DGPuK 2007: Was enttäuschend war

[Teil 2 des DGPuK-Fazits; Teil 1 hier] Der erste Teil des Fazits fiel rundherum positiv aus. Eine Sache gab es aber, die mich ziemlich geärgert hat und die ich auf jeden Fall nochmal ansprechen möchte: Auf der Mitgliederversammlung der DGPuK sollte unter anderem entschieden werden, wie das Publikationswesen der DGPuK zukünftig aussehen soll. Zur Zeit gibt es zwei maßgebliche Print-Journale (die Publizistik sowie Medien & Kommunikationswissenschaft), die beide in Deutsch erscheinen – eine unbefriedigende Situation, da die Reichweite der deutschsprachigen KoWi so recht eingeschränkt bleibt. Zudem meldeten beide Zeitschriften Zuschussbedarf an; die Krise gedruckter wissenschaftlicher Journale macht auch vor der KoWi nicht halt. Schon im letzten Jahr wurde daher eine Befragung unter den Mitgliedern durchgeführt, die verschiedene Varianten für eine Weiterentwicklung behandelte, darunter bspw. die Etablierung eines englischsprachigen Online-Journals. [Update -Noch zur Klarstellung: Natürlich würde es einige Zeit dauern, bis ein neu eingerichtetes Onlinejournal eine ähnliche Reputation wie die beiden Print-Journale hätte; deren Bedeutung für die deutschsprachige KoWi will ich auch nicht bestreiten.]

Für die Versammlung waren vom Vorstand in Abstimmung mit Fachgruppensprechern eine Reihe von Vorschlägen erarbeitet worden, die im Kern folgende Alternativen vorsahen: Eine finanzielle Unterstützung der beiden Printjournale (durch fixen jährlichen Zuschuss oder durch ein “Pflichtabo”, d.h. erhöhte Mitgliedsbeiträge und dafür Bezug beider Zeitschriften) oder die Gründung eines open-access Online-Journals. Für letzteres lag leider kein umfangreiches Konzept vor (da dies erheblichen Aufwand bedeutet hätte, der angesichts des unklaren Meinungsbilds nicht geleistet werden konnte/sollte/wollte); ein zusätzlicher Antrag auf Etablierung eines (gedruckten) Jahrbuchs in englischer Sprache sorgte für weitere Verwirrung. Ein Mitglied merkte an, man müsse eigentlich für das “Pflichtabo” stimmen, da man dann zwei Zeitschriften abonniert hätte, deren Preis (die Beitragserhöhung) noch unter den momentanen Kosten für nur eines der beiden Journale liegt (“Zwei zum Preis von einem” also) – und dieses Argument (sicher nicht ausschließlich) verfing dann bei vielen. Nach einer von Geschäftsordnungsanträgen und Meinungsbildabfragen gespickten Diskussion entschied sich eine Mehrheit für das “Pflichtabo” und gegen das Online-Journal.

Aus meiner Sicht eine unglaublich kurzsichtige Entscheidung. Die internationale Sichtbarkeit und Erreichbarkeit der hiesigen Kommunikationswissenschaft wird so um keinen Deut erhöht; über kurz oder lang wird ein Online-Journal kommen müssen, um den veränderten akademischen Publikations- und Rezeptionsweisen Rechnung zu tragen. Was es noch viel ärgerlicher macht: Jedes Mitglied unterstützt nun durch seinen erhöhten Beitrag zwei wirtschaftlich orientierte Verlage – das akademische Wissen, das aus Steuergeldern finanziert wird (indem das Verfassen von Artikeln und deren peer reviewing von uns Wissenschaftlern ohne zusätzliches Entgelt geleistet wird) bleibt kostenpflichtig und damit der Gesellschaft verschlossen [nebenbei: Ein schönes Beispiel, wie aus individuell rationalen Entscheidungen (Abo-Deal) ein kollektiv irrationales Ergebnis resultiert]. Peter Schuhmacher fasst wunderbar zusammen, wie absurd das Ergebnis der Abstimmung ist (andere Reaktionen auch bei Steffen Büffel und Thomas Pleil):

“Am Vormittag erzählt Wikipedia-Gründer Jimmy Wales von den Vorteilen frei und online verfügbaren Wissens. Abends entscheidet sich die Mitgliederversammlung dagegen, ein frei verfügbares Onlinejournal zu gründen. Stattdessen sollen die beiden Fachzeitschriften Publizistik und Medien & Kommunikationswissenschaft (Papieredition) dadurch gerettet werden, dass alle Mitglieder über deutlich höhere Mitgliedsbeiträge ein Zwangsabo bekommen.

Drumherum wird noch ein bisschen gejammert, dass die deutsche Forschung nicht international wahrgenommen wird. Ob da nicht ein gedrucktes Jahrbuch abhelfen könnte, das die besten Beiträge in Englisch rausbringt? Finanziert sich auch nur über ein Zwangsabo für die Mitglieder, klar.”

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11 Antworten auf DGPuK 2007: Was enttäuschend war

  1. Muslar sagt:

    Hmm..dieselbe Geschichte kenne ich bei uns in Grün nur mit einem gottseidank anderen Ende ,-)

  2. Marc sagt:

    Besten Dank für die Infos zur Tagung.
    Das Abstimmungsergebnis überrascht mich freilich sehr. Ich selbst lese erst heute in den verschiedenen Blogs von dieser abendlichen Entscheidung und sitze gerade kopfschüttelnd vor dem PC. Denn klar, die wiss. Journale befinden sich in einem Dilemma, dann aber auf eine Subventionierung durch Pflichtabos zu setzen, anstatt mutig ein OA-Journal aufzuziehen, ist dann (jedenfalls in meinen Augen) doch sehr verwunderlich. Und kurzsichtig… auf Dauer (länger als 1-2Jahre) wird das nicht funktionieren.

    War jemand bei der Abstimmung anwesend? Welche Argumente wurden verhandelt? Wieso konnten sich die OA-Befürworter nicht durchsetzen?

  3. Jan Schmidt sagt:

    Marc, open access war gar kein richtiges Thema (es wurde also nicht entlang der Linie kostenpflichtig vs. open access diskutiert), sondern die Diskussion lief völlig quer dazu, mit Argumenten z.B. zur Reichweite & zur Begutachtung, dazu noch verkompliziert durch die Verquickung mit dem Jahrbuch-Antrag.
    Ich muss gestehen, dass ich selbst während der Diskussion gar nicht durchschaut hatte, was da jetzt grad passiert; ich war nach einem ersten Stimmungsbild davon ausgegangen, dass das Online-Journal gute Karten hätte. Nach einer ersten Abstimmung über vier oder fünf verschiedene Varianten gab es dann eine “Kampfabstimmung” zwischen dem Pflichtabo und dem Online-Journal. Da waren nur dummerweise schon jede Menge Leute draußen (die Sitzung hat über drei Stunden gedauert…), und letztlich kam es dann zu der Mehrheit für das Pflichtabo.

  4. Steffen sagt:

    Das Abstimmungsverfahren und -verhalten ist echt ein Witz. Das war und ist eine weitreichende Entscheidung gewesen und ich finde es skandalös, dass die Entscheidung so und nicht auf einem vernünftigen, transparenten und begründeten Weg getroffen wurde. Ich wünsche mir vom Vorstand der DGPuK eine aussagekräftige Stellungnahme bzw. ein Nachwort zu dieser Entscheidung. Das ist man schon allein den Kollegen schuldig, die sich um die Befagrung im Vorfeld gekümmert haben. Die DGPuK braucht ein OA-Journal, dasvon mir aus parallel zu den printpublikationen etabliert wird, zumal man hier ja hervorragende Möglichkeiten einer crossmedialen Verzahnung hätte. Zwangsbao geht gar nicht!

  5. Marc sagt:

    Danke für die zusätzlichen Informationen. Nach den Schilderungen ist der Sachverhalt also doch ein wenig komplizierter (wie so meist); allerdings durchaus fragwürdig, daß letztlich das Abstimmungsergebnis (so verstehe ich das) möglicherweise auch durch banale Randbedingungen des Verfahrens (keine klare Darstellung der Optionen, viele Teilnehmer sind zum Zeitpunkt der Abstimmung nicht mehr im Raum) beeinflusst wurde.
    Naja, nun bleibt also abzuwarten, wie lange der Beschluß die Publikations- und Finanzierungsfrage bindet. Könnte mir gut vorstellen, daß dieselbe Frage sich bald schon wieder stellt… vielleicht ja dann bei einer Diskussion unter besseren (Start-)Bedingungen.

  6. Jan Schmidt sagt:

    Zur Darstellung der Optionen: Es gab einen (meines Erachtens) klar und verständlich formulierten Vorschlag des Vorstands für die verschiedenen Abstimmungsalternativen; leider lag aus den im Beitrag geschilderten Gründen kein Konzept für das online-Journal vor. Es scheint mir plausibel, dass dadurch die Entscheidung maßgeblich beeinflußt wurde (die Printjournale kannte wohl jeder der Anwesenden; das Online-Journal blieb unklar).
    Und dass sich die Frage nach dem Online-Journal bald wieder stellen wird, sehe ich ähnlich.. :)

  7. Marc sagt:

    Gut, so allmählich nähern wir uns einer plausiblen Rekonstruktion des Verlaufs. ;-)

    Ja, scheint tatsächlich der Pferdefuß bei der Sache gewesen sein, daß ein Online-Journal erst gar nicht (wenigstens im Vorfeld) auf der Tagesordnung stand. Wenn dann die anderen Alternativen als prägnant formulierte Anträge/Optionen vorliegen, dann ist es kaum verwunderlich, wenn die gewählte Lösung das Rennen macht.

  8. Martin sagt:

    Alles in allem hat sich die DGPuK mal wieder als reformunwillige alte Tante gezeigt, die zwar über fortschrittliche Phänomene gerne diskutiert und sich damit schmückt (siehe Keynote Jimmy Wales), aber letztlich nicht bereit ist, ihre starren Formen zu lockern. Warum eigentlich nicht? Vielleicht aus der alten Angst, nicht als “richtiges” Fachgebiet wahrgenommen zu werden? Diese Zeiten sollten doch längst vorbei sein.

    Als positives Beispiel kann ich hier die DGOF (Deutsche Gesellschaft für Online-Forschung) anführen. Sie unterstützt seit dem vergangenen Jahr die Zeitschrift “Internet Science”, die völlig frei zugänglich ist.

  9. MUslar sagt:

    @Jan: Mail folgt

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