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Diesen Eintrag schreibe ich im ICE von München nach Bamberg – seit der Eröffnung der Neubaustrecke dauert die Fahrt weniger als zwei Stunden, das heißt ich habe gar nicht so viel Zeit, um die Eindrücke von der Tagung „Journalismus online: Partizipation oder Profession?“ aufzuschreiben, die heute nachmittag zu Ende ging. Es waren auf jeden Fall zwei sehr anregende und intensive Tage, wobei insbesondere am gestrigen Freitag sehr viele Vorträge rund um das „neue Internet“ gehalten wurden, auf die ich hier etwas näher eingehen möchte (zu den Vorträgen am zweiten Tag kann ich nicht sonderlich viel sagen, da ich nicht mehr so intensiv mitgeschrieben habe….).
In der einleitenden Keynote argumentierte Christoph Neuberger (Münster), dass zum „Gatekeeper“-Paradigma der traditionellen Massenmedien nun ein neues Paradigma der Vermittlung zwischen Ereignissen/Quellen und Publikum hinzutrete: Das „Gatewatcher“-Paradigma bricht das Monopol professioneller Journalisten auf das Kanalisieren von Aufmerksamkeit auf, weil zwei weitere Mechanismen hinzukommen: „technische Vermittlung“ beruht auf dem Einsatz von Software (Suchmaschinen, Aggregatoren oder RSS), während „partizipative Vermittlung“ durch die Interaktion und wechselseitige Validierung von „Laien“ (im Hinblick auf journalistische Kompetenzen) vonstatten geht. Ich sehe hier interessante Berührungspunkte zu meinen Überlegungen zu den Filterprinzipien der „Weisheit der Masse“, der „Weisheit des eigenen Netzwerks“ und der technischen Filterung (vielleicht sollte man von der „Weisheit des Algorithmus“ sprechen, um die begriffliche Symmetrie zu wahren?).
Gerade zum letzten Punkt brachten die folgenden beiden Vorträge von Nina Springer/Jens Wolling (Ilmenau) sowie Vinzenz Wyss/Guido Keel (Winterthur) einige interessante Aspekte zu Tage, denn sie diskutierten die Rolle von Google für die Recherchepraxis von Journalisten. Die empirischen Ergebnisse von Springer/Wolling zeigten die wachsende Bedeutung der Suchmaschine, die eher theoretisch angelegte Präsentation von Wyss/Keel kritisierte die „Googleisierung des Journalismus“ und bezeichnete Google als „Danaer-Geschenk“ für den Journalismus – ein Werkzeug, dessen Funktionieren in einer technischen Black Box verborgen sei, und dem deswegen nicht bedenkenlos vertraut werden dürfe. In der Diskussion wurde diese kritische Haltung in gewisser Weise durch die Hinweise relativiert, dass einerseits durch Google (bzw. das Internet ganz allgemein) nun Recherchen in mehr Quellen möglich seien, andererseits bestimmte Recherchen (z.B. nach einer Telefonnummer) ja unproblematisch seien, man also den Recherchebegriff bzw. deren verschiedenen Ausprägungen unterscheiden müsste.
Ein nächster Vortragsblock ging dann auf partizipative Angebote im engeren Sinne ein: Mirjiam Kopp/Philomen Schönhagen (Fribourg) stellten Ergebnisse einer Befragung unter Opinio-Autoren vor (N=127). Bemerkenswert der hohe Frauenanteil (ca. zwei Drittel), aber auch die dominierenden Motive zur Partizipation: sich persönlich auszudrücken und Themen von persönlicher Relevanz zu veröffentlichen. Im Abstract der beiden Autorinnen fanden sich auch sehr interessante Hinweise auf einen historischen Vorläufer der „Bürgerjournalisten“, die in der aktuellen Diskussion keine Rolle spielen: Die „Volkskorrespondenten“ der SED-Bezirkspresse. Ich muss mich mal um die entsprechende Literatur bemühen; ein Vergleich der Ähnlichkeiten und Unterschiede dieser beiden Typen wäre sicherlich sehr interessant.
Ralf Hohlfeld/Steffen Dörsam (Eichstätt) widmeten sich Börsen-/Finanzblogs; einem spezifischen Bereich der Blogosphäre, in dem sich sowohl Angebote etablierter Medien (z.B. zeit.de) als auch unabhängige Weblogs finden (z.B. Boersenweblog) [1]. Eine vergleichende Inhaltsanalyse dieser beiden Angebotstypen zeigte, dass sich trotz des gleichen Themas unterschiedliche Formen herausgebildet haben. Die Texte in den Blogs etablierter Medien widmen sich stärker politischen Themen und makroökonomischen Zusammenhängen, ähneln also eher dem finanz-/wirtschaftspolitischen Leitartikel, während die unabhängigen Blogs zusätzlich auch verbraucherorientierte Finanzmeldungen publizieren, also Marktberichte oder Kommentare zu einzelnen Werten und Indizes. Sven Engesser (München) diskutierte einige Aspekte von “professionell-partizipativen Nachrichtensites”, worunter er solche Angebote verstand, deren Inhalte durch Laien erstellt, aber von einer professionell organisierten Redaktion gefiltert/redigiert werden (als Beispiele nannte er u.a. ohmynews, northwestvoice oder www.reporter.co.za). Interessant fand ich in der anschließenden Diskussion zu diesem Panel die Frage von Christoph Bieber, worin das spezifisch “Bürgerhafte” im Bürgerjournalismus liegen könne. Ein berechtigter Hinweis, gerade wenn man sich die Befunde zu den Opinio-Autor/innen ansieht - Beteiligung der Rezipienten an publizistischen Angeboten (so sehr sie auch zu begrüßen ist) führt ja nicht automatisch zu einer “bürgerlichen Öffentlichkeit”; hier sind sicher noch einige konzeptionelle Arbeiten zu tun.
Nach der Mittagspause stellte Martin Welker (Leipzig) Ergebnisse einer Journalisten-Befragung vor; er hatte besonders unter der knappen Zeitvorgabe für die Vorträge (15 Minuten) zu leiden, denn die Vielzahl seiner empirischen Ergebnisse waren kaum sinnvoll zu vermitteln. Susanne Fengler (Lugano) stellte in ihrer Präsentation verschiedene Formate des Online-Medienjournalismus in den USA vor, die in manchen Fällen eine anwaltschaftliche, vermittelnde Rolle zwischen journalistischem System und Publikum, in anderen Fällen aber auch eine parteiische (und sehr medienkritische) Rolle einnehmen. Ihr Vortrag bot wunderbare Anknüpfungspunkte für den Vortrag von Kristina Wied und mir, der sich mit den Potenzialen weblogbasierter Kritik im Journalismus befasste. Wir haben dazu eine Reihe von Interviews mit Vertretern etablierter Tages- und Wochenzeitungen geführt (darunter taz.de, zeit.de, Trierischer Volksfreund oder Frankfurter Neue Presse), die Weblogs führen, in denen ihre journalistischen Produkte und/oder redaktionelle Abläufe thematisiert werden - uns ging es also nicht um das Redaktionsblogs zu Reise- oder Sportthemen, sondern um “selbstreflexive Angebote”, die zur Verbesserung journalistischer Produkte beitragen könnten. Unsere Auswertungen (die bislang nur vorläufig sind, da wir noch nicht alle Interviews abgeschlossen haben) deuten darauf hin, dass diese Leistung durchaus erbracht wird; ich werde zu gegebener Zeit nochmal ausführlicher darauf eingehen.
Den Abschluss des ersten Tages bildete eine Diskussionsrunde zur “Zukunft des Onlinejournalismus”, bei denen Annik Rubens (”Schlaflos in München”), Hans Helmreich (BR online), Dirk von Gehlen (jetzt.de), Jochen Wegner (FOCUS Online) und meine Wenigkeit (als Vertreter der Wissenschaft) auf dem Podium saßen. [Update: Es gibt sogar einen Videomitschnitt von Teilen der Diskussion, den Gabriele Hoofacker erstellt hat.] Unter der Moderation von Klaus Meier (Darmstadt) entspann sich eine lebhafte Unterhaltung, unter anderem zu Community-Building, dem Umgang mit destruktiven Lesern/Hörern, dem Stellenwert von relaunchs und möglichen Erlösmodellen. Da die ganzen Vorträge des Tages wissenschaftlich orientiert war, lechzte das Publikum augenscheinlich nach einer Abwechslung durch die eher praxisorientierte Perspektive, sodass ich nicht sonderlich viel Fragen beantworten brauchte; immerhin habe ich ein wenig darüber spekuliert, wie sich der momentane Boom von Social Networking Sites auswirken könnte. Einerseits besteht der Trend zur Spezialisierung auf Lebensphasen oder bestimmte Interessen (allerdings auch mit einer Tendenz zur “Monopolbildung”, d.h. zu einem dominierenden Angebot nach einer Anfangsphase der Konkurrenz) ; mal sehen, wann wir auch im deutschsprachigen Raum eine Art “SeniorenVZ” bzw. “RentnerBC” haben werden. Andererseits ist noch offen, ob die Nutzer auf Dauer die “Fragmentierung” ihrer Online-Identität mitmachen. Der Spezialisierung sind Grenzen gesetzt, weil ich nur eine bestimmte Anzahl von Profilen sinnvoll pflegen und auf dem neuesten Stand halten will und kann. In letzter Zeit gibt es einige Anzeichen, dass sich openID als offener Standard für eine plattformübergreifende Online-Identität durchsetzen könnte - mal sehen, was sich in den nächsten Monaten in dieser Hinsicht tun wird.
Generell empfand ich die Tagung als sehr gelungen, und die Verbindung von neuen Erkenntnissen aus dem Bereich der Online-Kommunikation mit den Ansätzen der Journalismusforschung (es war ja eine gemeinsame Tagung der DGPuK-Fachgruppen “computervermittelte Kommunikation” und “Journalistik & Journalismusforschung”) als sehr fruchtbar. Besonders am ersten Tag wurde auch deutlich, dass Weblogs inzwischen in der kommunikationswissenschaftlichen Forschung angekommen sind, das läßt noch eine ganze Reihe interessanter Untersuchungen für die Zukunft erwarten. In methodischer Hinsicht dominieren hierbei standardisierte Methoden (Befragungen und Inhaltsanalysen), was für viele Fragestellungen angemessen ist. Aber spannend wäre es schon, auch mal Vorträge zu hören, die sich bspw. mit ethnographischen Methoden der Kultur des neuen Netzes widmen - das würde aber auch eine Erweiterung des Blickwinkels auf andere Praktiken des Bloggens erfordern.
[1] Ich habe gerade nochmal in den Ergebnissen der zweiten “Wie ich blogge?!”-Welle nachgesehen: 8,4 Prozent der Umfrageteilnehmer gaben an, als Leser an Wirtschafts- und Finanzinformationen in Blogs interessiert zu sein - im Vergleich zu anderen Themengebieten ein recht niedriger Wert (selbst Erotik liegt mit 10,1 Prozent darüber), doch
“Weisheit des Algorithmus” würde ich nicht nehmen - auch unabhängig von der Frage, ob Weisheit und Algorithmus grundsätzlich einander aus dem Weg gehen sollten.
Denn es lässt sich m.E. auch nicht gut in Deinen beiden Formen der “Kanalisierung” einordnen. Zum einen weil die Algorithmen ja einen zentralen Anteil an der “Weisheit der Mass/des eigenen Netzwerks” haben. Zum anderen aber auch, weil (zumindest im zentralen Fall der Suche bei einer Suchmaschine) es ein anderer Nutzungs-Modus ist: die Kanalisierung, die Du meinst, sind ja i.d.R. Situationen mit Push-Diensten, die dem Nutzer mit Inhalten versorgen. Im Falle der Suchmaschinen aber ein Pulll-Dienst, bei dem der Nutzer sich das holt, was er braucht.
Wie man das nun besser in Beziehung setzt? Gib mir noch ein paar Tage…