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Der Amoklauf an der Virginia Tech Universität war letzte Woche in den Massenmedien, aber auch in den Öffentlichkeiten des Web 2.0 ein beherrschendes Thema - als kleiner Einblick kann folgender Screenshot von Technorati dienen, der zeigt dass in den Tagen nach dem Geschehen mehr als 20.000 Blogeinträge “Virginia Tech” erwähnten (und danach die Aufmerksamkeit wieder abfiel).

In den letzten Tagen habe ich in meinem Feedreader zwei interessante Beiträge gefunden, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit den Reaktionen auf den Amoklauf auseinandersetzen und auf die ich hier kurz hinweisen will, weil sie meines Erachtens wichtige Fragen berühren.
Kevin Anderson (der für den englischen “Guardian” arbeitet) diskutiert im Gruppenblog “Strange Attractor” den Zusammenhang zwischen “Sensitivity and social media during disasters“. Ihn beschäftigt insbesondere die Frage, wie Journalisten bei solchen Ereignissen mit den persönlichen Öffentlichkeiten von Weblogs, Social Networkings Sites u.ä. umgehen sollten - einerseits sind es mögliche Quellen für “first hand accounts” und Stimmen von Personen, die direkt vom Amoklauf betroffen waren. Andererseits werden dadurch möglicherweise Personen in die Öffentlichkeit gezerrt, die ihre Onlinepräsenzen trotz der prinzipiellen Erreichbarkeit als persönlich verstehen (weil sie sich an begrenzte Personenkreise wenden) - wie geht man mit dieser Spannung um? Möglicherweise bestehen Berührungspunkte zu einer Episode, die Steffen Büffel in seinem Blog erwähnt (aber wegen technischer Probleme nicht ausführen konnte..). Kevin Anderson jedenfalls hat keine klaren Antworten, aber plädiert generell für ein stärkeres Engagement von Journalisten in den neuen Öffentlichkeiten:
In the end, I think the best way for journalists to work with members of social networks is actually to join them and actively participate early on, whether it’s blogs, NewsVine, Facebook or any other community. They won’t need to be so invasive when news breaks because they’ll already be known to the community and, hopefully, will understand the netiquette, and if they are recognised as journalists, they may even find that they are approached by those wanting to tell their own stories. Sometimes, people do want to share their stories with the media, and if journalists make themselves more approachable then they may find that their eyewitnesses come to them.
Gott bewahre, dass ein solcher Amoklauf auch in Deutschland vorkommt; aber es ist durchaus denkbar, dass in Zukunft Journalisten Blogs oder studiVZ nach Informationen und Stimmen abgrasen, wenn sich ein ähnlicher Fall hierzulande zutragen sollte.
Eine andere Perspektive bietet der Eintrag “A few thoughts on media violence…” von Henry Jenkins, der sich mit den Reaktionen auf den Amoklauf auseinandersetzt. Anscheinend waren in den USA recht schnell Stimmen zu hören, die Beziehungen zu gewalttätigen Medieninhalten herstellten und diese als Ursache für den Amoklauf heranziehen wollten. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass der Täter wohl kein Fan von Videospielen war, wurde flugs seine Vorliebe für Wrestling und John Woo-Filme betont. Jenkins (ein Professor im MIT Comparative Media Studies Program) nimmt dies zum Anlass, um sich sehr ausführlich mit dem Begriff der “Mediengewalt” auseinanderzusetzen und der verzerrenden (und methodisch fragwürdigen) direkten Wirkungsthese eine Cultural-Studies-Perspektive entgegenzustellen. Kurzer Auszug aus dem lesenswerten Beitrag:
Why is violence so persistent in our popular culture? Because violence has been persistent as a theme across storytelling media of all kinds. A thorough account of violence in media would include: fairy tales such as Hansel and Gretel, oral epics such as Homer’s The Iliad, the staged violence of Shakespeare’s plays, fine art paintings of the Rape of the Sabine Women, and stain glass window representations of Saints being crucified or pumped full of arrows, or for that matter, talk show conversations about the causes of school shootings. If we were to start going after media violence, then, we would need to throw out much of the literary cannon and close down all of our art museums. Violence is fundamental to these various media because aggression and conflict is a core aspect of human experience. We need our art to help us make sense of the senselessness of violence in the real world, to provide some moral order, to help us sort through our feelings, to provoke us to move beyond easy answers and ask hard questions.
Diese beiden Beiträge haben mir übrigens auch wieder deutlich gemacht, warum ich die Blogosphäre so sehr schätze - ich bekomme Meinungen und Informationen geliefert, die ich so an anderer Stelle nicht finden würde.
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