Erste Ergebnisse der WIB-Nachbefragung

Es ist geschafft: Erste Ergebnisse der zweiten Welle der “Wie ich blogge?!”-Umfrage sind inzwischen online als .pdf-Dokument verfügbar.

Schmidt, Jan / Paetzolt, Matthias / Wilbers, Martin (2006): Stabilität und Dynamik von Weblog-Praktiken. Ergebnisse der Nachbefragung zur “Wie ich blogge?!”-Umfrage. Berichte aus der Forschungsstelle “Neue Kommunikationsmedien”, Nr 06-03. Bamberg. Online verfügbar: http://www.fonk-bamberg.de/pdf/fonkbericht0603.pdf

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Der Bericht ist deutlich länger als der erste Ergebnisband geworden (stolze 50 Seiten), und beinhaltet eine tabellarische Darstellung und Deskription aller Fragen aus der zweiten Welle. Gerahmt wird die (möglicherweise etwas trockene) Dokumentation der Daten von einer Skizze des theoretisch-konzeptionellen Rahmens, der der Umfrage zugrunde liegt, sowie durch eine erst Interpretation der Ergebnisse. Wie schon bei der ersten Umfrage ist mit diesem Bericht selbstverständlich das Erkenntnispotenzial noch nicht ausgeschöpft und es gibt eine ganze Reihe von weiteren Fragestellungen, die ich in den nächsten Monaten zusammen mit meinen studentischen Mitarbeitern (herzlichen Dank an dieser Stelle schon mal für Euren bisherigen Einsatz!) untersuchen möchte. Ich habe auch vor, über die nächsten Wochen hinweg immer mal wieder auf einzelne Befunde der Studie näher einzugehen bzw. mich einzelnen Fragen noch einmal genauer zu widmen. Beispielsweise finde ich es bemerkenswert, dass nur ein sehr geringer Teil der Nutzer (etwa 10%) an Corporate Weblogs interessiert ist – nur geringfügig mehr als an erotischen Themen.

Für eine ausführliche Übersicht der Kernergebnisse (die auch zu Beginn des Berichts abgedruckt ist) bitte ggfs. auf “weiterlesen” klicken.
Zusammenfassung der Kernergebnisse

  • An der Nachbefragung zur „Wie ich blogge?!“-Studie haben im Juli und August 2006 insgesamt 1439 Personen teilgenommen, das sind 56 Prozent derjenigen Teilnehmer der ersten Welle, die im Oktober 2005 prinzipielle Teilnahmebereitschaft erklärt hatten.
  • Da die onlinebasierte Umfrage nicht frei verfügbar war, sondern nur Teilnehmer der ersten Welle um ihre Antworten gebeten wurden, sind die Ergebnisse nicht repräsentativ für die deutschsprachige Blogosphäre. Das Umfragedesign erlaubt aber, in der Stichprobe Veränderungen bzw. Stabilität der Weblog-Praktiken seit der ersten Welle zu identifizieren. In dieser Auswertung sind die Veränderungen auf der Aggregatebene dargestellt-
  • Die Befragten aktualisieren ihr Weblog tendenziell etwas seltener als noch bei der ersten Welle, doch immerhin ein Viertel veröffentlicht nahezu täglich ein oder mehrere neue Beiträge. Weniger als zehn Prozent können sich zudem vorstellen, ihr Weblog in der nächsten Zeit wieder einzustellen.
  • Nur geringe Veränderungen ergaben sich bei den Motiven, ein Weblog zu führen. Weiterhin dominiert der Spaß (74%) und die Lust am Schreiben (68%) sowie der Wunsch, eigene Erlebnisse und Gedanken für sich selbst festzuhalten (66%).
  • Die häufigsten Inhalte in Weblogs sind Berichte aus dem Privatleben, Fotos/Bilder sowie kommentierte Links zu anderen Online-Seiten. Multimediale Inhalte wie Filmdateien oder Podcasts sind inzwischen zwar häufiger als noch bei der ersten Welle, werden aber weiterhin nur von einer Minderheit (elf bzw. sechs Prozent) der Blogger veröffentlicht.
  • Ein Schwerpunkt der Befragung lag auf politischen Weblogs. Etwa ein Drittel aller Befragten publiziert auch politische Beiträge; unter diesen „Politbloggern“ sind Männer deutlich überrepräsentiert, außerdem finden sich hier tendenziell eher Personen mit hoher formaler Bildung. Diese soziodemographischen Gruppen sind auch unter den Lesern überrepräsentiert, die sich für politische Beiträge interessieren. Die meisten politischen Beiträge beziehen sich auf nationale oder weltpolitische Themen (jeweils von mehr als 80 Prozent genannt). Autoren und Leser von politischen Beiträgen zeigen ein deutlich stärkeres politisches Engagement als die übrigen Befragten, sowohl im Hinblick auf konventionelle wie unkonventionelle Partizipationsformen.
  • Differenzierte Routinen finden sich im Umgang mit der Privatsphäre anderer Personen. Nur etwa jeder Zehnte erwähnt prinzipiell keine anderen Privatpersonen; die übrigen Autoren nutzen überwiegend Initialen, Spitznamen oder Rollenbezeichnungen (wie „meine Mutter“), um auf andere Personen zu verweisen. Wer anonym oder unter Pseudonym bloggt, macht tendenziell auch weniger nachvollziehbare Informationen über andere öffentlich.
  • Der Anteil der Beiträge, die Kommentare erhalten, sowie die durchschnittliche Anzahl der Kommentare ist gegenüber der ersten Welle leicht gestiegen, doch weiterhin erhalten etwa zwei Drittel der Befragten auf maximal die Hälfte ihrer Einträge überhaupt Kommentare, und mehr als 80 Prozent der Befragten bekommen im Durchschnitt fünf Kommentare oder weniger auf ihre Beiträge.
  • Zwei Drittel der Befragten führen eine Blogroll, wobei die Anzahl der enthaltenen Verweise auf andere Blogs gegenüber der ersten Welle gestiegen ist. Die Links in der Blogroll führen überwiegend auf regelmäßig gelesene Weblogs sowie die Weblogs von Freunden.
  • Zwei Drittel der Befragten können in etwa einschätzen, wieviele regelmäßige Leser ihr Weblog hat. Drei Viertel der Blogger nutzt dazu zumindest gelegentlich spezielle Counter oder Log-File-Analysen. Jeweils etwa 80 Prozent geben an, dass unter ihren Lesern Freunde bzw. Personen sind, die sie nicht persönlich kennen, die also reine Online-Kontakte sind. Mehr als zwei Drittel der Befragten stehen über ihr Weblog mit Personen in Kontakt, die ausserhalb der eigenen Region leben.
  • Acht Prozent der Umfrageteilnehmer sind Ex-Blogger, haben ihr Weblog also zwischenzeitlich eingestellt, davon etwa die Hälfte innerhalb von sechs Monaten. Als Gründe nennen die Ex-Blogger vor allem, die Lust verloren zu haben und/oder das Bloggen als zu zeitaufwändig empfunden zu haben. Jeder Fünfte gibt Bedenken an, die eigene Privatsphäre öffentlich zu machen.
  • Etwa die Hälfte der Befragten verfolgt regelmäßig mehr als zehn Weblogs, und ebenfalls etwa die Hälfte nutzt RSS Feeds, um über Aktualisierungen auf dem Laufenden zu bleiben. In beiden Fällen gibt es signifikante Unterschiede zwischen aktiven Bloggern und ‚reinen Lesern’; letztere lesen tendenziell weniger Weblogs und nutzen seltener RSS-Feeds.
  • Die dominierenden Themen, die Leser in Weblogs interessieren, sind persönliche Erlebnisse (70%), gefolgt von kommentierten Links (56%), Humor/Spaßigem (53%) und geteilten Hobbies (52%).
  • Faktorenanalytisch lassen sich fünf übergreifende Interessensgebiete identifizieren, wobei sich vor allem zwischen den Geschlechtern signifikante Unterschiede zeigen: Männer sind tendenziell häufiger als Frauen an Themen aus den Bereichen Gesellschaft, Entertainment und Business interessiert, während dagegen Frauen stärker als Männer an subjektiven und persönlichen Themen interessiert sind.
  • Die Erwartungen von Lesern an Gestaltung und Inhalt von Beiträgen zu verschiedenen Themen unterscheiden sich teilweise deutlich, insbesondere was die Subjektivität/Objektivität sowie die Unterhaltsamkeit/Sachlichkeit der Beiträge angeht. Einigkeit besteht dagegen vor allem in der Erwartung, eher kurze Texte lesen zu wollen und den Schwerpunkt auf die Beiträge der Autoren (anstatt auf die Kommentare der Leser) zu legen.
  • Nur etwa jeder zehnte Befragte ist an Neuigkeiten und Ankündigungen aus Unternehmen interessiert – etwa genausoviel an Erotik. Die Leser von Unternehmensblogs erwarten tendenziell eher eine objektive sowie sachlich-informative Aufbereitung der Beiträge. An die Inhalte von Weblogs, die von PR-/Kommunikationsabteilungen geführt werden, richten die Leser teilweise andere Erwartungen als an die Blogs von Mitarbeitern/Managern.
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