Web 2.0-Hype vs. Social Software

Posted on Freitag 4 August 2006

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Christian Stöcker hat bei SpON einen Artikel “Die Zeit der Kopfjäger” veröffentlicht und einige spannende Debatten [1] ausgelöst [Technorati-Kosmos]. Leider beziehen sich viele Kommentare oft nicht auf den Kernpunkt des Artikels - die sich abzeichnende “Vermarktung” von Social Software unter der Überschrift des “Web 2.0″ [2], die ja an einigen Stellen des Textes durchaus kritisch kommentiert wird -, sondern auf den Anfang des Textes, wo es heißt:

Es ist eine einfache Rechnung. Wer viel Zeit hat, weil er zum Beispiel arbeitslos ist, oder sehr reich, Schüler oder ein nicht allzu eiliger Student, der kann auch viel zur Unterhaltung Anderer tun. Bloggen zum Beispiel. (…)”

Nun, das ist eine Formulierung, die nach empört-kritischen Reaktionen aus der Blogosphäre geradezu schreit, und ich kann diese Reaktionen auch zu einem gewissen Grad verstehen. Ein Vergleich von Mario Sixtus belegt meines Erachtens wunderbar, dass es geht es den allermeisten Menschen, die das Netz nutzen, nicht um ein Geschäftsmodell o.ä. geht - sie wollen kommunizieren, sich selbst und ihre Interessen anderen vorstellen, sich unterhalten (lassen):

Warum treffen sich eigentlich erwachsene Menschen mit ihren Freunden am Baggersee? Schließlich bekommen sie kein Geld dafür. Warum kicken andere, ebenso erwachsene Menschen, am Wochenende auf einem staubigen Bolzplatz herum, wohlwissend, dass sie niemals Fußball-Profis werden können? Warum probt eine Hobby-Kapelle wacker zweimal wöchentlich Jazz-Standards, obwohl die Hand voll Auftritte im Jahr noch nicht einmal ihre Proberaummiete refinanziert? Wo sind eigentlich die Geschäftsmodelle? (…) Das Internet, liebe Kollegen, ist quasi der Baggersee unter den Medien. Es ist – trotz Ebay, Amazon und Co. – nur nebenbei ein Wirtschaftsraum. Primär ist das Netz ein Ort der Kommunikation und der sozialen Interaktion. Wie ein Bolzplatz oder ein Proberaum. Menschen sind so. Sie reden gerne miteinander. Sie tauschen Ideen aus, diskutieren, klopfen sich anerkennend auf die Schultern oder streiten sich tagelang. Warum sollten sie sich im Netz anders verhalten?

Es ist also weniger Zeitüberfluss per se, der Menschen bloggen, an der Wikipedia mitarbeiten, flickrn, qypen, plazen oder taggen läßt, sondern die Lust an der Interaktion und Kommunikation. Klar kostet das Zeit, aber einer wachsenden Anzahl von Menschen scheint es eben durchaus wert zu sein, für diese Interaktionen Zeit zu investieren, die sie möglicherweise beim Fernsehen oder anderswo abknapsen. Und natürlich gibt auch die Leute, die überlegen und experimentieren, ob man nicht im Umfeld dieser ganzen Kommunikationen und Interaktionen Geld verdienen kann - in Marios Bild wäre das z.B. der Eisverkäufer, der sich an den Baggersee stellt. Ich habe den SpON-Artikel so verstanden, dass vor allem dieser Teil des Trends behandelt werden soll, und er setzt sich ja durchaus kritisch damit auseinander: “Der Missbrauch, die marketingtechnische Ausbeutung der neuen Formen des globalen Miteinander, hat ohnehin längst begonnen”, heisst es da beispielsweise.

Ein anderer Punkt aber noch:

“Dieses Problem steht für ein allgemeineres: Eine ganze Generation, die erste nämlich, die wirklich mit dem Web großgeworden ist, füttert im Augenblick das Netz mit der Begeisterung und der Kreativität der Jugend. Was passiert, wenn die MySpace-Kids von heute 34 sind und einen Job und 1,3 Kinder haben? Werden sie wirklich weiter einen Netzauftritt pflegen, der doch vor allem jugendliche Identitätssuche reflektiert? Werden ihre Kinder sich da virtuell präsentieren wollen, wo Mama und Papa das auch schon gemacht haben?”

Ich hab keine Kristallkugel, aber es ist in meinen Augen völlig plausibel, dass es “social-software-Karrieren” gibt, die sich zum Beispiel an Lebensphasen orientieren; in den USA könnte das bspw. das Wandern von MySpace zu Facebook, sein, wenn man die Highschool verläßt, dann geht es nach dem College zu Linkedin, um die beruflichen Netzwerke zu pflegen, und im Herbst des Lebens meldet man sich bei einer Dating-Seite für Senioren an oder bloggt über das Leben in Florida. Auch wenn die konkreten Dienste variieren werden (und das ist aus Busines-Modell-Gesichtspunkten sehr wichtig, denn Dienst XY will natürlich auch in 20 Jahren noch existieren), denke ich doch, dass die grundsätzlichen Bedürfnisse bestehen bleiben: Sich selbst im Internet darstellen, um mit anderen Personen interagieren und kommunizieren zu können.

Das auf jugendliche Identitätssuche bei MySpace oder gar auf quasi-exhibitionistisches Online-Entblössen der eigenen Privatsphäre zu reduzieren (letzteres war ein Tenor der Titelgeschichte des Print-Spiegels neulich), halte ich für zu verkürzt. Natürlich sind Jugendliche aufgrund ihrer Lebensphase besonders prädestiniert, mit Identitätsentwürfen zu spielen und auszuprobieren, wer sie als Person und Teil von sozialen Beziehungen sind. Aber die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und vor allem die Präsentation derselben zu Zwecken der Beziehungspflege sind in anderen Altersstufen genauso relevant. MySpace und OpenBC sind in dieser Hinsicht also gar nicht so weit auseinander.

[1] Er und Martin Röll werden wohl keine Freunde mehr.. ;-)
[2] Beim Nachdenken über den Artikel wurde mir nochmal bewusst, wie wichtig in diesem Zusammenhang Begriffe und Labels sind. Bei SpON ist sowohl vom “sozialen Internet” als auch von “Web 2.0″ die Rede, wobei implizit zwei unterschiedliche Aspekte angesprochen sind. “Soziales Internet” würde ich mit “Social Software” gleichsetzen, d.h. diejenigen onlinebasierten Anwendungen und Dienste bezeichnen, die Informations-, Identitäts- und Beziehungsmanagement in Netzwerken und Öffentlichkeiten unterschiedlicher Größe erlauben. Bei “Web 2.0″ schwingt dann sofort die Assoziation des Business-Models, des Marketing-Pitches, des anvisierten Börsengangs oder Google-Kaufs mit, d.h. die Perspektive ist deutlich eingeschränkter.



  1.  
    August 6, 2006 | 8:19 pm
     

    […] Das AAL-Prinzip wurde von Andreas Weigend, Web 2.0 und Datamining Experte an der Stanford-Universität und früherer Chief-Scientist bei Amazon, formuliert. AAL steht für “Andere arbeiten lassen”. In den Grundsätzen wird dabei der sog. “User generated Contend” verstanden. Das ist, wie bei allen Web 2.0 Merkmalen, eigentlich nix neues, wird aber von den Web 2.0 Unternehmen auf die Spitze getrieben. Persönlich finde ich es schön, dass es die Hitflip Jungs rund um Andre in den Artikel geschafft haben. Ein weiterer wichtiger Artikel zum Thema Web 2.0 findet sich bei Spiegel Online. Wichtig schon deshalb, weil der Spiegel, ebenso wie das Manager-Magazin zu den etablierten Medien gehört und sich deshalb einer großen Besucherzahl erfreuen dürfte. Entsprechend umfangreich sind auch die Reaktionen. […]

  2.  
    August 8, 2006 | 5:18 pm
     

    […] Inspiriert durch dieses Posting bei Jan Schmidt (Lesen! Auch die Diskussionen im Technorati-Kosmus!) habe ich mich an einen Gedankenfetzen erinnert, der mir während des MFG-Workshops zu Social Software in Stuttgart vor ein paar Wochen in den Sinn kam: In der Diskussion kam immer wieder die aus meiner Sicht auf den ersten Blick plausible, aber auf den zweiten Blick völlig absurde Frage auf, warum Menschen zum Beispiel an der Wikipedia mitschreiben, Freizeit opfern, dabei aber kein Geld verdienen? Ich will mal mit einer Gegenfrage klar machen, warum ich die Frage absurd finde: “Warum verlangen Menschen kein Geld, wenn man sie auf der Straße nach dem Weg fragt?” […]

  3.  
    August 8, 2006 | 5:19 pm
     

    Schönes Posting! Und zu Herrn Sixtus kann ich nur sagen: Ich liebe seine Schreibe! :-)

  4.  
    August 17, 2006 | 12:16 pm
     

    […] Regelmäßig kommt in den Interviews die Frage nach den Veränderungen für das Verhältnis von Privatsphäre und Öffentlichkeit, auf die ich sinngemäß immer so antworte: Die Veröffentlichung von eigenen Erlebnissen, Gedanken oder Fotos im Netz geschieht nicht aus einem quasi-exhibitionistischen Antrieb heraus, sondern um Aspekte der eigenen Person festzuhalten und so andere Personen (bereits bekannte oder bislang fremde) zu erreichen, diese auf dem Laufenden zu halten, mit ihnen zu plaudern und/oder zu diskutieren. Die gewünschte/gesuchte Öffentlichkeit ist weniger die gesellschafts- oder gar internetweite, sondern vielmehr die begrenzte Öffentlichkeit der interpersonalen oder gruppenweiten Kommunikation, weil die Inhalte eben nur für begrenzte Personenkreise relevant sind. Natürlich können die Vorteile, die Weblogs für diese Kommunikationen bietet, unter Umständen auch zu Nachteilen werden: Archivierte Texte und Fotos können im Rückblick peinlich wirken, oder ein Bild der eigenen Person vermitteln, das nicht mehr aktuell ist [1]. Durch die Öffentlichkeit meiner Texte kann ich bislang fremde Personen erreichen, die meine Interessen teilen, aber vielleicht stoßen auch Leute auf mein Blog, die ich dort lieber nicht mitlesen lassen möchte (Hi Mom! Hi Boss!) und an deren Aufmerksamkeit oder Kommentaren mir nichts liest. Und noch gänzlich unklar ist (mir zumindest), welche Folgen die wachsenden Möglichkeiten haben werden, Daten(spuren) aus verschiedenen Quellen zu aggregieren und umfassendere Profile zu erstellen. Diese Nachteile sind mögliche, aber keine zwangsläufigen Folgen des Bloggens oder der Nutzung von Social Software im Allgemeinen. Ich halte es daher für wichtig (und weise in den Interviews auch darauf hin), dass eine Reflexion des eigenen Bloggens im Hinblick auf die Grenzen der eigenen Privatsphäre sehr hilfreich sein kann, und dass dies auch eine gewisse Form der Medienkompetenz ausmacht. Aber in generellen Pessimus oder Alarmismus zu verfallen, halte ich auch nicht für sinnvoll; dazu besteht meines Erachtens auch kein Anlass. [1] Dieser Umstand könnte die Tendenz zu “Social-Software-Karrieren” fördern, die ich hier kurz angedeutet habe: Beim Wechsel vom Gymnasium zur Uni oder in den Beruf sind manche vielleicht ganz froh darüber, mit einem neuen Blog oder einer neuen Social-Networking-Plattform auch Teile des ‘alten Selbst’ zurücklassen zu können? , Unter Umständen können diese [view academic citations] [hide academic citations] Bitte wie folgt zitieren: Schmidt, Jan (2006): Journalisten wollen’s wissen. In: Bamblog [Weblog], 17 Aug. 2006. Online-Publikation: http://www.bamberg-gewinnt.de/wordpress/archives/536. Abrufdatum: August 17, 2006 Alternativ die APA citation: Schmidt, Jan. (2006). Journalisten wollen’s wissen. Retrieved August 17, 2006, from Bamblog Web site: http://www.bamberg-gewinnt.de/wordpress/archives/536 […]

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