Mal was grundsätzliches zu Interviews

Das folgende ist ein Blogeintrag par excellence: streng subjektiv, etwas länger, persönlich und vermutlich nicht weiter relevant….:)

Ich habe heute mal wieder fasziniert verfolgt, wie eine Geschichte aus den klassischen Medien (hier: die SZ-Story zu Blogs) in der Blogospäre “fortgeschrieben”, also diskutiert, ergänzt, bestritten und weiter verbreitet wurde [technorati]. ix hat den schönen Vergleich vom Ameisenschwarm gebracht (inspiriert vom “National Geographic Magazine) – das wäre nochmal einen eigenen Eintrag wert, da meiner Meinung nach die Blogosphäre doch nochmal anders strukturiert ist als ein Ameisenschwarm (gibt es A-List-Ameisen? A-Meisen?).

Was mir in den vergangenen Tagen aufgefallen ist: Durch mein eigenes Blog stehen mir Möglichkeiten zur Verfügung, auf Berichte oder Interviews in den Massenmedien zu reagieren, die vermutlich vor ein paar Jahren noch undenkbar waren. Ich will das jetzt gar nicht an dem SZ-Artikel aufhängen, sondern lieber mal ganz allgemein schildern, wie das Verhältnis zwischen Wissenschaft/Forschung und Journalismus in meinem Fall so aussieht:

Ich habe bis 2005 nur ganz vereinzelt Anfragen zu Interviews oder Gesprächen von Journalisten bekommen, und dabei ging es meistens um Dinge, die nicht direkt etwas mit meiner wissenschaftlichen Arbeit zu tun hatten (ich habe über das Internet im lokalen Raum promoviert). Haften geblieben ist eigentlich nur die Anfrage von einem TV-Privatsender-Vorabend-Magazin, das eine Story über Wrestling in Deutschland geplant hatte und einen Soziologen zu Wort kommen lassen wollte. Wie sich im Gespräch herausstellte, war ich (aufgrund einer aktuellen Lehrveranstaltung) damals bei einer Suche nach “Wrestling Sportsoziologie” bei Google weit oben, und ich hätte wohl die “kritische Stimme der Wissenschaft” liefern sollen. Nun ja, hab ich im Telefonat gesagt, dazu könne ich nicht wirklich viel sagen… das war es dann auch.. :)

Anfang 2005, als ich gerade in Wien war, kam die Berichterstattung über Weblogs dann so langsam ins Laufen. Ausschlaggebend war die Spreeblick-Jamba-Geschichte, die u.a. auch von SpON aufgegriffen worde. Der Netzwelt-Redakteur Christian Stöcker und ich kennen uns gut, wir haben uns über den Fall unterhalten, er hat mich zu dieser Sache befragt und zitiert [siehe hier]. Wenig später kam dann eine längere Geschichte im Focus-Print, bei der ich sogar mit Foto als einer von vier Bloggern gefeatured wurde (ausser mir noch Jörg Kantel, Martin Röll und Klaus Eck, wenn ich mich recht erinnere). Vielleicht scanne ich die Seiten bei Gelegenheit mal; nicht zuletzt weil sie Eindrücke über die Aussenwahrnehmung der Blogosphäre durch Journalisten von vor über 2 Jahren bieten. Der Aufhänger war damals übrigens die Geschichte, dass ich meine Handschuhe im Kiosk der Wurst verloren und später wiedergefunden hatte. Auch das kein wirklich relevantes Thema… :)

In den folgenden Monaten nahmen die Anfragen von Journalisten dann stetig zu; einige Beispiele sind auch hier im Blog dokumentiert. Ich habe damals (wie heute noch) davon profitiert, dass es nur wenige (Kommunikations)Wissenschaftler gibt, die sich mit diesem neuen Phänomen auseinandersetzen; irgendwann wird das dann auch zum Selbstläufer: Man taucht als Blogforscher o.ä. mit einem Zitat in einer dpa-Nachricht auf, die wiederum von anderen Journalisten gelesen wird, die dann wieder bei mir anfragen, und so weiter. Besonders deutlich war das beim 3Sat-Kulturzeit-Interview zu bemerken, nach dem mich mehrere Journalisten mit der Einleitung kontakiert haben: “Ich habe Sie neulich bei 3Sat gesehen…”.

Im Sommer 2006 hat es meiner Wahrnehmung nach noch einmal deutlich angezogen; das war die Zeit, als “Web 2.0″ auch zum Thema in deutschen Medien wurde. Ich habe im letzten Herbst jede Menge Journalistengespräche zu studiVZ und Blogs als Medien der Selbstdarstellung geführt, und auch über die letzten Monate waren es wohl so zwei bis drei Gespräche pro Monat (u.a. SZ Wissen, Brigitte, Thüringer Allgemeine, Ottfried, Campus TV, ….). Oft geht es um grundsätzliche Dinge: Warum bloggen die Leute, was sind die Risiken von studiVZ, gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen beim Bloggen, etc. Manchmal merkt man beim Interview, dass der Gesprächspartner schon eine halbwegs feste Vorstellung von der zu schreibenden Geschichte hat (gerne benutze Formulierung: “Ich brauch dann noch einen O-Ton zum Thema ‘Gefahren von studiVZ’”), oft ist es aber auch eine wirklich angeregte Unterhaltung, bei der ich vermutlich viel zu viel rede. Gelegentlich (aber eher selten, und fast ausschließlich bei Print-Artikeln) kommt einige Tage später nochmal ein Mailwechsel, damit ich wörtliche Zitate freigeben kann – was ich übrigens als gute Sache empfinde, ohne dass es unbedingt nötig wäre; ich habe glaube ich noch nie ein Zitat korrigieren müssen.

Und irgendwann erscheint der Artikel, ich bekomme einige Zeit später ein Belegexemplar,…

…. und das wäre es früher wohl gewesen.

Heute stehen mir jedoch noch eine ganze Reihe weiterer Werkzeuge zur Verfügung, die Reaktionen auf einen Artikel zu verfolgen, in dem ich zitiert werde (wenn der Text online zugänglich ist..) : Über Technorati, Blogcounter und Trackbacks kann ich sehen, wo ein Text aufgegriffen wurde , und kann mich gegebenfalls in den Diskussionen zu Wort melden. In meinem eigenen Blog kann ich zusätzlich Themen ansprechen, die mir wichtig sind, die aber im Artikel oder dem 2:50 Radiobeitrag keinen Platz mehr fanden: Links und Hinweise, ergänzende Argumente und Meinungen, ganz selten mal eine Fehlerkorrektur, oder einfach nur ein making of.

Persönlich empfinde ich das als Absicherung: Sollte ich irgendwann einmal das Gefühl haben, komplett sinnentstellend zitiert zu werden, könnte ich meine Sicht der Dinge darlegen und notfalls darauf verweisen. Für meine Leser/innen ist es hoffentlich eine interessante Ergänzung zu Themen, die sich einfach nicht in zwei kurzen Statements abhandeln lassen. Insgesamt profitieren also alle, oder? :)

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4 Antworten auf Mal was grundsätzliches zu Interviews

  1. Noch origineller: Mir ist mal ein Artikel (über 2.0 und so) zerschreddert worden und ich hab sofort meine Originalversion in mein Blog geschrieben. so dass ich jedem zeigen konnte: ‘Das hat der Redakteur von mir gekriegt…’
    Als ‘Nichtjournalist’ macht man sich manchmal keine Vorstellung davon wie wohl UND wehe Redakteure manchmal Artikeln tun ;)

    (Die Kommenarschrift ist klein und grau, ist das zur Abschrecking?)

  2. Chris sagt:

    sehr relevant! zumindest aus meiner subjektiven perspektive. ciao, chris

  3. Monica sagt:

    Hallo Jan,
    weil ich das gerade etwas nachträglich lese: hast Du eigentlich Kontakt zu Thomas Wanhoff?? (http://weblog.wanhoff.de/?page_id=228)
    Ich bin mir sicher, ihr hättet Euch viel zu sagen – ich bin ziemliche Fan von seiner Wissenschaftssendung (http://wissenschaft.wanhoff.de/), er macht aber neben Podcast auch viel mit Weblogs und so.
    Ich dachte ich sage Dir das mal, vllt. ist der Kontakt ja interessant! ;)
    (Außerdem brauche ich etwas, was mich ganz dringend von meiner Diss abhält!! :D )
    Liebe Grüße
    Monica

  4. Monica sagt:

    Doh, zuerst Anweisungen lesen, dann weiß man auch, wie man URLs richtig einfügt!! :P