Vortrag zu Öffentlichkeiten im Netz

Im Wintersemester 2006/07 organisiere ich zusammen mit meiner Kollegin Kristina Wied die Vortragsreihe “Journalismus und Web 2.0″ (siehe auch hier), die sich mit den Veränderungen im Journalismus und der öffentlichen Kommunikation befasst, die durch neue Internetanwendungen angestoßen werden.

Letzten Montag habe ich mich im Eröffnungsvortrag grundsätzlich damit auseinandergesetzt, wie Öffentlichkeiten im sogenannten “Web 2.0″ entstehen und welche Strukturierungsprinzipien sie aufweisen. Mein Grundgedanke ist, dass Öffentlichkeiten als Netzwerke von Texten (im weiten Sinne, also auch podcasts, Videos, etc.) und korrespondierenden sozialen Beziehungen verstanden werden können. Diese Netzwerke wiederum entstehen als Aggregation von Handlungen einzelner Menschen, die Identitäts-, Beziehungs- und Informationsmanagement betreiben. Anders gesagt: Nutzer von Blogs etc. stellen bestimmte Aspekte ihrer Person (incl. Interessen, Meinungen, Erfahrungen etc.) im Internet dar und treten darüber mit Menschen in Kontakt, die sie entweder bereits aus anderen Zusammenhängen kennen oder die sie neu kennen lernen. Aus diesen vielen individuellen Publikations- und Vernetzungsakten entstehen auf einer höheren Betrachtungsebene Öffentlichkeiten (mit ganz unterschiedlichen Reichweiten und Thematiken), die dem Einzelnen wiederum als Quelle für Informationen dienen können.

Drei Strukturprinzipien dieser Öffentlichkeiten habe ich hervorgehoben, hier in aller Kürze – eine etwas ausführlichere Ausarbeitung kann ich hoffentlich in den nächsten Wochen mal vornehmen:

  • Kanalisierung: Zu den klassischen “Gatekeepern” treten neue Filtermechanismen, insbesondere die “Weisheit der Masse” (Rankings nach der Häufigkeit der Zugriffe, Links, Empfehlungen) und die “Weisheit des Netzwerks” (mein eigenes soziales Netzwerk weist mich auf Relevantes hin).
  • Hierarchie: Aufmerksamkeitsverteilung folgt zumindest annähernd einem ‘power law’ – manche Angebote ziehen viel Aufmerksamkeit auf sich, die Mehrzahl erreicht aber nur ein kleines Publikum.
  • Überlappung: Zwischen den verschiedenen Öffentlichkeiten der traditionellen Medien und der Web 2.0-Angebote bestehen viele Verbindungen, v.a. durch wechselseitige Beobachtung: Blogs etc. greifen Themen aus Massenmedien auf, bewerten und verbreiten sie; Journalisten beobachten wiederum die neu entstehenden Öffentlichkeiten und greifen dort entstehende Themen auf.

Die Folien stehen hier als .pdf zur Verfügung (ohne die screenshots und ohne die “Live-Demonstrationen” einzelner Anwendungen). Wir haben auch eine Videoaufzeichnung des Vortrags vorliegen, die allerdings noch nicht für eine Veröffentlichung im Internet aufbereitet wurde. Ich hoffe, dass wir das zu Beginn kommender Woche erledigt haben.

Bei Robert Basic habe ich eben entdeckt, dass im Manager-Magazin online ein längerer Text über den Vortrag veröffentlicht wurde. Fein!

[Update] Beim nochmaligen Lesen sind mir zwei kleine Fehler aufgefallen – d.h. eigentlich keine Fehler, sondern Begriffe, die ich etwas anders verwendet habe. Statt “privaten Öffentlichkeiten” spreche ich von “persönlichen Öffentlichkeiten”, und statt “Sozialmanagement” von “Beziehungsmanagement”. Vielleicht nur Kleinigkeiten, aber trotzdem…. :)

Ausserdem würde ich den folgenden Satz nicht so stehen lassen wollen: “Ein Großteil der User versteht Plattformen wie YouTube oder Podcast als dezentralisierte Gegenöffentlichkeit zu konventionellen Medienangeboten” -  Ich weiß nicht, ob ein Großteil der Nutzer sich als Teil einer Gegenöffentlichkeit versteht; ich bezweifele es eher. Der Begriff legt m.E. eine gewisse Reflektion der gesellschaftlichen Folgen des eigenen Tuns nahe, und die ist, glaube ich, nur bei bestimmten Kreisen der ‘neuen Öffentlichkeiten’ gegeben.
Feki.de hat auch einen kurzen Bericht über die Veranstaltung sowie eine Fotostrecke.

Dieser Beitrag wurde unter Akademisches, Meta-Blogging, Networking-Projekt veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.