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Vor einigen Tagen habe ich freundlicherweise von den Herausgebern (Vanessa Diemand, Michael Mangold und Peter Weibel) ein Exemplar des Bandes “Weblogs, Podcasting und Videojournalismus. Neue Medien zwischen demokratischen Potenzialen und ökonomischen Potenzialen” erhalten. Es handelt sich dabei um die Dokumentation der gleichnamigen Tagung, die im September 2005 am Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe stattgefunden hat. Nach einem ersten kurzen Blick in die Beiträge, die teilweise deutlich gegenüber den Vorträgen überarbeitet wurden, scheint mir dieses Buch eine sehr gelungene Bestandsaufnahme der aktuellen Diskussion um neue partizipative Medienformen zu sein. Auf einer Webseite des ZKM stehen Einleitung, Vorwörter und Inhaltsverzeichnis des Buches zum Download bereit; ausserdem gibt es dort eine Linkliste zu den Quellenverweisen der einzelnen Aufsätze.
Besonders aufschlussreich finde ich, dass in dem Buch verschiedene Perspektiven auf Weblogs, Podcasts und Videojournalismus eröffnet werden, also nicht nur Wissenschaftler/innen zu Wort kommen, sondern auch Praktiker. Im Fall der Weblogs ist das besonders interessant, denn hier stehen Texte von Don Alphonso und Johnny Haeusler neben Beiträgen von (u.a.) Christoph Neuberger und Vanessa Diemand. Dabei ergeben sich ganz interessante Querverbindungen und Konfliktlinien. Don Alphonso beispielsweise ging ja schon auf der Tagung sehr kritisch mit der (Kommunikations-)Wissenschaft ins Gericht, der er einen verkürzten Blick auf Weblogs vorwirft:
“Blogs sind keine Medien, sie sind eine eigenständige Kultur mit allen Konflikten, Riten, Beziehungen und Erweiterungen in den realen Raum, eine Art virtueller Heimat in der digital globalisierten Welt, die eben jenen Heimatbegriff aufzulösen versucht. Angesichts dieser Metaebene wäre ein breiterer, umfassend kulturwissenschaftlicher Ansatz bei der Erforschung der Blogs angebracht; also weitaus mehr, als Marktforscher und Kowi-Frösche mit ihrem engen Blickwinkel zu tun in der Lage sind.” (S.99)
Ich stimme dieser Diagnose im Grunde von ganzem Herzen zu, kann aber den letzten Halbsatz nicht ganz so stehen lassen: Inzwischen gibt es nun wirklich eine Vielzahl unterschiedlicher Ansätze, Weblogforschung zu betreiben, die meines Erachtens dem “Kulturphänomen Weblogs” und seinen ganz unterschiedlichen Praktiken und Subkulturen gerecht werden (für Beispiele siehe hier oder hier oder hier). Mir scheint da eher der Blickwinkel von Don Alphonso zu eng zu sein, der die Kommunikationswissenschaft (lassen wir mal die Marktforscher beiseite) reduziert auf.. ja auf was eigentlich? An anderer Stelle schreibt er zu seinem Beitrag: “Deshalb findet sich hier kein fußnotengeschwängertes Interpretieren von Studien auf Basis inkompetenter Fragestellungen, sondern eine Art großer Blogeintrag auf Papier aus dem Kern des Systems, darüber - was es ist, das Bloggen” (94). Ist es also weniger der Blickwinkel, sondern die Sprache der Wissenschaft, die er für unvereinbar mit dem Bloggen hält?
Nachdem im Nachklang der Tagung diese Diskussion schon einmal hochkochte, hatte ich einige Gedanken zum Verhältnis von Blogs und/vs. Wissenschaft geschrieben. Im Verlauf des vergangenen Jahres sind eine Reihe von Wissenschaftsblogs entstanden, die meines Erachtens zeigen, dass sich diese beiden Arten, über die Welt nachzudenken, nicht unbedingt ausschließen: Die Hard Blogging Scientists, das Sozlog oder Blogs von Studierenden, die an ihren Abschlussarbeiten sitzen, sind schöne Beispiele für (ganz unterschiedliche) Versuche, das Bloggen für wissenschaftliche Zwecke und Interessen zu nutzen. Mehr Beispiele aus ganz unterschiedlichen Disziplinen finden sich auch im “Academic Blogs“-Wiki. Das ist ja gerade das schöne an Weblogs: Sie sind nicht auf irgendwelche Gebrauchsweisen (Linksammlung, persönliches Online-Journal, Alternativjournalismus o.ä) festgelegt, sondern können für verschiedene Zwecke eingesetzt werden.
Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten, die Vanessa Diemand in ihrem Beitrag aufgreift. Sie argumentiert, dass alle Blogger Wege finden (müssen), mit dem Zwang zur Selbstdarstellung für ein (manchmal unklares) Publikum und mit der Erwartung an persönliche Authentizität umzugehen (was ich als ‘Identitätsmanagement’ verstehe).[1] Sie kann dadurch auch schön zeigen, warum es in weiten Teilen der Blogosphäre eine Abneigung gegen Marketing- oder Corporate Blogs sowie gegen Auftragsbloggen gibt: Im ersten Fall wird nämlich oft die Inszenierung besonders deutlich (und als gewollte Täuschung kritisiert); im zweiten Fall können Blogger ihre Reputation, die aus Sicht des Sponsors (bspw. Opel) ja gerade wertvoll ist, wieder verlieren.
Um eine andere Gegenüberstellung geht es im Beitrag von Christoph Neuberger, der die beliebte These vom Gegensatz zwischen Journalismus und Weblogs thematisiert. Dazu nimmt er sich zwei Texte sehr gründlich vor: Einen Aufsatz von Don Alphonso, der im Buch “Blogs!” erschienen ist (”Ein Dutzend Gründe, warum Blogs den Journalismus im Internet aufmischen werden”) sowie einen Text von Hans-Jürgen Bucher und Steffen Büffel über den Wandel “vom Gatekeeper-Journalismus zum Netzwerk-Journalismus”. Sehr detailliert stellt er die Kernargumente der beiden Texte sowie ihre Kritik aus Sicht der Journalismusforschung gegenüber und kommt zum Schluß, dass sich Weblogs und Journalismus ergänzen, als ausschließlich miteinander zu konkurrieren. Das ist zwar keine völlig neue Beobachtung, aber sie wird in diesem Text sehr ausführlich begründet.
Das waren jetzt Bemerkungen zu nur dreien der insgesamt 13 Aufsätze, die aber wohl schon gezeigt haben, dass dieser Sammelband eine sehr ergiebige Quelle ist. Wie heißt es so schön? Lesebefehl! ![]()
[1] Sie wählt u.a. mich selbst als Fallbeispiel, um mögliche Rollenkonflikte (bei mir zwischen Wissenschaftler und Blogger) auzuzeigen. Na sowas! Jetzt bin ich also nicht nur ein Kowi-Frosch, der Labormäuse beobachtet, sondern auf einmal eine Kowi-Maus, die von Laborfröschen beobachtet wird, wie sie Labormäuse beobachtet… Sehr irritierend.. ![]()
Hi Jan - Dein Artikel freut mich natürlich und wird hoffentlich auch die langjährig aktiven Medienforscher und diie Studierenden freuen, die jetzt über ihren Abschlussarbeiten sitzen und dann bestimmt mal in ihre Fußstapfen treten werden.
Steffen Büffel’s Aussage über Blogs, welche die Gatekeeper-Funktion der Medien durchbrechen (und deren Herstellern und Mitarbeitern ordentlich Angst einjagen) lässt sich gut mit der Kritik am syndizierten Publikationswesen verbinden (ausführlich dargestellt im Sammelband “Organisation der Content-Produktion” 2004 von Sydow und Windeler, darin der Aufsatz “Substitution von Intermediären im Syndikationsprozess durch Peer-to-Peer-Systeme” S. 187 ff. )
Tagungsdokiumentation: Weblogs, Podcasting und Videojournalismus…
Im September 2005 fand im Karlsruher ZKM eine Tagung zum Thema
“Weblogs, Podcasting und Videojournalismus” statt. Auf diesem Treffen ging es mitunter hoch her (Auch in dem hier anzuzeigenden Band wird das Auftreten sogenannter A-List-Blogger themati…
Herzlichen Dank für Deine positive Besprechung! Ich hoffe, die Verwirrung über Dich als Frosch-Maus hält nicht allzu lange an
Vanessa, keine Sorge..