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StudiVZ ist in verschiedener Hinsicht ein schönes Beispiel für die Veränderungen von Öffentlichkeiten, die ich letzte Woche in meinem Futuredays-Vortrag thematisiert habe. Ich bin im Vortrag kurz mit ein paar Screenshots und eine Live-Demonstration des Kontakt-Knüpfens darauf eingangen, um zu zeigen, wie diese und ähnliche Angebote das Identitäts- und Beziehungsmanagement unterstützen. Bei der Konzeption des Vortrags hatte ich auch noch vor, auf die Diskussionen rund um das studentische Networking-Portal einzugehen, die seit einiger Zeit Teile der Blogosphäre, aber auch einige reichweitenstärkere Online-Medien beschäftigen [1] - aus Zeitgründen habe ich es dann schweren Herzens gekippt (und habe trotzdem meine Zeit überzogen…).
Ich habe trotzdem in den letzten Tagen die verteilten Konversationen rund um studiVZ verfolgt (so gut es eben geht), weil sie meines Erachtens eine wunderbare Fallstudie für die neuen Öffentlichkeiten abgeben, über die ich gerade nachdenke. Ich will in den nächsten Tagen versuchen, die “studiVZ-Affäre” mal auf Grundlage von Daten unterschiedlicher Dienste (Wikipedia, digg.com, technorati, blogscout, …) nachzuzeichnen - mich interessiert zunächst vor allem, ob und wie man die Konjunktur des Themas in verschiedenen Anwendungen identifizieren kann.
Eine erste Auswertung habe ich gerade mal gemacht: Die Anzahl der Veränderungen am Wikipedia-Artikel zu studiVZ im Zeitverlauf.
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Der Artikel wurde Ende Juli angelegt und bis Anfang Oktober immer wieder aktualisiert. Ab dem 22. Oktober nehmen die Veränderungen am Artikel dann zu, ab dem 7. November wurde (bislang) jeden Tag der Artikel editiert. Am 24.11 war ein deutlicher Peak: 47 Änderungen wurden allein vergangenen Samstag vorgenommen.
Ohne dass ich die Änderungen jetzt schon im Detail untersucht hätte (z.B. durch eine Analyse der Kommentare, die auf der Version History-Seite zu den jeweiligen Änderungen verzeichnet sind, oder der Beiträge auf der Diskussionsseite zum Artikel), zeigt sich deutlich: Die Diskussion in den Blogs wirkt sich auch auf die Darstellung von studiVZ in der Wikipedia aus. In einschlägigen Blogs [nochmal 1] wurde in den letzten Wochen nahezu täglich neue Kritik an studivz geäußert, die auch in verschiedene Versionen des Wikipedia-Artikels eingetragen, aber auch wieder gelöscht wurde. Die Entwicklung des Artikels zeigt Züge eines “edit wars”, was darauf hindeutet, dass im Moment gerade die Deutungshoheit über die Einschätzung von studVZ ausgefochten wird. Dabei stößt das Prinzip des “Neutral Point of View” der Wikipedia auf die Blogosphäre, in der viele Blogger eine kritische Position einnehmen. Sehr deutlich wird der Unterschied bspw. in folgendem Wortwechsel auf der Diskussionsseite:
Sorry, ich habe den Eindruck, an diesem Artikel wird wie an einem Blog oder einer Linksammlung geschrieben. Letztlich wird alles im Indikativ paraphrasiert, was das Anti-StudiVZ-Blog gerade publiziert und dann hundertfach verbreitet wird. Sind wir jetzt auch ein Teil der Blogosphäre und dieser Artikel ein einziger großer blogbar-Trackback? Was bitte ist für euch noch der Mehrwert dieses Artikels? Hat dieser Artikel momentan mehr Anspruch, als eine Dependance der StudiVZ-hassenden Blogosphäre zu sein? Offenbar nicht, und niemand stört sich daran. — molily 19:14, 24. Nov. 2006 (CET)
und
Ich weiss nicht, ob ich das jetzt richtig mache, Wikipedia ist nicht wirklich meine Welt. Ich möchte aber schon darauf hinweisen, dass wir an der Blogbar nachvollziehbare und blegte Fakten bringen. Über den Ton kann man reden, ich finde Edit-Wars auch nicht schön, aber es ist nicht wirklich nett, sich hier gewissermassen als Publizist zweiten Randes schräg anreden lassen zu müssen. Ja, die Blogbar hat einen grossen Beitrag an der Geschichte. Wir sind damit eine Primärquelle zu dem, was passiert ist. Ist halt so. Es gibt genügend Antworten von StudiVZ, man könnte durchaus auch darauf verweisen, aber alle Kritik deshalb einfach raushauen, ist meines Erachtens jetzt auch etwas, hm, unangemessen. Schöne Grüsse, Don Alphonso
Liest nicht vielleicht ein Wikipedia-Forscher mit, der an diesem Beispiel die Aushandlung von Artikeln untersuchen möchte? Ich wäre sehr daran interessiert..
[1] In aller Kürze: StudiVZ ist das größte studentische Networking-Portal in Deutschland, das aus verschiedenen Gründen in die Kritik geraten ist: Bedenkliche Sicherheitslücken; problematische Gruppen innerhalb des Angebots; unakzeptables Verhalten eines der Gründer; unklare Zukunft des Angebots (wird es evtl. verkauft?) und damit der hinterlegten Daten. Stellvertretend für die Vielzahl der möglichen Links: Das hervorragende Dossier von Karsten Wenzlaff und der jüngste aus einer Vielzahl von Einträgen von Don Alphonso, der in gewisser Weise die ganze Sache ins Rollen gebracht hat.

Der Streit um den Artikel ist eigentlich das tägliche Tohubahowu in der Wikipedia.
Der Streit bewegt auf mehreren Ebenen. Zum Beispiel verträgt sich Aktualität nicht immer mit Verlässlichkeit. Wenn eine Eilmeldung über den Tod einer deutschen Schauspielerin in den Agenturen in einem Medium steht, und das dann in der gleichen Minute in der Wikipedia steht, kann das natürlich falsch sein.
Ein zweites Problem ist die Quellenkritik. Seit einem Jahr legt die Community bzw deren Redeführer mehr Wert auf konkrete Quellenangaben. Problem: Welche quellen nimmt man? Die einen wollen nur wissenschaftliche Veröffentlichungen nehmen - aber wie weit kommt man damit schon? Also nimmt man journalistische Texte mit in die Quellen - und damit auch potenzielle Falschmeldungen oder eben auch Meinungsbeiträge. Eine allgemeingültige Regel zu finden ist einerseits die Quadratur des Kreise und andererseits eine politische Entscheidung. Politische Entscheidungen werden aber in der Wikipedia ewig in Frage gestellt und immer mal wieder revidiert - deshalb dauert dieser Prozess sehr lange.
Fred Stutzman hat gerade eine ähnliche kleine Untersuchung zum Facebook-Skandälchen (die Sache mit den Feeds war ja gegen StudiVZ noch harmlos) gemacht:
Der Unterschied zu StudiVZ scheint zu sein, dass sich dort eine Öffentlichkeit innerhalb der Plattform bildete, während es hier eher in der Blogosphäre ausserhalb stattfindet. Oder wird das innerhalb der StudiVZ-User-Gemeinde auch schon größer diskutiert?
Und hier auch der Link zu Freds Arbeit..
Ralf, danke für den Hinweis. Soweit ich das überblicken kann, läuft die Diskussion überwiegend in der Blogosphäre; über das offizielle studiVZ-Blog sind aber denke ich auch einige Mitglieder auf die Diskussion aufmerksam geworden. Ich habe gerade mal in den Gruppen gesucht und bin u.a. auf folgendes gestoßen:
- http://www.studivz.net/group.php?ids=R4BTnV [”Diese Gruppe setzt sich dafür ein, dass das privatleben von Ehssan Dariani vom Studivz getrennt wird.” - 52 Mitglieder]
- http://www.studivz.net/group.php?ids=pw143V [”eintritt frei für jeden, der denkt, dass blogs sinnfrei sind” - 5 Mitglieder]
- http://www.studivz.net/group.php?ids=378D4V [”Blogs werden überschätzt” - 2 Mitglieder]
Sorry, aber welche Argumentation sollen jetzt diese drei links stützen? Sollen diese Leute repräsentativ sein für StudiVZ? Ich fürchte hingegen, die Mehrhheit der Nutzer hat kein Problem, daß ihre sexuellen Vorlieben und ihr unterdurchschnittlicher Intellekt öffentlich zugänglich sind, weil sie sich heutzutage kein kritisches Wissen mehr über Persönlichkeitsrechte etc. aneignen konnten; das zeigen zumindest viele der Reaktionen und der Haß auf einige lobenswerte Blogger, die den Skandal aufgedeckt haben.
Mule, die Links sind als Ergänzung zu Ralfs Verweis auf den Facebook-Fall gedacht. Sie zeigen, dass innerhalb von studiVZ einige Gruppen existieren, die sich kritisch mit Blogs auseinandersetzen - aber längst nicht das Ausmaß an Öffentlichkeit erreicht wird, das im Fall von Facebook vorzufinden war. Dort fand ja ein großer Teil der kritischen Diskussion auf der Plattform selbst statt, während studiVZ eben hauptsächlich ausserhalb des Angebots kritisch thematisiert wird. Um Repräsentativität ging es mir nicht.
Deine Befürchtung zum fehlenden Bewusstsein über die Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit teile ich.
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