Leggewie zu Blogs und politischer Partizipation

Posted on Dienstag 25 Juli 2006

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Die Stiftung Digitale Chancen hat ein Interview mit Prof. Dr. Claus Leggewie (Zentrum für Medien und Interaktivität Gießen) veröffentlicht, das sich um die Potenziale neuerer Kommunikationsformen im Internet für politische Beteiligung und bürgerschaftliches Engagement dreht. Seiner Einschätzung nach erhöht es die Partizipationschancen der ohnehin politisch interessierten Personen, führt aber nicht per se zu einer stärkeren Bürgerbeteiligung. Er geht auch kurz auf Wikis und Blogs ein, sieht letztere aber eher kritisch:

Blogs sind in der Breite, in der sie genutzt werden, eine interessante Innovation - aber sie sind in der Regel nicht besonders nachhaltig. Sie reproduzieren etwas, was man sowieso in der Massenkommunikation vorfindet - eine eher monologische Form des Ausdrucks. So entsteht in den Blogs meist kein ‘Thread’, es erfolgt dort in der Regel keine Erarbeitung und Weiterentwicklung von Themen und Inhalten. Die persönliche Äußerung steht stark im Vordergrund statt des Aufbaus eines konsistenten und verzweigten Diskussionsfadens. Blogs sind sehr egomane Veranstaltungen, Ich-AG’s - auf die Beiträge von anderen wird nicht besonders geachtet.

Seinem letzten Satz würde ich zunächst widersprechen wollen - meines Erachtens sind viele (nicht alle) Weblogs durchaus dialogorientiert in dem Sinne, dass sie sich auf andere Stimmen und Meinungen beziehen und diese zum Ausgangspunkt eigener Gedanken machen. Auch die Bewertung “egomane Veranstaltungen” wird vermutlich auf viel Protest in der Blogosphäre stoßen.. :). Dennoch spricht er einen bedenkenswerten Punkt an, denn es ist in der Tat fraglich, ob Weblogs in ihrer jetzigen Nutzung dazu geeignet sind, länger andauernde Diskurse zu strukturieren. Wo es solche Debatten bereits jetzt gibt, sind sie zumindest schwer greifbar, weil sie eben oft nicht an einem “virtuellen Ort” geführt werden, wo dann Argumente gegeneinander abgewogen werden und die Diskutanten zu einem Fazit oder zu einer Entscheidung kommen. Die Konversationen sind vielmehr verteilt, d.h. sie erstrecken sich (durch Verlinkungen und Kommentare) über zahlreiche Weblogs, mit der Gefahr des Ausfaserns bzw. erschwerten Nachvollziehbarkeit von Diskussionen. Weblogs sind daher vermutlich besser dazu geeignet, Meinungen und Bewertungen aktueller Themen zu publizieren bzw. zu rezipieren, müssten aber für konkrete deliberative Projekte um andere, stärker strukturierte Kommunikationsumgebungen ergänzt werden.

In dem Zusammenhang auch noch der Hinweis, dass wir in der aktuellen WIB-Nachbefragung auch einige Fragen zur politischen Nutzung von Weblogs gestellt haben.



  1.  
    Juli 26, 2006 | 3:54 pm
     

    >>>>Wo es solche Debatten bereits jetzt gibt, sind sie zumindest schwer greifbar, weil sie eben oft nicht an einem “virtuellen Ort” geführt werden, wo dann Argumente gegeneinander abgewogen werden und die Diskutanten zu einem Fazit oder zu einer Entscheidung kommen. Die Konversationen sind vielmehr verteilt, d.h. sie erstrecken sich (durch Verlinkungen und Kommentare) über zahlreiche Weblogs, mit der Gefahr des Ausfaserns bzw. erschwerten Nachvollziehbarkeit von Diskussionen.

    Sehe ich zwiespältig. Einerseits finde ich die Beobachtungen von Alan Jacobs in “Goodby, Blog” zutreffend, dass zumindest die Kommentarstruktur Diskussionen nicht wirklich förderlich ist. Aber die Vernetzung der Diskussionen über diverse Weblogs könnte auch der Anfang einer digitalen Aufsatz-Kultur sein, die nicht egomanischer wäre als die einstmalige Aufsatzkultur der Intelektuellen in den Printmedien. Die Unübersichtlichkeit ergibt sich durch die wesentlich grössere Anzahl an an digitalen Publiktaionsorten im Vergleich zum Netz, andererseits könnten sich auch wie in den berühmten literarischen Gesellschaften und Salons der Vorzeit digitale Debattencluster ausbilden, in denem die jeweiligen Diskusionen von den Peer-Mitglieder geführt werden und nur diesen voll und ganz in ihren Zusammenhängen kenntlich sind.

    Allerdings scheinen mir Weblogs aber auch noch nciht das geeignete Medium für Aufsätze zu sein. Kurze Texte sind auch bei ihnen besser adäquater (-max. 4 Din A4 ?). Gibt es schon Hinweise für Software-Entwicklungen, die debattenfreundlicher sind? Foren und Emailisten waren dies meiner Erfahrung nach gar nicht, da die ausführliche Entfaltung von Argumenten den Lesefluss zerstört hat.

    Ansonsten Danke für den lesenswerten Hinweis!

  2.  
    Jan Schmidt
    Juli 26, 2006 | 5:47 pm
     

    Julian, danke für Deinen Beitrag. Ich hatte in meinen Bemerkungen tatsächlich eher an Deliberationen in “konkreten” Bürgerbeteiligungsprozessen gedacht (also z.B. die Entscheidung, was mit einer ehemaligen Militärfläche geschehen soll - Wohnraum, Shopping Mall oder Park?) und weniger an das ‘freie Räsonnieren’ von Bügern zu gesellschaftlichen Themen. Das wäre nochmal eine weitere Frage - inwiefern erfordern diese beiden Formen der diskursiven politischen Partizipation unterschiedliche Debattenformen und -orte? Den Jacobs-Artikel schaue ich mir mal an.

  3.  
    Juli 26, 2006 | 6:37 pm
     

    Hat nicht Leggewie insofern recht, als Blogs im Kontext der Logik der Kommunikationsgesellschaft, ihrer Kommunikations- und Darstellungszwänge stehen und deshalb auch für Eigen-PR genutzt werden, wie Eigen-PR ja auch im Printbereich verbreitet ist? Problematisch erscheint mir der Schritt, wenn von der zutreffenden Feststellung der Existenz von Eigen-PR auf “Egomanie” als übergreifendes Phänomen geschlossen wird.

    Ähnliche Beiträge zur Verteidigung des Bloggens wie Du sie hier hast abgefasst hast, haben Teppo Felin und Brayden King von Orgtheory verfasst, hier und hier.

  4.  
    Juli 27, 2006 | 12:12 pm
     

    @Tina:
    Egomanie und Eigen-PR:Auch wenn ich nicht angesprochen war, nutze ich das mal zu einem Kommentar. Wenn man sich “Deliberationen in ‘konkreten’ Bürgerbeteiligungsprozessen” anschaut, dann kann man natürlich fragen, ob andere Software die Einzelperson weniger in Vordergrund stellt und dergestallt weniger Eigen-PR ermöglicht - z.B. vermittels kooperativer Techniken wie bei Wiki.

    Doch andererseits können Blogs auch von Gruppen/Initativen betrieben werden. Es wäre vorstellbar, dass Blogs von konkurierenden Interessengruppen ebtreiben werden, die wechseitig Pros und Kontras verfassen.

    Zudem ist aber überhaupt fraglich, ob hier eine besondere Eigen-PR vorliegt, die über ein ungewöhnliches Maß hinausgeht: In jeder Bürgerinitiative profilieren sich Menschen, auch im Auftritt nach außen, das bringt die Macht des öffentlichen Sprechens mit sich. Und ich kenne wenig, was mehr auf Eigen-PR angelegt ist, als es die öffentliche Stellungnahme des Intellektuellen der vergangenen anderthalb Jahrhunderten war, sie gehörte ja zu ihren konstituierenden Mechanismen, um die Streitkultur der demokratischen Öffentlichkeit um diese besondere Mahnerfunktion zu erweitern. Das kann man alles problematisch finden, aber dann würde ich sagen, dass Weblogs eher Teil der Lösung als des Problems sind, insofern als sie Teil jener Entwicklung sind, diesen öffentlichen Gestus zu Grabe zu tragen.

    @beide:
    zur Diskussion von Jacobs und den Beiträgen von Orgtheory (Danke für den Hinweis!):
    Wenn Teppo Felin vor einer Überladung der Erwartungshaltung an Blogs warnt, ist das sicherlich hilfereich. Aber wenn Jacobs unausgesprochen eine weitere Perspektive von diskursiver Öffentlichkeit im Blick hat, die nicht nur ein Parlieren “standing around the watercooler” beinhaltet, dann greift einen von vielen Verteidiger des Weblog-Phänomens vertretene utopische Blogphilosophie (um diesen Begriff von Lovinkzu verwenden) auf. Eine Philosophie ürbigens, auf die auch der Kommentator Raffi in dem Beitrag von Brayden King Bezug nimmt, wenn er über die Gefahr des zuviel Schreibens Bezug nimmt. Macht es nicht viel mehr Spass als Nutzer dieser Technologie Weblogs aus dieser utopischen Perspektive zu verteidigen und da man ja kein blinder Schwärmer sein will, zu schauen, wie die Struktur gleichzeitig in dieser Hinscht verbessert werden kann? Etwas was dem Anspruch von Leggewie auf Augenhöhe begegnet.

    @Jan: Julio, aber du darfst mir auch gerne andere Namen geben (vielleicht nicht gerade Tiernamen…) Ausgesprochen toll finde ich hier übrigens die nutzerfreundliche Möglichkeit, Kommentare zu formatieren.

  5.  
    Juli 27, 2006 | 12:18 pm
     

    Für den mangelhaften orthographischen und grammatikalischen Auftritt bitte ich um Verzeihung. Die Endredaktion fiel der Faszination der Technik zum Opfer.

  6.  
    Jan Schmidt
    Juli 27, 2006 | 3:08 pm
     

    Julio, sorry, ich bin es gewohnt, das auf ein ‘J’ irgendwann auch ein ‘an’ folgt.. :)
    Dein Beitrag fiel dank der vielen Links übrigens zunächst dem Comment-Filter zum Opfer, ich hab ihn grad freigeschaltet, da Du ja nicht auf Viagra-Seiten verlinkst.. :)

    Nochmal zur Eigen-PR: Ich habe Tina vor allem vor dem Hintergrund des Academic Blogging verstanden, das ja dazu dienen kann, sich und seine Themen/Gedanken anderen ‘informell’ vorzustellen und so unter Umständen relevante Kontakte zu knüpfen (Siehe auch meine Bemerkungen hier, an den Hard Blogging Scientists aufgehängt). Der Hinweis auf den “public intellectual” ist in diesem Zusammenhang aber sehr hilfreich, finde ich.

  7.  
    Juli 27, 2006 | 7:48 pm
     

    Bei Viagra fehlt mir die Kompetenz für Empfehlungen, aber vielleicht kann ich ja bei Gelegenheit auf andere Angebote…? Zur Einstimmung dieses Angebot hier?

    Zu anderen kommunikativen Herausforderungen:
    Mir fiel auch auf, dass mein unredigierter Beitrag als Widerede zu Tinas Anmerkung zu Eigen-PR verstanden werden kann, was nicht intendiert war. Allerdings übersah ich wohl tatsächlich was: Die Bezugnahme auf das Academic Blogging in den beiden empfohlenen Posts von Orgtheory bemerkte ich, aber leider nicht die verwandte Stoßrichtung in ihrem Beitrag. Einmal mehr ein Hinweis auf eigene Scheuklappen, aufgrund derer man gerne die disparaten Nutzungsweisen und die ganz unterschiedlichen Hintergründe bei Blogs übersieht.
    Deine Bemerkungen zu “Hard Blogging Scientist” und den Chancen für die Selbstpräsentation sind zudem sehr aufschlussreich. Mal sehen, ob ich das für meine gestrige Spielerei (hier) konstruktiv oder unterminierend verwenden kann (Stichwort:Akademiker und öffentliche Bühne). Ich bin ja nicht so richtig von meinem Ansatz überzeugt, aber das muss ich ja drüben nicht sagen.

  8.  
    Juli 28, 2006 | 11:44 pm
     

    Vor dem Hintergrund gemeinsamer akademischer Lehrer hat mich Jan sehr gut verstanden :-) So wie Herr Prof. Leggewie kritisieren könnte, dass die Blogger, in diesem Fall Jan, Julio und ich auf dem Egomanentrip sind, weil wir dieses Medium nicht nur nutzen, um den Diskurs zu pflegen und eine eine Öffentlichkeit für unsere Anliegen herzustellen, sondern uns auch eine eigene Plattform schaffen um dezentral zu publizieren, Kontakte zu knüpfen bei und bei all diesen Tätigkeiten selbstverständlich Eigen-PR zu betreiben, können wir auch sagen, dass gut etablierte Wissenschaftler,die vorrangig im Print-Bereich unterwegs sind, genau dasselbe tun - die Mittel sind verschieden, jeder spielt auf einer bestimmten Klaviatur, und die Weblog-Technik erweitern auf sehr interessante Weise das Repertoire, wie ich finde. Ich meine also, Herr Leggewie mit dem von Jan ausgewählten Zitat der Blogosphäre nicht gerecht wird.

    Weblogs ermöglichen eine dezentrale kontextgesteuerte Kommunikation, sie erlauben es, eine Öffentlichkeit für bestimmte Anliegen zu schaffen, Diskurs zu betreiben (informell, jenseits der etablierten Kommunikationspfade, die in der Wissenschaft selbstverständlich auch ihren Platz haben und haben sollen, miteinander zu kommunizieren “standing around the watercooler”) - Teppo, Brayden und ihre Gastblogger nutzen die Technik in virtuoser Form, wie ich finde. Dass beim Bloggen Eigen-PR beteiligt ist, ist offensichtlich und fällt in Jans Buch wohl am ehesten unter Identitätsmanagement (so meine Lesart, korrigier mich, wenns falsch ist, jan) Weblogs öffnen zusätzliche Möglichkeiten für den Aufbau, das Management udn die Aufrechterhaltung von Identität. Wissenschaftler der Generation Leggewie & Co betreiben selbstverständlich auch Identitätsmanagement.

  9.  
    deMo
    August 1, 2006 | 7:18 pm
     

    @jan,
    danke für den hinweis auf das lesenswerte interview mit prof. legewie.

    @tina, jan & julio
    danke euch drei, dass ihr diesen so eindrücklich wiederlegt und zeigt wie deliberation (sei sie nun egomanisch motviert oder nicht) und ein “konistenter und verzweigter diskussionsfaden” ohne hypertextuelle zerfaserung innerhalb eines wegblog-kommentars aussehen kann ;-)

  10.  
    August 29, 2006 | 9:59 pm
     

    […] Die Mittelwerte streuen beim oberen Diagramm deutlich geringer als beim unteren, was darauf hindeutet, dass die Erwartungen an Blogs (gleich welchen Themas) in Bezug auf den Schwerpunkt der publizierten Inhalte relativ ähnlich sind: Von Blogs wird erwartet, dass vor allem die Texte des/der Autoren im Mittelpunkt stehen, weniger die Diskussionen der Leser untereinander. Das ist nun wahrlich keine revolutionäre Erkenntnis, aber es verdeutlicht empirisch, dass in Weblogs die Präsentation der eigenen Person und Interessen im Vordergrund steht. Auffällig auch, dass selbst bei einem Thema wie Politik der Schwerpunkt der Erwartungen auf dem Autoren liegt, und nicht auf den Diskussionen zwischen Lesern - ein Hinweis darauf, dass Prof. Leggewie doch recht hat? […]

  11.  
    Oktober 6, 2006 | 12:46 am
     

    Jan, Axonas: in einem konkreten Fall muss ich nun doch eine Korrektur einfügen, denn es gibt doch Leute, die es mit der Selbstdarstellung ganz schön weit treiben.

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