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Rund um meine Ausführungen bei der NJB-Veranstaltung gestern Abend hat sich eine sehr lebhafte Diskussion entsponnen; besonders interessant fand ich die Auseinandersetzung darüber, ob man wirklich von der “Weisheit der Masse” sprechen könne, wenn z.B. das Saddam-Hinrichtungsvideo zu den populärsten Inhalten gehört. Ich will hier nochmal kurz anreißen, was ich mit dem Begriff meine bzw. wie und warum ich ihn verwende:
Ausgangspunkt ist ein Grundproblem des Informationsmanagements im Internet: Wie kann ich in der Masse der vorhandenen Angebote relevante Informationen, Texte, Meinungen etc. finden? Die Lösung der massenmedial hergestellten Öffentlichkeiten für dieses Problem war, dass Journalisten oder Redaktionen als Gatekeeper fungiert haben und anhand bestimmter Kriterien gefiltert haben, welche Informationen veröffentlicht wurden. Dieser Selektionsmechanismus verschwindet natürlich nicht, aber er wird durch zwei weitere Mechanismen ergänzt, die darauf bauen, dass andere Nutzer die Filterung übernehmen. Das geschieht einerseits dadurch, dass ich mir ein individuelles Repertoire an relevanten Quellen zusammenstelle (Stichwort: RSS-Feeds), also Personen oder Institutionen verfolge, denen ich vertraue (weil sie Expertise besitzen, weil sie zu meinem Bekannten- oder Freundeskreis gehöre, etc.). Ich nutze also die “Weisheit meines eigenen Netzwerks” aus, um auf Dinge hingewiesen zu werden, die für mich relevant sein können (Ton Zijlstra hat hierzu vor einigen Monaten einen interessanten Beitrag verfasst).
Der andere Mechanismus, um zu filtern bzw. um Aufmerksamkeit zu kanalisieren, beruht dagegen auf der “Weisheit der Masse” (das ist zunächst einfach nur die Übersetzung von “wisdom of the crowds“): Indem eine Vielzahl von anderen Nutzern bestimmte Inhalte “bewertet”, entsteht eine Rangliste von populären Themen oder Informationen. “Bewerten” kann dabei eine Reihe von Formen annehmen; angefangen vom reinen Konsumieren (z.B. die Liste der “most viewed today“-Videos bei Youtube) über das Referenzieren (z.B. die Liste der aktuell meistverlinkten Filme bei Technorati) bis hin zum tatsächlichen Bewerten (z.B. das “Diggen” von Meldungen, die als wichtig erachtet werden). Möglicherweise ist der Begriff der “Weisheit” tatsächlich etwas unpassend (was wäre eine Alternative?); ich will damit zunächst nur ausdrücken, dass durch die Aggregation von vielen einzelnen Bewertungen eine zusätzliche Information erzeugt wird, die mich auf solche Inhalte aufmerksam macht, die viele andere Personen für interessant halten.
Als Einwand kam gestern (sinngemäss), dass solche Popularität nicht gleichzeitig auch Qualität in einem “aufklärerischen” journalistischen Sinn bedeuten muss. Das stimmt sicherlich; wenn ich beispielsweise die aktuell beliebtesten Schlagworte der deutschen Plattform sevenload.de anschaue, dann dominieren da Kategorien wie “funny”, “sexy” etc.. Aber ich denke, dass hier die Trennlinie nicht zwischen “dem Journalismus” und “dem Web 2.0″ verläuft, sondern vielmehr zwischen unterschiedlichen Ansprüchen, Relevanzen oder Informationsbedürfnissen, die Anbieter und Nutzer haben - denn mal ehrlich: Worin unterscheiden sich solche Videos im Internet von Sendungen a lá “Die 100 peinlichsten Fernsehmomente”? Im speziellen Fall des Hussein-Videos kommt hinzu, dass seine Popularität maßgeblich auch durch die (ungleich reichweitenstärkeren) Massenmedien angeheizt wurde, die (teils kritisch, teils aber auch sensationslüstern) darüber berichteten, dass es diesen Clip im Internet gibt.
Mein Fazit: Ich sehe die verschiedenen Selektionsmechanismen nicht als einander ausschließend, sondern als sich ergänzend. Für mich persönlich sehe ich es als Vorteil an, nicht mehr einzig auf journalistische Gatekeeper angewiesen zu sein, sondern zusätzlich auch andere Möglichkeiten habe, an Informationen und Meinungen zu kommen, die ich relevant finde.
Vergleichbare Debatten habe ich bei diversen Vorträgen und Gesprächen vor und mit Journalisten auch schon geführt. Die Reibungsfläche entsteht meiner Ansicht nach vor allem dadurch, dass wir Wissenschaftler “beobachtend - beschreibend - erklärend” versuchen die massendynamischen Phänomene in vernetzten Onlineöffentlichkeiten zu fassen, während es bei den Journalisten auf eine ganz andere Weise eher “bewertend und interpretrierend” gerahmt wird, eben weil sie in dem Fall meist nicht aus der Vorgelperspektive mit Fernglas beobachten, sondern aus ihrer Berufsrolle heraus in dem “Neuen”, was da im Web passiert eine Form von Konkurrenz, Bedrohung, Niedergang des journalistischen Abendlandes sehen. Weil man an der Stelle unterschiedlich über den gleichen Gegenstand redet entstehen einerseits total spannende und konstruktive Diskussionen, manchmal artet es aber in einen echten Grabenkampf aus, der unproduktiv ist und an der Sache vorbei geht. Erinnert mich an die Diskussion damals 2005 mit den unterschiedlichen Kommunikationskulturen mi Zusammenhang mit der ZKM-Tagung.
Web 2.0 bietet die Lizenz zum Mitmachen. Der verführerische Gedanke ist dabei nicht nur die Leichtigkeit, mit der jeder, der ein Formular im Browser ausfüllen und absenden kann, an einer Redaktion vorbei hier seine Meinung direkt äußern kann. Wisdom of the crowd zehrt auch von der Vorstellung, dass so entweder eine basisdemokratische Meinungsbildung à la Top 10 entsteht oder irgendwer schon das Richtige schreiben wird (und wir dürfen das dann aus den übrigen 10.000 Beiträgen manuell ausfiltern). Die Medien halten sich bereit und ein Bewertungsklick ist schnell gesetzt. Mir fällt dazu leider nur der alte Spruch von den 10 Mio Fliegen ein, die nicht irren können (komplettes Zitat gerne per PM). Auch einfach zu handhabende Publikationsorgane sind kein direkter Weg zu qualitativ hochwertigen Inhalten.
Web 2.0 ist aber auch die Blogosphäre, die man sich per RSS gefiltert ins Haus liefern lassen kann. Ein Video von YouTube, das ich von einem mir bekannten (von mir ausgewählten) Blogger empfohlen bekomme, hat eine andere Qualität als irgendeine Hitliste. Hier ist der kompetente Leser gefragt.
Ich sehe allerdings auch keinen so großen Unterschied zwischen journalistischen Beiträgen oder Formaten und dem, was die Masse der User per Mausklick hochjubelt. Hier die Produktion für eine Zielgruppe, die sich dort direkt äußert. Die Sprache ist oft ähnlich, die Objekte sowieso. Oder gibt es einen qualitativen Unterschied zwischen Flamewar und Nachmittags-Talkshow?