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[Update 7.8.2006: Das Profil ist inzwischen gelöscht]
Goldkind hat mich gestern darauf aufmerksam gemacht: Helmut Kohl hat jetzt auch ein openBC-Profil, und sogar schon 20 Kontakte. Nun ist es nicht der echte Ex-Ex-Kanzler Helmut Kohl, der dahinter steckt, es handelt sich also um einen Fake, die bei openBC nicht wirklich erwünscht sind: “(…) Des Weiteren werden Profile entfernt, die von unserem System als “Fake-Profile” identifiziert werden, d.h., offensichtlich nicht den wahren Angaben entsprechen.” Der Hinweis auf das “System” ist ganz interessant, denn die Betreiber sind bei der wachsenden Anzahlen von Profilen darauf angewiesen, von anderen Nutzern einen Hinweis zu bekommen, wenn ein Profil offensichtlich nicht echt ist - dazu gibt es die Funktion “Dieses Profil als unecht melden” auf der Kontaktseite.
Es ist interessant zu beobachten, wie die Reaktionen auf diesen Fake ausfallen: Im Gästebuch gibt es eine ganze Reihe von Reaktionen, die von Missbilligung bis Anerkennung reichen, und es entspinnt sich sogar eine Art Dialog, weil “Helmut Kohl” auf einige Beiträge reagiert. Ich bin mal gespannt, wie lange das Profil online ist.

Der Ex-Ex-Kanzler beim Networken?
Ein paar allgemeine Anmerkungen noch zu dem Phänomen von “fake profiles” in solchen Netzwerk-Seiten: Es ist eine grundsätzliche Entscheidung beim Design einer Social-Networking-Seite, ob Profile zugelassen werden, die nicht authentisch sind - wobei ganz unterschiedliche “Fake Profiles” vorkommen können. danah boyd identifiziert in ihrem Artikel “Friendster and publicly articulated networking” drei Arten, die bei Friendster vorkamen (und Formen der unintendierten Nutzung bzw. des kreativen Umgangs mit der Technologie darstellen):
- „cultural characters“ (Gott, Homer Simpson, LSD, …)
- „Community characters“ (Universitäten, Burning Man, San Francisco,…)
- „Fraudsters“ – Profile mit der Intention zu Täuschen
Eine mögliches Argument der Betreiber, solche “Fakesters” (wie sie bei Friendster getauft wurden) nicht zuzulassen, ist: Sie vermindern den Wert der auf der Plattform artikulierten Netzwerke - entweder weil sie den “ernsthaften” Charakter der Plattform untergraben (im Fall von openBC sicher ein Grund) oder weil sie “Beziehungsketten” unterbrechen: Person A und Z kennen sich nicht, haben aber beide Helmut Kohl als Kontakt, weil sie das Profil lustig finden - heißt das, sie kennen sich nun über eine Ecke? Nein, weil Helmut Kohl zwischen den beiden nicht sinnvoll vermitteln könnte, was ja ein Grundgedanke dieser Networking-Plattformen ist.
Die Reaktionen im Gästebuch zeigen aber, dass manche Nutzer durchaus Gefallen an solchen Spielereien finden können. danah boyd schreibt in Bezug auf friendster:
Yet, by and large, most people love the fake characters. They become little hidden treasures in the network and people go seeking out the most creative ones. Fakesters that represent groups allow people to more quickly find one’s friends and acquaintances.
Eine groß angelegte “Säuberungsaktion“, bei der die Betreiber von Friendster solche unechten Profile identifizierten und löschten, stieß daher auf breite Kritik unter den Nutzern - für sie erhöhten, nicht verminderten die Fakesters den Wert der Plattform. Nach einiger Zeit ließ Friendster sie dann doch zu, hatte zwischenzeitlich aber schon gegenüber MySpace und Facebook gehörigen Boden verloren [1]. Ohnehin geht MySpace einen anderen Weg: Dort sind z.B. Profile von Bands (wie die Arctic Monkeys) oder Organisationen (besonders unheimlich: Die US Marines, deutlich angenehmer: Internet-Radio play.fm) gang und gäbe. Ein spannendes Feld also, um die Zusammenhänge zwischen Plattform-Design, Verwendungsregeln und entstehenden Netzwerken zu untersuchen…
[1] Natürlich nicht nur wg. des Löschens der ‘fakesters’ - hier nimmt danah boyd eine etwas ausführlichere Analyse vor.
Die Fakes überleben meist von Freitag bis Montag ,-) Bernd Stromberg war letzte Woche aus drin, sehr schön gemachtes Profil, sehr witzig- Montag morgen 8 Uhr war er Geschichte…. hatte knapp 90 Kontakte, die Impressions waren auch schon 4-stellig ,-)
Schaun mer mal!
Apropos und offtopic - haut Ihr morgen die Bayern weg?
Interessant finde ich dabei vor allem Plattformen wie die deutsche Plattform “lokalisten.de”. Hier wird nicht nur eine Einladung von einem bereits bestehenden Mitglied gefordert, gleichzeitig muss der Einladende den Anmeldevorgang des neu Eingeladenden insofern kontrollieren, als das er nach der Anmeldung den Kontakt noch einmal bestätigen muss um die Authentizität zu prüfen.
Mich würde durchaus auch interessieren, wie solche Fake-Profile zustande kommen, da letztendlich eine EInladung davor stehen muss. Wer sind diese “Faker”, warum faken sie überhaupt und welche Mitglieder laden Bekannte zu solchen Plattformen ein, die sich letztendlich dann als wenig seriös herausstellen?
Könnt man sich zu überreden lassen, aber Borowski und DIego fallen wohl aus ,-(
@Authentizität: ist das nicht erst einmal eine Frage von Wahrscheinlichkeit? In einem Netzwerk bidlet sich ja auch immer ein Bewußtsein dafür heraus, wer ein potentielles “tie” ist. helmut Kohl ist erscheint gerade eben als äußerst unwahrscheinlich, aber das sagt ja erstmal nichts über die Authentizität eines Profisl des Managers xy aus, nur wird diesem Profil eine höhere Wahrscheimlichkeit zugerechnet als Beispelsweise Jean-Remy von Matt. Die Trennung im sozial-physischen Raum ist wirkt also auch auf den virtuellen Raum ein.
Allerdings verweist das Interesse an fake characters auf Kämpfe um die Hegemonialisierung von solchen Netzwerken: Die offizielle ideologie von OpenBC - Kontakte zwischen möglichen und realen Geschäftspartnern herzustellen - entspricht nicht notwendigerweise den Aneignungsweisen der Teilnehmer. Und schließlich: gemeinsamer Geschmack ist nicht unwesentlich für ökonomische Beziehungen.
Was Maddins Echtheitsprüfung betrifft, so sind dies wohl bereits Reaktionen, wobei ich mir vorstellen kann, dass damj einerseits die Profile “wahrscheinlicher” gestaltet werden, zumal man als Zertifikator die Person ja nicht unbedingt offline kennen (gelerent haben) muss.
@Jan: Habe gerade gesehen, dass Du in Kassel auf der Sektionssitzung der Kommunikationssoziologen sprcehen wirst. Weißt Du bereits, wann diese stattfindet? (Bin selbst nämlich für die Kindheitssoziologie eingespannt…)
Lars: Authentizität als Wahrscheinlichkeit (von Vertrauen, Anschlußkommunikation, …) zu sehen, hat was für sich - vor allem, wenn man die Prozesse modellieren will, die auf solchen Plattformen ablaufen.
Den Punkt mit den Aneignungsweisen finde ich extrem spannend, weil sich - im Vergleich bspw. zu Blogs als Networking-Tool - die Nutzung bei openBC in vergleichsweise ‘reglementierten Bahnen’ bewegt, was die Selbstdarstellung angeht: Man kann sein Profil nur sehr eingeschränkt individualisieren (keine eigene Hintergrundgrafiken, kein ‘Music currently listened to”-Feld, …), die (semi)öffentliche Kommunikation mit anderen läuft an ‘neutralen Orten’ ab, nämlich in den moderierten Gruppen, … Aber so Profile wie das von Kohl, oder die Diskussionen in manchen Foren, zeigen deutlich, dass einige Nutzer kreativ mit der Umgebung umgehen.
Es sind ja nicht nur “Promis” bei OpenBC o.ä., doch es geht mittlerweile schon weiter. Andere Leute übernehmen aus bestehenden Profilen die Angaben und das Bild und geben sich so unter einem anderen Namen mit dem gleichen Profil aus. Darüber habe ich schon mal kurz geschrieben.
Nach allem was ich gehört habe, scheint mir OpenBC auch nocht die Plattform der Business-Elite zu sein. Es ist eher anzunhemen, dass da der gehobene Mittelstand vorwiegt. Jan: Das Bedürfnis, Netzwerke aktiv herzustellen zu wollen und dies einer Teilöffentlichkeit anzuzeigen (wer hat mehr oder weniger Kontakte etc.) ist ja nicht nur funktional sondern vor allem distinktiv - das riecht nach dem klassischen Aufsteigerproblem. Soclhe Netzwerke sind eben doch noch keine zweite Natur, wie sie etwa Bourdieu für das Sozialkapital bestimmt hat. Insofern ist da Individualität auch nicht so0 wirklich gefragt. Es geht bei OpenBC nicht um eine expressive Selbstdarstellung, sondern viel mehr um eine andere Form von Ranking. Im Gegnsatz zu Weblogs ist OpenBC ja auch in erster Linie ein Instrument, dass über keinen Selbstzweck verfügt.
Was die Kreativität betrifft, wäre ich vorsichtiger: Zwar ließe sich vielleicht ein “ursprünglicher Zweck” der Gründer festhalten, aber ob ein unwahrscheinliches Profil kreativer als ein wahrscheinliches ist, sie dahin gestellt. Außer Du bestimmst Kreativität als ein “gegen den Strich”-Handeln. Es ließe sich aber durchaus denken, dass sich solche kreativen Aneignungen mehrheitlich durchsetzen, der Kommentar von Christoph verweist auf solche Prozesse. Wobei ich mir da selbst nicht so sicher bin. Vielleicht liegt das aber einfach an meinem Misstrauen gegenüber der Vorstellung, dass Maskerade oder Fake-Identities sonderlich kreativ sind, weil - so meine Vermutung - dahinter eine “wahre Identität” vermutet wird. Klar, ein Kohl-Profil zeigt schon von selbst an, dass es auf Grund der Unwahrscheinlcihkeit inauthentisch ist, aber das überdramatisiert nur die generelle Ungewissheit um den Kommunikationspartner, der aber anders nicht zu adressieren ist - ich vernachlässige jetzt mal evtl.Offline-Bekanntschaften, da stellt sich das Problem sowieso anders.
@Christoph: Ui, das ist ja eine bizarre Geschichte - danke für den Hinweis.
@Lars: Ich stimme Dir zu, dass sich Elemente von Distinktion in den Profilen finden lassen, und dass das Sammeln von Kontakten für manche eine Art “wettbewerbscharakter” hat - was übrigens in der ersten Zeit von openBC auch technisch nahegelegt wurde, weil es eine Anzeige gab, welchen Rang man mit seiner Kontaktanzahl in seinem Land innehatte. Gib den Nutzer Rankings, und es entsteht ein Wettlauf um die vorderen Plätze..
“Im Gegnsatz zu Weblogs ist OpenBC ja auch in erster Linie ein Instrument, dass über keinen Selbstzweck verfügt.”
Hmm, den Satz versteh ich nicht so ganz - meinst Du, dass bei openBC sind bestimmte Verwendungsweisen stärker ‘eingeschrieben’ sind als bei Weblogs (was ich in einem Kommentar drüber als ’stärker reglementiere Bahnen der Nutzung’ bezeichnet habe? Sehe ich ähnlich; einerseits sind die Nutzungsoptionen von openBC deutlich geschlossener als die von Blogs (geringere Personalisierbarkeit, Layout festgelegt, weniger Schnittstellen zu anderen Tools, …), andererseits ist das “Leitbild” bzw. die dominante Lesart von openBC auf Business-Networking (einschließlich der dafür notwendigen persönlichen Authentizität) eingeschränkt, während Blogs in dieser Hinsicht deutlich offener sind.
Zum Kreativ-Begriff noch: Der bezog sich in der Tat auf die unintendierte Nutzung, also Kreativität im Sinne von: Über die Absichten der Designer und/oder die dominante Lesart hinausgehen. Es sollte nicht heißen, dass nur fake-profile kreativ sind, die ‘echten’ aber nicht.
Ich glaube wir meinen so ziemlich das gleiche.
Auf den Kreativ-Begriff können wir uns auf jden Fall einigen. Mit Selbstzweck meine ich, dass OpenBC eben nicht um des OpenBC willens gemacht wird, während Weblogs wahrscheinlich eine höhere “libidinöse Besetzung” aufweisen, wenn ich mal im freilich verfänglichen Begriffsfeld der Psychonanalyse wildern darf. OpenBC würde wahrscheinlich irgendwann desertiert, wenn sich die Fälle der fakes häuften, es ist halt vorwiegend ein Tool zum Netzwerken (also Deine stärker reglementierte Bahn), während Blogs unter anderem Netzwerkbildung erlauben, die Nutzer aber auch einen intrinsischen Wert erkennen. Aber irgendwie kommt mir das gerade komisch vor, dem “Praktiken des Bloggens”-Forscher schlechthin davon zu erzählen…
OT: wie könnt ihr nur BOULAHROUZ verticken ,-(