Web 2.0 101

Posted on Montag 23 Oktober 2006

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Oliver van Essenberg hat mich letzte Woche für den Newsletter der Werbeagentur “NDSY” zum Thema “Web 2.0/Social Software” interviewt, wobei es eher um grundlegende Fragen/Einschätzungen für eine Zielgruppe ging, die die entsprechenden Diskussionen nicht en detail verfolgt. Here we go - und um einen Mehrwert zu schaffen, füge ich in diese Fassung auch ein paar Links ein, die im Printnewsletter nicht enthalten sind:

Inwiefern entstehen durch neue Medien– Stichwort Weblogs, Social Software, RSS, Podcasting - neue Öffentlichkeiten?

Diese neuen Formate und Technologien machen es auch technisch wenig versierten Nutzern relativ leicht, eigene Gedanken, Erlebnisse und Meinungen im Internet zu veröffentlichen und mit anderen in Konversation zu treten. Das Spektrum der behandelten Themen ist sehr breit und reicht von journalistisch produzierten Inhalten über spezifische Fachinformationen bis hin zu persönlichen Schilderungen aus dem Privat- oder Arbeitsleben. Ebenso stark variiert die Größe des Publikums, die damit angesprochen wird: Manche Angebote erreichen mehrere 1000 Nutzer täglich, doch die Mehrheit wird nur von wenigen Personen rezipiert, die Interesse an den veröffentlichten Inhalten haben. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer „Power Law“-Verteilung. Weil aber Weblogs und andere Formate starken Wert auf die wechselseitige Verlinkung legen, entsteht ein vergleichsweise dichtes Netzwerk von miteinander verbundenen Seiten, in dem sich Informationen und Meinungen sehr schnell verbreiten können. Gleichzeitig erhöht sich dadurch die Chance für Nutzer, bei Recherchen auch nach längerer Zeit noch relevante Inhalte zu teilweise sehr spezifischen Themen zu finden.

Was haben die Weblogs mit Suchrecherchen zu tun?

Suchmaschinen, allen voran Google, gewichten die Ergebnisse zu bestimmten Suchbegriffen nach verschiedenen Kriterien. Zwar ist der genaue Algorithmus nicht bekannt, doch spielen Faktoren wie häufige Aktualisierung und eine Vielzahl von Links anderer Seiten, die auf einen bestimmten Text verweisen, eine große Rolle. Weblogs erfüllen diese Kriterien, weil dort oft mehrmals in der Woche, manchmal sogar mehrmals am Tag neue Texte veröffentlicht werden, die untereinander sehr stark verlinkt sind. Dadurch kann es geschehen, dass zum Beispiel bei der Suche nach einer bestimmten Produkten oder Firmen schon auf der ersten Trefferseite von Google Einträge aus Weblogs auftauchen – gelegentlich sogar noch vor den offiziellen Unternehmensseiten. [”Why Google loves Blogs“]
Wie verändert das Internet die Kommunikation in Kultur, Wirtschaft und Medien?

Wie oben schon angedeutet, löst sich das Monopol von klassischen „Gatekeepern“ wie Journalisten oder Öffentlichkeitsarbeitern immer weiter auf, weil sie nicht mehr die einzigen sind, die Informationen öffentlich verbreiten können. Manche mögen das als Bedrohung empfinden, andere als Befreiung oder als Schritt zu alternativen Öffentlichkeiten jenseits der Interessen von Medienkonzernen und Unternehmen. Ich sehe es etwas nüchterner: Die neuen Formate erleichtern es dem Einzelnen, sich und seine Interessen im Internet darzustellen und so Kontakte zu Personen aufrecht zu erhalten oder neu zu knüpfen, die ähnliche Interessen haben – ob das nun aktuelle politische Entwicklungen, spezielle Fachthemen oder auch nur gewisse Hobbies sind. Dadurch werden Informationen oder Meinungen (Lob genauso wie Kritik) sichtbar, die früher genauso ausgetauscht wurden, aber in kleineren sozialen Kreisen zirkulierten.

Was sollten Unternehmen beachten, die sich mit diesen neuen Entwicklungen beschäftigen?

Es werden andere Erwartungen an die Kommunikation gestellt: Den Autoren wie den Lesern geht es weniger um Objektivität oder Texte im Stil „glattgebügelter“ Pressemitteilungen, sondern um Authentizität und Subjektivität – man will die persönliche Meinung aus den Texten heraushören können. Ausserdem wird großer Wert auf Dialog und Kritikfähigkeit gelegt, das heißt man muß bereit sein, Meinungen der anderen anzuerkennen und gegebenfalls auch die eigenen Positionen zu überdenken. Schließlich stehen viele dieser Nutzer Kommerzialisierungs- und Überwachungstendenzen sehr kritisch gegenüber, reagieren also allergisch auf allzu plumpe Versuche von Unternehmen, herkömmliche Werbe- und PR-Strategien in diese neuen Öffentlichkeiten zu übertragen [siehe aktuell die Diskussion um “Flogs”/”Fake Blogs”]. Es kann also nicht schaden, sich zunächst einmal mit den Gepflogenheiten und Erwartungen der Nutzer vertraut zu machen.

Drängen die Entwicklungen im Bereich der „Social Software“ auch klassische Medien zu Veränderungen?

Ja, weil sich bei vielen Internetnutzern, insbesondere den Jüngeren, die Gewohnheiten des Medienkonsums deutlich ändern. Es setzt sich immer mehr die Erwartung durch, Medieninhalte – ob Texte, Musik oder Filme – abrufen zu können, wann man gerade möchte. Die starren Sendeschemata von TV- oder Radiosendern, aber auch die fixen Erscheinungszeiten von Printprodukten werden dem oft nicht mehr gerecht. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen eigene Inhalte produzieren und veröffentlichen, wodurch sich die Konkurrenz um Aufmerksamkeit verschärft. Für den Medienkonsumenten verheißt dies einerseits eine größere Wahlfreiheit, andererseits steigt natürlich aber auch der Zwang, aus all den Angeboten auswählen zu müssen. Ich gehe daher davon aus, dass die Medienwelt der nächsten Jahre sehr viel stärker individualisiert sein wird.



  1.  
    Oktober 26, 2006 | 12:16 pm
     

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  2.  
    April 25, 2007 | 7:55 am
     

    Sehr spannend finde ich insbesondere den Blick auf den Aspekt “Authentizität und Subjektivität”: die Beobachtung, dass die persönliche Färbung mithin nicht als Schwäche sondern spezifische Eigenart und ‘Tugend’ von Weblog-Postings zu sehen ist. Uns würde im Detail interessieren, ob bestimmte Typen des Bloggings möglicherweise als neueste Formen des Selbstportraits oder der Autobiographie beschreibbar sind. Wir planen dazu ein kleines Analyse-Projekt im Rahmen des Projektutorium ‘Selbsterzaehlungen’ an der HU Berlin.

  3.  
    April 25, 2007 | 9:21 am
     

    Claudia, in der Tat ist das eine Stärke von Weblogs: Dass subjektiv wie intersubjektiv von dieser Form der öffentlichen Kommunikation gerade keine Objektivität o.ä. erwartet wird. Ich weiß leider zuwenig über die Genres des Selbstportraits bzw. der Autobiographie, um das im Detail beurteilen zu können, aber ich denke, dass es da sicher Parallelen gibt. In dem Zusammenhang ist möglicherweise auch die geplante Ausstellung “Vom Tagebuch zum Weblog” interessant, siehe diesen Beitrag von mir: http://www.bamberg-gewinnt.de/wordpress/archives/717

  4.  
    April 26, 2007 | 5:13 pm
     

    Vielen Dank für die freundliche und ermutigende Antwort!
    Erste Überlegungen zu unserer Fragestellung finden sich auf unserem Blog http://selbsterzaehlungen.blogspot.com/ (neuester Post). Wir konnten Juliette Guttmann (http://www.juliette-guttmann.de/) als Gastrednerin einladen, ihr Blog erschien uns als interessantes Beispiel für ein sehr persönliches zugleich auch ‘literarisiertes’ Blogging. Wir werden sehr gerne weitere Information über Verlauf und Ergebnisse unseres Projektes senden.

  5.  
    April 26, 2007 | 10:22 pm
     

    Claudia, sehr gerne - ich würde gerne auch in Eurem Weblog kommentieren (z.B. die Merkmale von Weblogs), aber es scheint, als wäre diese Funktion ausgestellt. Gibt es dafür bestimmte Gründe? Möglicherweise kämen über Kommentare ja noch weitere Anregungen.

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