FTD über Zukunft von Weblogs

Posted on Donnerstag 4 Januar 2007

Achtung - das Bamblog wird seit Mitte Oktober 2007 nicht mehr aktualisiert. Bitte besuchen Sie mein neues Weblog unter http://www.schmidtmitdete.de. Danke! - Please note that this blog is no longer active. You can find my new blog at http://www.schmidtmitdete.de. Thanks for visiting!

In der Financial Times Online ist ein kurzer Artikel über die Zukunft von Weblogs erschienen; Auslöser ist eine Prognose von Gartner, die den Zenith der Blogosphäre bei etwa 100 Millionen Blogs sehen. Der Autor Björn Maatz hat mich bei den Recherchen auch befragt; zusätzlich zu dem Zitat von mir, das im Text auftaucht, will ich noch meine übrigen Antworten dokumentieren (s.u. bei [1]).

Eine andere Anmerkung noch: Die Einschätzung des ebenfalls zitierten Trendforschers Jelden, Blogs als reine Tagebücher seien ein Auslaufmodell, teile ich nicht [2]. Ich kann aus dem kurzen Zitat nicht erkennen, wie genau er dies begründet, aber ich würde behaupten, dass es sich dabei um einen Fehlschluss handelt. Persönliche Journal-Blogs werden sicherlich nicht (oder nur in ganz seltenen Ausnahmefällen) in die Top 100 etc. der populärsten und einflußreichsten Blogs vordringen - aber (und da kann ich mich einfach immer nur wiederholen) sie machen die Mehrheit aller geführten Blogs aus, den “long tail” der vergleichsweise wenig verlinkten und wenig besuchten “persönlichen Öffentlichkeiten“, die nichtsdestotrotz Relevanz für ihre Autoren und Leser besitzen.

Nur ein kurzes empirisches Beispiel zur Illustration der faktischen Verbreitung von Tagebuch- oder Journalblogs: Die folgende Grafik ist ein aktueller Snapshot von “BlogPulse Live“; ein Dienst, der tagesaktuell Themen der veröffentlichten Beiträge in den von BlogPulse verfolgten Blogs identifiziert. Die obere blaue Linie zeigt den Anteil von Beiträgen, die als “diary” identifiziert wurden; die unteren bunten Linien sind verschiedene andere Themen. Man beachte die logarithmische Skalierung - tagebuchartige Beiträge sind zehn- bis hundertmal so häufig wie die übrigen!

blogpulse live

[1] Hier meine vollständigen Antworten; Fragen in kursiv.

Gartner prophezeit, dass 2007 die Blog-Szene bereits ihren Höhepunkt erreicht und sich weltweit bei etwa 100 Millionen Blogs einpendeln wird. Gartners Begründung: Wer einen Blog starten wollte, hat das inzwischen gemacht, und viele Nutzer sind mittlerweile vom Bloggen gelangweilt und suchen sich eine andere Form der Beschäftigung.

1. Teilen Sie diese Einschätzung? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht?
Ich halte die Einschätzung für überzogen; sie ist stark von der us-amerikanischen Ausgangslage beeinflusst, wo in der Tat Weblogs inzwischen schon weit verbreitet sind. In Deutschland dagegen scheint mir noch Wachstumspotenzial für die Blogosphäre zu bestehen, sowohl was den privaten Einsatz als auch die Nutzung durch Organisationen (Verlage, Unternehmen, Non-Profit-Organisationen etc.) angeht. Die Begründung für die Gartner-Prognose erfasst zwar korrekterweise, dass nicht alle Nutzer, die ein Weblog starten, dies auch über einen längeren Zeitraum aktiv führen, doch ich denke, dass weiterhin viele Internet-Nutzer eine niedrigschwellige Möglichkeit nutzen wollen, sich selbst, ihre Interessen und Erlebnisse im Netz zu präsentieren und so Kontakt zu anderen Personen zu halten. Letzlich sind die genannten Zahlen ohnehin immer nur eine grobe Schätzung, da die genaue Anzahl von Weblogs (noch dazu weltweit) nie genau zu bestimmen sein wird.

2. Wie haben sich Weblogs im Verlauf der vergangenen Jahre gewandelt?
Es hat eine Differenzierung der Weblog-Nutzung stattgefunden; ursprünglich gab es vor allem zwei Formen von Weblogs: Das persönliche Online-Journal oder -Tagebuch, sowie das “Filter-Blog”, das auf andere interessante Online-Quellen hinweist. Inzwischen finden sich zahlreiche andere Genres, darunter Weblogs als Instrument der Organisationskommunikation; als alternativer journalistischer Publikationskanal; als Werkzeug des E-Learning oder der Wissenschaftskommunikation etc. Zudem sind Weblogs in den letzten Jahren mit einer Reihe von anderen Anwendungen des “Web 2.0″ zusammengewachsen, beispielsweise indem auf Weblog-Plattformen wie LiveJournal oder myspace.com andere Nutzer als Kontakte geführt werden können. Dadurch ist es möglich, die Sichtbarkeit von Einträgen selektiv einzustellen, also z.B. zu bestimmen, das ein bestimmter Text nur für Freunde/Kontakte sichtbar ist, während andere von einer allgemeinen Öffentlichkeit gelesen werden können. Ein anderes Beispiel ist die Kombination von Weblogs mit sogenannten “Verschlagwortungssystemen” (wie del.icio.us), die neue Möglichkeiten des Informationsmanagements eröffnen.

3. Verlagern sich Blogs evtl. vom lustlosen Privatuser hin zu Unternehmen, die mit dem Bloggen die Chance ergreifen, ein weicheres Bild von sich zu zeichnen und die eigenen Social Skills zu stärken?
Diese beiden Nutzungskontexte schließen sich nicht aus; es wird weiterhin beide Formen (und andere, s.o.) geben. Unternehmen werden auch 2007 mit Weblogs experimentieren; das Werkzeug alleine wird aber nicht zu einer verbesserten Aussendarstellung führen, da es in der Blogosphäre nach wie vor eine kritische Grundströmung gegenüber PR-, Marketing- oder Werbekommunikation gibt. Überspitzt gesagt: Eine Pressemitteilung in einem Weblog bleibt nach wie vor eine Pressemitteilung; entscheidend ist, ob Unternehmen tatsächlich eine Dialogorientierung und gegebenenfalls auch eine grundsätzliche Offenheit für Kritik zeigen.

Sie können gerne auch folgenden Beitrag von mir für onlinejournalismus.de heranziehen, falls Sie eine etwas ausführlichere Einschätzung benötigen: http://www.onlinejournalismus.de/2006/12/28/einschaetzungen-fuer-2007-heute-jan-schmidt/

[2] Martin Röll, der gleichfalls in dem Artikel zu Wort kommt, ist in dieser Hinsicht auch skeptisch. Ärgerlicherweise wurde seine Stellungnahme vom Standard.at aufgegriffen und komplett verfälscht. Hier findet sich Martins Reaktion.

[3] Aus der FAQ: BlogPulse Live provides a real-time view of the most popular topics that bloggers are writing about, updated by the minute and presented as a percentage of all blog posts. The numbers across the top represent Eastern Time. BlogPulse Live captures new blog entries as they’re published. Text-mining and text-analysis technologies then categorize the posts into key subject areas, such as “Diaries” (personal journals), “Politics,” “Movies/TV,” “Technology,” “Sports,” “Health,” “Religion,” “Meme,” “Food” and more. The scale is logarithmic; the only way to feature all of the trends in a single graph is via a logarithmic scale of absolute counts.



  1.  
    Januar 5, 2007 | 1:21 pm
     

    […] Onlinejournalismus.de hat Journalisten und Wissenschaftler um Prognosen für 2007 gebeten. Jan Schmdit sieht für Weblogs drei Entwicklungen: Medienhäuser werden mehr “Social Software”-Dienste in ihr Angebot integrieren, die “reflektierte Blogosphäre” wird weiter an Bedeutung gewinnen und es werden mehr Menschen Blogs und Social Networking-Sites nutzen, um andere an ihrem Leben teilhaben zu lassen (mehr Prognosen bei ihm und der FTD). Christoph Neuberger erwartet, dass nach den Zeitungen 2007 nun das Fernsehen an der Reihe ist, von Web 2.0-Entwicklungen wachgerüttelt zu werden. Video-Formate über das Internet würden stark an Bedeutung gewinnen. Thomas Knüwer sieht das auch so und vermutet, dass 2007 der selbstständigen Journalisten wird, die über das Netz - mit Venture Capital finanziert (!) - eigene Marken aufbauen, wie in den USA derzeit etwa Om Malik. […]

  2.  
    Januar 5, 2007 | 5:14 pm
     

    […] Da habe ich mich an anderer Stelle gestern gefragt, was den nun der Unterschied ist, zwischen Blog 1 und Blog 2 und lese wenige Minuten später die Lösung im Bamblog. Damit ist klar, wer hier liest, liest das lange Ende und Blog 1 ist vorne… oder soll es einmal werden. Damit ist die Aufgabe klar. […]

  3.  
    Januar 8, 2007 | 10:48 pm
     

    […] Die FTD hatte in der letzten Woche einen Artikel mit dem schönen Titel “Weblog am Wendepunkt“, darin wird unter anderem Jan Schmidt zitiert. Der wiederum dachte sich: Ich habe doch viel mehr gesagt im Interview als das, was da in der Zeitung steht. Also veröffentlicht er das ganze Interview in seinem Bamblog. Die Idee ist prima und demonstriert eine schöne Einsatzmöglichkeit von Blogs. Denn das ist ja immer wieder das Problem an Interviews: Von allem, was man so gesagt hat, steht dann doch nicht im Artikel, was einem wirklich wichtig war oder es steht nicht so drin, wie man es gemeint hat. […]

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