘klassischen’ journalistischen Ethik) die Blogosphäre zwar gelegentlich Defizite aufweist, wenn einzelne Blogger im Bemühen um Kritik über das Ziel hinausschießen, dass aber andererseits auch Versuche existieren, sich ethische Kodizes oder Selbstverpflichtungen zu geben. Hierbei stellt sich allerdings schnell das Problem, dass es keine sanktionierende Instanz gibt, die auf die Einhaltung dieser Prinzipien pochen könnte, und viele Blogger auch durchaus allergisch darauf reagieren, allgemein verbindliche Regeln aufstellen zu wollen.
Im sechsten Kapitel stellt Matthias dann Ergebnisse einer Befragung unter 148 deutschsprachigen Bloggern vor, die er im August 2005 durchgeführt hat. Ähnlich wie unsere “Wie ich blogge?!”-Umfrage steht er auch vor dem Problem, seine Ergebnisse nicht verallgemeinern zu können: Er rekrutierte seine Teilnehmer (a) durch eine Mail an etwa 100 Autoren reichweitestarker Weblogs [was in einigen Blogs teils kritisch, teils positiv-konstruktiv diskutiert wurde] sowie (b) durch eine offene Befragung, auf die u.a. auch bei onlinejournalismus.de verlinkt wurde. Ergebnis dieses Vorgehen ist eine Stichprobe, die systematisch verzerrt ist, nämlich a) in Richtung von leserstarken Autoren und b) solchen, die am Thema ‘Blogs und Journalismus’ interessiert sind. Dadurch sind manche der Generalisierungen, die Matthias in der Interpretation der Ergebnisse vornimmt, zumindest fragwürdig [zugute halten muss man, dass er an manchen Stellen die eingeschränkte Repräsentativität kritisch reflektiert (vgl. z.B. S.151 unten oder auch im Fazit)], so bspw.:

  • Die Ergebnisse dieser Befragung legen den Schluss nahe, dass die deutschsprachige Blogosphäre von Männern dominiert wird: Rund 74 Prozent der Teilnehmer waren männlich. (…) Wenn man jedoch bedenkt, dass in aktuellen Studien zu amerikanischen Blog-Nutzern von einem annähernd ausgeglichenen Geschlechterverhältnis die Rede ist, so lässt sich auf der Grundlage der vorliegenden Ergebnisse vermuten, dass die Entwicklung der deutschsprachigen Blogosphäre auch in dieser Hinsicht langsamer verläuft.” (S. 152) – diesen Schluß würde ich auch auf Grundlage unserer eigenen Ergebnisse (55% Männer, 45% Frauen) eben nicht ziehen, sondern es als Stichprobenartefakt verbuchen.
  • 37 Prozent der befragten Blogger verfügen über journalistische Kenntnisse (…) [S.157] Die hier zusammengefassten Ergebnisse zeigen, dass eine erhebliche personelle Überschneidung zwischen dem traditionellen Journalismus und der Blogosphäre besteht” (S.158) – auch hier wohl eher ein methodisches Artefakt; aber natürlich ist es für sich genommen ein bemerkenswerter Befund, dass unter den reichweitestarken Weblogs ein so hoher Anteil von Personen mit journalistischen Kenntnissen geführt wird.
  • Lediglich 20 Prozent der Befragten gaben an, sie bloggten, um öffentlich Tagebuch zu führen. Zumindest für den deutschsprachigen Raum läßt sich also sagen, dass es sich ganz offenbar um eine unzulässige Verallgemeinerung handelt, wenn Blogs als ‘Internet-Tagebücher’ bezeichnet werden. Einem großen Teil der Blogger (…) geht es nicht darum, ihren Alltag im Netz auszubreiten.” (S. 165/166) – ich teile die Meinung, dass die Gleichsetzung von Weblog und Internet-Tagebuch nicht zutrifft, aber der Anteil der ‘Tagebuch’- oder ‘Journal-Blogger liegt m.E. doch deutlich höher als die in der Umfrage festgestellten 20 Prozent. Wir haben bspw. folgende Anteile von Blogging-Motiven identifiziert: “Um eigene Ideen und Erlebnisse für mich selber festzuhalten”: 61,7 Prozent; “Um mir Gefühle von der Seele zu schreiben”: 44,5 Prozent.

Nochmal: Es geht mir mit diesen Bemerkungen nicht darum, die Ergebnisse von Matthias per se abzustreiten oder unsere Umfrage als die bessere darzustellen. Ich würde seine Befunde allerdings etwas stärker einschränken wollen: Es sind v.a. Befunde über die Autoren von reichweitestarken Weblogs, die meines Erachtens etwas andere Praktiken verfolgen als diejenigen Blogger, die sich in speziellen ‘thematischen Nischen’ bewegen oder nur für einen sehr kleinen, ihnen oft persönlich bekannten Leserkreis über ihren privaten Alltag bloggen. Diese Einschränkung läßt sich durchaus positiv wenden, denn genau hier liegt die Stärke des empirischen Teils seiner Studie: Er gibt einen detaillierten Einblick in Routinen der Selektion, Publikation und Vernetzung (z.B. zur Quellen- und Themenwahl, zum Umgang mit eigenen Fehlern oder zum Offenlegen von Interessenskonflikten) einer bestimmten Blogger-Gruppe. Dadurch zeigt Matthias, an welchen Stellen es Überschneidungen und wo es Unterschiede zwischen den Routinen von Journalisten und denen von Bloggern gibt. Letztlich ist sein Buch also ein wertvoller Beitrag zu der immer wieder aufkeimenden Diskussion, wie sich Journalismus und die Herstellung von Öffentlichkeiten durch das Internet verändern (siehe dazu auch meinen Gedanken in einem Artikel für politik-digital).

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