Zurück aus Karlsruhe

Zurück aus Karlsruhe, von der sehr interessanten Tagung “Ich, wir und die anderen” am ZKM – und mein Kopf brummt nach den vielen Gesprächen, Vorträgen und Diskussionen seit Donnerstag nachmittag. Dabei habe ich noch nicht mal alle Panels mitbekommen, weil ich am Nachmittag meinen Zug erwischen musste. Technorati findet auch bereits jede Menge Verweise und Diskussionen; in aller Kürze und eher fragmentarisch drei Diskussionspunkte, die mich beschäftigen:

Geert Lovink stellte bei der Podiumsdiskussion am Donnerstag die Forderung: Enteignet Google. Provokant natürlich, aber der zugrunde liegende Gedanke ist richtig: Google sammelt das Wissen der Welt und stellt es der Allgemeinheit (vermeintlich) kostenfrei zur Verfügung – eine Leistung, die (gerade im europäischen Kontext) eigentlich eine öffentliche Aufgabe sein und nicht von einer privatwirtschaftlichen Organisation kontrolliert werden sollte. Denn niemand kann garantieren, wofür in Zukunft die Unmenge von Daten, über die Google verfügt, verwendet werden. Die Podiumsdiskussion hatte auch keine rechte Antwort darauf, was an die Stelle von Google treten könnte, doch zumindest bedenkenswert fand ich den Ansatz, im europäischen Raum zumindest Alternativen aufzubauen. Ich stimme ihm zu, dass Europa (was auch immer das ist) aufgrund seiner politischen wie auch kulturellen Tradition möglicherweise besser geeignet ist, ein solches Projekt zu starten als die USA (über Asien weiß ich zu wenig). Aber gibt es denn schon dezidiert europäische Öffentlichkeiten im Internet oder im Web 2.0, die als Ausgangspunkt dienen könnten?

Uwe Hochmuth warf in seinen beiden Vorträgen (Do und Fr) eine interessante Frage auf: Braucht eine zivilgesellschaftliche Sphäre im Internet, die Öffentlichkeit im Sinne eines herrschaftsfreien Diskurses und als Korrektiv zum Markt und zur Politik bildet, die Vorleistungen von genau diesen beiden Bereichen? Anders gesagt: Kann eine Infrastruktur wie das Netz nur durch Markt und Politik gebildet werden, auf dass die Zivilgesellschaft sich dann nicht-kommerzielle, nicht-kontrollierte Freiräume erkämpft oder “erräubert” (so zumindest Hochmuths These)? In der Konsequenz heißt das dann ja auch: Wir brauchen mehr Kommerzialisierung und mehr politische Regulierung, um die Stabilität einer Infrastruktur zu gewährleisten, die dann auch für andere Zwecke genutzt werden kann. Problematisch ist dann aber der Umstand, dass gerade die Kommerzialisierung Glaubwürdigkeit und Vertrauen (z.B. in das Funktionieren des soziotechnischen Systems) benötigt, die nicht aus marktbasierten Transaktionen heraus entstehen kann. Stattdessen setzt sie herrschaftsfreie Räume voraus, die Glaubwürdigkeit und Vertrauen produzieren, von denen die Kommerzialisierung dann erst zehren kann. [Ich vermute, dass dies ein Gedanke ist, der schon vor dem Netz gedacht wurde - irgendwelche Hinweise zu diesem grundsätzlichen Zusammenhang unterschiedlicher gesellschaftlicher Bereiche? Habermas? Parsons? Luhmann?]

Schließlich der Vortrag von Don Alphonso, den er im Vorfeld auch schon vorbereitet und gebloggt hatte. Aber eigentlich trat Rainer Meyer auf und schilderte, wie ihm die literarische Person “Don Alphonso” als Schutz dient, um Persönliches und (Blog)Öffentliches so weit es geht auseinander zu halten. Auch für das engere soziale Umfeld konstruiert er Figuren, die dann die Geschichten erleben, die er beschreiben will. Schlüsselbegriff ist hier wohl sein Ausdruck “erzählende Blogosphäre”, was man vielleicht von so etwas wie einer “dokumentarischen Blogosphäre” der Filter-, Wissens-, Wissenschaftsblogs etc. abgrenzen könnte (aber jetzt begebe ich mich auf das Gebiet der Genretheorie, wo ich nicht sonderlich fit bin). Problematisch finde ich daran, dass diese Literarisierung zwar ihn und sein Umfeld schützt, doch die Angriffe der Kunstfigur Don Alphonso auf andere Personen durchaus real sind und eben ungeschützt ertragen werden (müssen). Dies wurde in der anschließenden Diskussion deutlich, als Peter Turi und MC Winkel ihre persönlichen Scharmützel mit Rainer Meyer vortrugen bzw. zumindest andeuteten – was zumindest die Zuhörer rund um meinen Sitzplatz eher anödete (die persönlichen Scharmützel, nicht das prinzipielle Dilemma). Rainer brachte es selbst auf den Punkt, als er in seiner Replik auf Peter Turis Frage vorwegschickt: “Das ist jetzt wie wenn zwei alte Opas vom Krieg erzählen…”. Zudem gingen dadurch leider die übrigen Vorträge von Peter Glaser, Vanessa Diemand und Peter Praschl etwas unter, die auch ausführliche Diskussionen verdient hätten.

Für mich stellt sich aber auch eine grundsätzlichere Frage: Ich nenne bislang eigentlich immer gerne “Authentizität” als eine der Leitideen, die (neben Dialogorientierung und Dezentralität) die Blogosphäre prägen und den unterschiedlichen Praktiken gemeinsam sind bzw. zumindest als Leiterwartungen dienen. Vermutlich muss ich nochmal genauer ausformulieren (und wenn es nur für mich selbst ist), wie Authentizität vor dem Hintergrund eines weitgehend unsichtbaren Publikums und zu einem gewissen Grad kollabierender sozialer Kontexte im Blog zu denken ist. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang der Aufsatz von Lori Kendall zu Praktiken bei LiveJournal (“Shout Into the Wind, and It Shouts Back” Identity and interactional tensions on LiveJournal) , die solche Fragen auch anspricht. Aus ihrem Fazit:

LiveJournal evokes, highlights, and sometimes exacerbates tensions inherent in social interaction. The model of the intimate personal diary conflicts with the reality of posting to a wide online audience. This performative nature of LiveJournal further complicates people’s ability to see themselves as sincere and genuine. Their desire for feedback in the form of comments also conflicts with valued notions of an autonomous, individualistic self.

Ein großes Dank an die Organisatoren vom ZKM, vor allem an Vanessa und Christina mit ihren (für mich leider namenlosen) Helfern, die eine sehr spannende Tagung auf die Beine gestellt haben!

PS: Der schönsten Versprecher, den ich seit langem gehört habe, kam am Donnerstag Abend von Andy Müller-Maguhn: “Was die gluppe graubt..” :)

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4 Antworten auf Zurück aus Karlsruhe

  1. Don Alphonso sagt:

    Ja. Ich fand es auch doof, da vorne zu sitzen und mir diese Nummern da anzutun. Man sollte vielleicht noch dazu sagen, dass sich auch Christoph Schultheiss vom Bildblog nicht entblödete, das Duo – ohne sich vorzustellen – zu komplettieren. Leute, denen nichts peinlich ist. Die sollten es mal mit einer Kunstfigur proberen, dann fällt es nicht so direkt auf deren Ego zurück.

  2. Martin sagt:

    “Enteignet Google” ein klasse Schlachtruf, aber wie bitte schön? Weil Google ein globaler Wissenskonzern ist wäre das noch viel schwieriger umzusetzen als “Enteignet DaimlerChrysler”.

    Außerdem erbringt Google ja durchaus eine Leistung, die von den Nutzern nachgefragt wird. In allen mir bekannten Studien hat Google qualitätsmäßig am besten abgeschnitten. Die Leistung liegt übrigens nicht im allseits bekannten “Page-Alg.”. Das ist Foklore. Viel mehr hat es Google geschafft in seinen Rechenzentren so viel Rechenpower ins Netz zu bringen, dass die Wartezeit auf Anfragen minimal und die Suchleistung maximal ist. Das ist die eigentliche Leistung: Tausende von Rechnern in einem Rechenzentrum so zu vernetzen, dass die Suchanfragen verteilt abgearbeitet werden. Und dann die Rechenzentren unter einer Site so miteinander zu vernetzen, dass ein Nutzer nix davon merkt.

    Enteignet Google? Im Übrigen ist es mir lnoch ieber, Google organisiert das Wissen der Welt als das deutsche Innenministerium.

  3. Theo sagt:

    Mir ist diese “Enteignet Google”-Forderung auch etwas zu reißerisch. Bin mal gespannt, ob in dem versprochenen Text von Loovink etwas genauer beschrieben wird, wie er sich das vorstellt. Wesentlich interessanter fand ich da aber den Vorschlag von Bernhard Rieder (pdf), das Google einen Teil seiner Rechenleistung und seines Indexes für private Entwickler gratis zur Verfügung stellen sollte.

    Zur Frage der europäischen Alternativen findet übrigens Ende des Monats ein ziemlich interessantes Seminar in Mastricht statt: http://www.janvaneyck.nl

  4. christina sagt:

    lieber jan,
    du hast nicht zufällig noch den erheiternden kleinen zeitungsausriss, in dem vanessa noch vor sloterdijk und den anderen großen tieren genannt wurde? den würde ich nämlich zu gern aufs tagungsblog zur illustration der blogreaktionen setzen! ansonsten: schön, dass du und die anderen hbs da wart – so wie es aussieht, trifft man sich im november in mittweida wieder. viel erfolg beim “neuen netz”!