Die Sache mit der Relevanz

Posted on Montag 13 August 2007

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[Nachgetragen - zwei sehr schöne Ergänzungen zu der Debatte: Don Dahlmann findet die Diskussion “Journalismus vs. Weblogs” müßig, in den Kommentaren bei Robert Basic werden die Unterschiede in den Zielen und den Leistungen der beiden Bereiche angesprochen.]

In der SZ ist ein Artikel von Johannes Boie zu Blogs erschienen, in dem ich auch zu Wort komme. Wie üblich, wenn klassische Medien über die Blogosphäre schreiben, gibt es entsprechende Reaktionen von Bloggern, die in diesem Fall eher kritisch ausfallen [z.B. 1, 2]. Da ich gerade auf einem e-democracy-Workshop in Berlin bin, will ich nur ganz kurz was zum letzten Absatz des Textes schreiben:

“Bis es soweit ist, gilt das Fazit des Kommunikationswissenschaftlers Schmidt. Der umschreibt die Misere höflich. Die Öffentlichkeit von Weblogs bestünde in ihrer technischen Zugänglichkeit für jedermann. Keinesfalls aber besteht sie in ihrer gesellschaftlichen Relevanz.”

Das ist leider etwas missverständlich bzw. umständlich formuliert - was ich gerne ausdrücken möchte, ist in etwa folgendes: Weblogs sind öffentliche Kommunikation, weil sie prinzipiell für jeden zugänglich sind (Autoren wie Leser). Die Mehrheit der Blogger erhebt jedoch keinen Anspruch, einzig und allein Themen von gesellschaftlicher Relevanz anzusprechen, die historisch bzw. aus Sicht des “klassischen Journalismus” die Öffentlichkeit ausmachen. Daraus die Irrelevanz von Blogs zu folgern, ist meiner Meinung nach falsch: Weblogs, insbesondere im Long Tail mit vielleicht nur 5 oder 20 Lesern, bilden persönliche Öffentlichkeiten, innerhalb derer Menschen mit anderen Menschen solche Themen, Erlebnisse, Ideen etc. teilen, die sie für wichtig halten. Weblogs sind ja in aller Regel keine “broadcast”-Kommunikation, in der eine Person bestimmte Themen auswählt und an möglichst viele Menschen verteilt, sondern sind ein Mittel, Beziehungen zu anderen Leuten aufrecht zu erhalten oder neu zu knüpfen. Und dadurch wird die blogbasierte öffentliche Publikation von Themen mit persönlicher Relevanz auf einmal wieder gesellschaftlich relevant: Sie bietet neue Möglichkeiten des Austauschs und der Beziehungspflege.

Ich habe zum Beispiel bei der re:publica oder im Text für das Journalistik-Journal etwas ausführlicher argumentiert, dass das “Irrelevanz-Argument” ein immer wiederkehrendes Thema in den Diskursen rund um Weblogs ist, obwohl es aus meiner Sicht nicht haltbar ist; schade, dass der SZ-Artikel hier keine Ausnahme macht.



  1.  
    August 13, 2007 | 1:34 pm
     

    Ich denke, das Hauptproblem des SZ-Textes ist, dass der Autor von der These ausgeht, dass die Blogs eine unglaublich relevante und wichtige Öffentlichkeit darstellt, die in Begriff ist, die klassischen Printmedien zu kolonisieren. Er sucht dann eine Menge Gegenargumente um eine These zu widerlegen, die wohl kaum ein Blogger so unterschreiben würde. Also so eine Art Don Quixote. Wahrscheinlich sind die klassischen Printmedien sogar die einzigen, die den Weblogs ein so hohes Maß an Relevanz andichtet, dass sie davon überrascht werden können, wenn es ab und zu auch mal um FriseurInnen geht.

    BTW: Ich würde wetten, dass die Besucher der Blogartikeln, die über den SZ-Artikel berichten, sich zu einem nicht unwesentlichen Teil aus der SZ-Belegschaft rekrutieren ;-)

  2.  
    August 13, 2007 | 4:10 pm
     

    Blogs sind ‘Mikromedien’ in gleich mehrfacher Hinsicht. Mikro in Bezug auf:

    - ihre Relevanz
    - ihre jeweilige Leserschaft
    - die Zahl ihrer Mitarbeiter
    - die Kosten des Verlages
    - die Höhe der erzielbaren Einkünfte
    - und auch in Bezug auf die Mikro-Fähigkeit, sich blitzschnell wie ein Moskitoschwarm zusammenzuschließen und die vereinigte Journalistenschar mit ihrem Gesumme zu nerven

    Im Grunde ist es das völlige Gegenbild zum Journalismus, wo ‘Auflage’, ‘Quote’, ‘Schnittchen’ oder ‘Klickzahlen’ gelten.

  3.  
    August 13, 2007 | 5:21 pm
     

    Okay. Nachdem ich jetzt die Erklärung des zitierten Kommunikationswissenschaftlers gelesen habe, muss ich Herrn Boie sagen, dass sein Konstrukt namens Artikel in der SZ vollends in sich zusammenbricht.

    Seine Unterstellung das selbsterklärte Ziel der Bloglandschaft sei es die Medien zu korrigieren, konnte er von Anfang an nicht halten, der Vergleich mit den USA hinkt, und die zitierte “Autorität” sieht sich missverstanden.

    Für mich ist dieser Artikel nun nichts weiter als ein Kommentar - so wie man es von der zweiten Seite der Tagespresse kennt.

  4.  
    August 13, 2007 | 6:47 pm
     

    Hier in Norddeutschland, wo die christliche Seefahrt beheimatet ist, kennen wir die Heul-Boie, die besonders bei dichtem Nebel loszublöken hat.

  5.  
    Jürgen Brückmann
    August 13, 2007 | 9:27 pm
     

    “Das ist leider etwas missverständlich bzw. umständlich formuliert - was ich gerne ausdrücken möchte, ist in etwa folgendes: …”

    Als Kommunikatonswissenschaftler mit stetem Kontakt zu den Medien und zu Kommunikationsagenturen sollte das etwas selbstbewusster transportiert werden. Finden Sie nicht? Auch wenn e-democracy natürlich Priorität besitzt ;-)

    Ich halte es übrigens für baren Unsinn, wenn Rechtsanwälte einen Rechtsanwaltsblog und Kommunikationsleute einen Kommunikationsblog führen. Das führt meiner Meinung nach nämlich zu nichts, außer zu unsäglichen Medienbeiträgen.

  6.  
    August 14, 2007 | 12:48 am
     

    @Jürgen Brückmann: Was sollte ich selbstbewusster transportieren - meine Meinung in Sachen Weblogs oder in Sachen Zitierung? Ersteres habe ich hier angesprochen, letzteres in einem etwas längeren Eintrag hier: http://www.bamberg-gewinnt.de/wordpress/archives/811

  7.  
    JB
    August 14, 2007 | 9:26 pm
     

    Herr Schmidt,

    Sie als Wissenschaftler haben auch eine Ehre und eine Kodex, nicht wahr?

    Sollte ihr Zitat falsch sein, fehlen mir persönlich hier die Bemühungen um Klarstellung im erwähnten Medium. Querverweise helfen nicht. Es geht meiner Meinung nach um sehr viel, eben auch um Ihre Ehre als Wissenschaftler.

    Kennen Sie den presserechtlich gängigen Begriff “Gegendarstellung”?

  8.  
    August 15, 2007 | 7:14 pm
     

    [Ich habe einen der ursprünglich doppelten Kkommentare rausgenommen]

    Falsch ist das Zitat ja nicht, möglicherweise etwas missverständlich - aber Ich muss sagen, dass ich diese Angelegenheit jetzt als nicht sooo gravierend empfinde, dass ich mit Gegendarstellungen o.ä. reagieren müsste.

  9.  
    JB
    August 15, 2007 | 9:59 pm
     

    Danke, das wollte ich hören. Sicher haben Sie nichts dagegen, wenn ich Ihre schriftlichen Aussagen in Kürze und in vollem Wortlaut zitiere. Da kann man dann nun wirklich nichts falsch auslegen.

  10.  
    August 15, 2007 | 11:12 pm
     

    Da habe ich nichts dagegen - wo wollen Sie denn welche Aussagen zitieren? Über ein Belegexemplar bzw. einen Hinweis auf eine Onlinepublikation würde ich mich freuen. :)

  11.  
    August 16, 2007 | 9:57 am
     

    Um ehrlich zu sein: Ich glaube, der Herr Schmidt wurde schon zu oft zitiert dafür, daß er mit so komplexen Wörtern so banale Dinge aussagt. Und seine Satzkonstrukte gleich noch - trotz Medienerfahrung - interpretationsoffen formuliert.

    Es ist nicht schön, wie er sich dann herumwindet. Den Bloggern will er es recht machen („ich wurde falsch zitiert”), aber mit der SZ will er es sich auch nicht verscherzen („aber eigentlich kann ich mit der Interpretation leben”).

    Wissen Sie was, Herr Schmidt? Stehen Sie doch einfach mal zu Ihren Aussagen! Dann brauchen Sie keine schwammigen Formulierungen mehr, dann können Sie genau das sagen, was Sie meinen. Allerdings gibt es dann auch keine Hintertür mehr, falls Sie merken, daß Ihre Meinung nicht ankommt.

  12.  
    August 23, 2007 | 9:20 am
     

    Hallo Herr Psycho, mein erster Gedanke war, eine längere Antwort auf Ihren Vorwurf zu schreiben - aber dann dachte ich mir: Warum gleich am ersten Tag nach dem Urlaub die Trolle füttern?

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