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In den letzten Wochen habe ich eine Vielzahl von Interview-Anfragen erhalten, unter anderem von Journalist/innen der dpa, der Berliner Zeitung, vom österreichischen “Standard” und “Profil” sowie vom Radiosender M94,5. Das Thema war im Grunde immer ähnlich: Was für Auswirkungen haben Blogs und Networking-Plattformen auf soziale Beziehungen? Mich freuen (und schmeicheln) die Anfragen, auch wenn das erwachte Interesse an Social Software möglicherweise zum Teil dem Sommerloch geschuldet ist. Was ich aber für sehr interessant halte: Es geht in den Gesprächen nicht mehr um die Frage, ob Bloggen jetzt Journalismus sei oder nicht, sondern die Journalisten interessieren sich allgemeiner für die Motive und Nutzungsweisen, insbesondere im privat-persönlichen Bereich.
Regelmäßig kommt in den Interviews die Frage nach den Veränderungen für das Verhältnis von Privatsphäre und Öffentlichkeit, auf die ich sinngemäß immer so antworte: Die Veröffentlichung von eigenen Erlebnissen, Gedanken oder Fotos im Netz geschieht nicht aus einem quasi-exhibitionistischen Antrieb heraus, sondern um Aspekte der eigenen Person festzuhalten und so andere Personen (bereits bekannte oder bislang fremde) zu erreichen, diese auf dem Laufenden zu halten, mit ihnen zu plaudern und/oder zu diskutieren. Die gewünschte/gesuchte Öffentlichkeit ist weniger die gesellschafts- oder gar internetweite, sondern vielmehr die begrenzte Öffentlichkeit der interpersonalen oder gruppenweiten Kommunikation, weil die Inhalte eben nur für begrenzte Personenkreise relevant sind.
Natürlich können die Vorteile, die Weblogs für diese Kommunikationen bietet, unter Umständen auch zu Nachteilen werden: Archivierte Texte und Fotos können im Rückblick peinlich wirken, oder ein Bild der eigenen Person vermitteln, das nicht mehr aktuell ist [1]. Durch die Öffentlichkeit meiner Texte kann ich bislang fremde Personen erreichen, die meine Interessen teilen, aber vielleicht stoßen auch Leute auf mein Blog, die ich dort lieber nicht mitlesen lassen möchte (Hi Mom! Hi Boss!) und an deren Aufmerksamkeit oder Kommentaren mir nichts liest. Und noch gänzlich unklar ist (mir zumindest), welche Folgen die wachsenden Möglichkeiten haben werden, Daten(spuren) aus verschiedenen Quellen zu aggregieren und umfassendere Profile zu erstellen.
Diese Nachteile sind mögliche, aber keine zwangsläufigen Folgen des Bloggens oder der Nutzung von Social Software im Allgemeinen. Ich halte es daher für wichtig (und weise in den Interviews auch darauf hin), dass eine Reflexion des eigenen Bloggens im Hinblick auf die Grenzen der eigenen Privatsphäre sehr hilfreich sein kann, und dass dies auch eine gewisse Form der Medienkompetenz ausmacht. Aber in generellen Pessimus oder Alarmismus zu verfallen, halte ich auch nicht für sinnvoll; dazu besteht meines Erachtens auch kein Anlass.
[1] Dieser Umstand könnte die Tendenz zu “Social-Software-Karrieren” fördern, die ich hier kurz angedeutet habe: Beim Wechsel vom Gymnasium zur Uni oder in den Beruf sind manche vielleicht ganz froh darüber, mit einem neuen Blog oder einer neuen Social-Networking-Plattform auch Teile des ‘alten Selbst’ zurücklassen zu können?
Gute Thesen.
Und wie sind die Reaktionen der Journalisten im Interview und in den daraus resultierenden Artikeln? Akzeptiert man Deine These und gibt sie wieder oder versucht man doch lieber das Sommerloch mit Artikeln über das Ende der Privatsphäre und Seelen-Exhibitionismus zu füllen?
Interessanter Text. Sehe das ähnlich wie Du und denke, dass gerade das Reflektieren über das eigene Bloggen bzw. die eigenen Nutzungspraktiken einem im Endeffekt zu mehr Authentizität zwingt. Ich muss zu dem, was ich onlineöffentlich und nicht-anonym veröffentliche stehen können. jeder zeit auch im nachhinein. Nur dann kan ich eventuell rückblickend peinlich-wirkende Texte, Bilder Passagen mit einem Lächeln abhaken.
Das mit der Medienkompetenz und dem Reflektieren ist aber so eine Sache. Jugendliche stellen relativ leichtsinnig Videos von sich und anderen ins Netz und können die potentiellen netzwerkeffekte kaum abschätzen. hier fehlt es an einer Vermittlungsinstanz, die den verantwortungsvollen Umgang mit den neuen Möglichkeiten rahmt. Eigentlich wären die Schulen gefragt, aber das scheitert an der Uniwssenheit der allermeisten Lehrer. Ein Problem im Bildungssystem, dem es schwerfällt, mit der rasanten Entwicklung mitzuhalten. Workshops für Lehrer und Schüler könnten hier Abhilfe schaffe, aber da dürfte wohl mal wieder das Geld für fehlen.
Was das Thema Sommerloch betrifft so gab es bei mir in den letzten Wochen vermehrt Anfragen zum Thema Bürgerjournalismus und die Rolle der Blogs im Nahostkonflikt. AKtuell ist ads Thema allemal, aber ir scheint, dass die Konkurrenz dankbar ist, wenn ein Kollege so ein Thema ausgegraben hat.
Ich denke, man muß die Blogs als tatsächlichen Generator des eigenen Selbst (als verbindende Form von Indivdiuum und Gesellschaft) betrachten. Gibt es eigentlich Daten darüber, inwieweit Blogger z.B. noch Tagebuch führen? Klar kann einem ein Weblog später peinlich sein. aber wer kennt in anbetracht von Jugend- oder Kindheitsphotos nicht das beklemmende Gefühl, die abgebildete Person gewesen sein zu müssen.
Viel eher aber wird es durch Webliogs möglich, die eigene Biographie zu dokumentieren (nicht nur, aber soweit Weblogs Privates thematisieren). Weblogs haben aufgrund ihrer Chronologie eben genau die Form, die von der Biographieforschung als “trajectory” beschrieben wird. Und wenn man mal in eine Richtung losfliegt, kann man nicht mehr so einfach zurück. Und schließlich werden eine Menge Diskussionen und Definitionskämpfe darum geführt, wie denn die Aussagen im Blog zu verstehen seien. Schließlich bildet das Weblog auch einen Teil aktuellster Gouvernementalität, Selbstführung und teil einer Kultur seiner Selber in dem Sinne, dass Blogger eine eigene Ethik der Selbstbearbeitung entwerfen. Das ist von Anfang an ein zentrales Moment, z.B. schon bei Rebecca Blood.
Also weniger Pastoralmacht von oben als innere Policey (also im Sinne der Pflege des allgemeinen Reichtums: der kommunikative Surplus der Blogosphäre ).
sorry, kommt jetzt alles etwas unstrukturiert, aber ich arbeite noch an der Systematik.
ach nochwas: die Selbstführung sprichst Du ja implizit an, indem Du die Medienkompetenz als Reflexion der eigenen Selbstperformanz hinsichtlich des Privaten und Öffentlichen benennst
@Matthias: Aus den oben erwähnten Anfragen ist bislang nur bei der Berliner Zeitung und dem “Profil” (leider keine Online-Version) ein Artikel erschienen; bei der BZ ging es vor allem um Politblogs (das Gespräch war aber deutlich umfassender), beim Profil-Artikel um Myspace und Networking. Dort wurde ich (sinngemäß) mit der Aussage zitiert, dass Myspace und andere Seiten neue Formen des Identitäts- und Beziehungsmanagements erlauben. Sehr interessant fand ich, dass in dem Artikel die Studie von Larry Rosen erwähnt wurden, der sich mit Jugendlichen bei Myspace auseinandersetzt und gezeigt hat, dass Eltern aus Unwissenheit über die tatsächlichen Nutzungsweisen und Abläufe die Gefahren von MySpace (insbesondere in Bezug auf sexuelle Belästigungen) um ein Vielfaches überschätzen. Zu den anderen Anfragen sowie den entsprechenden Stoßrichtungen/Argumentationen der Artikel kann ich noch nichts sagen.
Meine Erfahrung mit Journalisten ist, dass inzwischen wesentlich differenzierter und aufgeklärter mit Social Software, Weblogs und Co. umgegangen wird. Zu Wahlkampfzeiten wurde ich mehrfach von Printjournalisten angefragt, habe brav meine Statements abgegeben und mich hinterher gewundert, zu welchen Zwecken und in welchen Kontext die Zitate eingesetzt wurden. Insgesamt muss man als Wissenschaftler denke ich lernern, wie der Medienbetrieb funktioniert, was Journalisten warum hören wollen. Weiss man das, kann man seine eigene Botschaft auch in der Regel unterbringen.
Sehe ich wie Steffen - wenn ich eine Anfrage von Journalisten erhalte, lasse ich mir vor dem Gespräch zumindest die Themen nennen (also etwas spezifischer als “Expertenmeinung zu Weblogs”), manche nennen sogar vorab konkrete Fragen, andere Journalisten führen das Gespräch etwas lockerer. Ich lege mir vor dem Interview dann aber immer zwei, drei Punkte zurecht, die ich auf jeden Fall zu dem Thema unterbringen will (ob sie dann im Artikel verwendet werden, ist natürlich nicht gewährleistet).
Da ist ja viel Erfahrung versammelt … beim Stichwort “Weblogs und Medien” ist mir diese Frage gekommen: Habt Ihr Erfahrung und Erkenntnisse über die Bereitschaft von Printmedien und elektronischen Medien Infos und Meinungen aus der Blogoshäre für eigene Berichte zu verarbeiten und aufzugreifen? Zu welchem Grad ist diese Bereitschaft vorhanden?
Auf CNN habe ich per Zufall z.B.einen Bericht über Blogger in Israel und Libanon gesehen, die über ihre unmittelbaren Kriegserfahrungen berichtet hatten - da ging es also schon mal vom Blog bis zum Fernsehinterview …
Hi Tina! such mal in meinem Weblog media-ocean.de nach “blogs go print” darüber solltest Du zu einer Reihe von Postings kommen, in denen ich zeige, wie der Trierische Volksfreund Blogpostings für Print verwertet.
vielen Dank, schaue gern mal vorbei
[…] Es geht in dem Beitrag ganz einführend um Web 2.0 und Social Software, die Aspekte der Privacy und der Kommerzialisierung werden auch kurz angerissen. Etwas ausführlicher habe ich zum ersten Punkt ja kürzlich schon was geschrieben. [view academic citations] [hide academic citations] Bitte wie folgt zitieren: Schmidt, Jan (2006): Radiobeitrag online. In: Bamblog [Weblog], 30 Aug. 2006. Online-Publikation: http://www.bamberg-gewinnt.de/wordpress/archives/545. Abrufdatum: August 30, 2006 Alternativ die APA citation: Schmidt, Jan. (2006). Radiobeitrag online. Retrieved August 30, 2006, from Bamblog Web site: http://www.bamberg-gewinnt.de/wordpress/archives/545 […]
[…] Ich weiß nicht, ob es direkt mit dieser Meldung zusammenhängt, aber mich haben heute zwei weitere Anfragen von Journalisten [1] erreicht, die gerne eine Stellungnahme von mir zu den Entwicklungen im “neuen Netz” für Radiosendungen einholen wollen. In den Vorgesprächen klangen beide Male wieder Fragen an, über die ich vor knapp zwei Monaten schon mal kurz was geschrieben hatte: Wer sind die Leute, die im Netz persönliche Erlebnisse und Informationen preisgeben? Warum machen die das? Was könnte das für die Mediennutzung der Zukunft bedeuten? Ich möchte vor allem zwei Dinge deutlich machen: […]
[…] Wie oben schon angedeutet, löst sich das Monopol von klassischen „Gatekeepern“ wie Journalisten oder Öffentlichkeitsarbeitern immer weiter auf, weil sie nicht mehr die einzigen sind, die Informationen öffentlich verbreiten können. Manche mögen das als Bedrohung empfinden, andere als Befreiung oder als Schritt zu alternativen Öffentlichkeiten jenseits der Interessen von Medienkonzernen und Unternehmen. Ich sehe es etwas nüchterner: Die neuen Formate erleichtern es dem Einzelnen, sich und seine Interessen im Internet darzustellen und so Kontakte zu Personen aufrecht zu erhalten oder neu zu knüpfen, die ähnliche Interessen haben – ob das nun aktuelle politische Entwicklungen, spezielle Fachthemen oder auch nur gewisse Hobbies sind. Dadurch werden Informationen oder Meinungen (Lob genauso wie Kritik) sichtbar, die früher genauso ausgetauscht wurden, aber in kleineren sozialen Kreisen zirkulierten. […]
[…] Sehr spannend fand ich, dass in einer Reihe von Vorträgen und Diskussionen deutlich wurde, wie sich der Gegenstandsbereich der kommunikationswissenschaftlichen Fachgruppe in den letzten zehn Jahren (so lange gibt es sie nämlich) erweitert hat: Anfangs führte sie noch die Bezeichnung “Computervermittelte Öffentliche Kommunikation”, doch die Grenzen zwischen öffentlicher und interpersonaler Kommunikation verschwimmen ja bekanntlicherweise (Weblogs sind da ein sehr gutes Beispiel), und so gab es beispielsweise Vorträge zu multimedialen Gespräche in Skype (Martina Joisten) oder zu einer Typologie von Podcastern (Dennis Mocigemba). Es geht auch nicht nur im internetbasierte Kommunikation im engeren Sinne (auch wenn eine ganze Reihe von Vorträgen dieses Thema hatten); zum Beispiel hat Jan-Noel Thon in einem sehr anregenden Vortrag gezeigt, welche Funktionen Kommunikation im Computerspiel haben kann. Schließlich hat der Überblicks-Vortrag von Patrick Rössler eine grundsätzliche Debatte ausgelöst, ob sich die deutschsprachige Forschung zur cvK nur auf die Nutzerperspektive konzentriere, aber die Wirkungen der verschiedenen Kommunikationsmodi und ihrer Aneignung vernachlässige. […]